Kritik an „Germany’s next Topmodel“ nimmt zu

Hashtag gegen Heidi: Mit dem Schlagwort #NotHeidisGirl protestieren im Netz zahlreiche junge Frauen gegen «Germany's next Topmodel». Experten sagen, die Kritik an der Show habe eine neue Stufe erreicht. Grund dafür ist auch ein anderer Hashtag: #MeToo.
Titelbild
Seit 13 Jahren sucht Heidi Klum «Germany's Next Topmodel».Foto: Marcel Kusch/dpa
Epoch Times20. Februar 2018

„I’m not Heidi’s girl“, singt ungefähr ein Dutzend Mädchen in einem Video, das auf YouTube kursiert. „I am more than my looks.“ Heißt so viel wie: „Ich bin nicht Heidis Mädchen. Ich bin mehr als mein Aussehen.“

Schülerinnen aus Hamburg stecken hinter dem Song, der sich gegen die Casting-Modeshow „Germany’s next Topmodel“ (GNTM) richtet. Das trifft einen Nerv: Der Clip wurde bisher etwa eine halbe Million Mal geklickt. Die Kritik an der Sendung scheint diesmal eine andere Dynamik zu haben als in den Vorjahren. Experten zufolge hat das auch mit der Debatte um #MeToo zutun.

„Ich glaube, die Botschaft, die bei GNTM transportiert wird, ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt Soziologin Nina Degele von der Uni Freiburg. „Kritik ist immer daran geübt worden, aber nun geht es tiefer.“ Der Song greift den Hashtag #NotHeidisGirl der feministischen Gruppe Vulvarines auf und wendet sich gegen die in der Sendung propagierten Schönheitsideale. „Ich kann mir vorstellen, dass es mit #MeToo zu tun hat, dass sich das Klima geändert hat“, sagt Degele. „Die Stimmung in der Gesellschaft ist sensibler geworden.“

Die #MeToo-Debatte entstand im vergangenen Herbst, nachdem Vorwürfe sexueller Übergriffe gegen den Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein laut geworden waren. Die Enthüllungen hatten eine weltweite Bewegung ins Rollen gebracht, bei der Hunderttausende Betroffene über eigene Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen berichten.

„Angesichts monatelanger Sexismus- und Gleichstellungsdebatten wirkt das Zurschau- und gleichermaßen Bloßstellen junger Mädchen nur noch wie blanker Hohn“, schreibt eine Autorin des Branchendiensts „Meedia“. Zwar habe es schon immer Kritik an dem Format gegeben. „Doch in diesem Jahr fühlt es sich noch mal anders an, noch falscher und vor allem: zynischer.“

Wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ergab, findet die Mehrheit der Deutschen, dass das Format ein falsches Schönheitsideal vermittelt. Der Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen lag zum Staffelstart bei 17,3 Prozent etwa auf dem Niveau der Vorjahre. Die Gesamtzahl der Zuschauer war zum Auftakt mit 2,2 Millionen (Marktanteil: 7,9 Prozent) etwas unter dem Niveau des Vorjahres mit 2,63 Millionen (8,8 Prozent), legte mit der zweiten Folge aber bereits zu.

„Die Kritik an „Germany’s next Topmodel“ hat sich geändert, weg von der Magersuchtsdebatte hin zu einem sehr viel größeren Thema: Was ist eigentlich Weiblichkeit?“, sagt Medienwissenschaftlerin Miriam Stehling von der Uni Tübingen. Es gehe in der Debatte auch um die Unterwerfung von Frauen – bei GNTM etwa vor den Vorgaben der Jury und dem Schönheitsideal. „Das passt zusammen mit neuen feministischen Bewegungen wie #MeToo. Es geht nicht um einen Schlankheitswahn, sondern darum: Was für ein Frauenbild transportieren wir eigentlich?“

Stehling hat auch untersucht, warum sich Frauen GNTM anschauen. „Junge Mädchen, die GNTM schauen, sind nicht unbedingt mit dem Frauenbild einverstanden“, erklärt sie. „Da gibt es eine Ambivalenz, indem sie etwa sagen „Ich schaue mir das gerne an“, die sexistischen Aufforderungen aber kritisch reflektieren.“ Für 14- bis 20-Jährige sei Reality-TV normal. „Sie wissen, dass es inszeniert ist“, sagt Stehling. Aber: „Sie verbannen deswegen nicht das ganze Format.“

Der Protest der Schülerinnen zeige, dass die Zielgruppe das Format kritisch sehe und das Frauenbild hinterfrage. „Ich glaube, dass Bewegungen wie #MeToo und #Aufschrei dazu geführt haben, dass diese Themen präsenter sind. Da sehe ich schon einen Zusammenhang“, sagt Stehling. „Man muss aber differenzieren zwischen sexistischen Aufforderungen, wie es sie bei GNTM gibt, und sexualisierter Gewalt.“ In der Show müssen Teilnehmerinnen zwar in knappen Outfits oder nackt mit Bodypainting posieren. Mit den Übergiffen, die bei #MeToo zur Sprache kommen, kann man das Stehling zufolge aber nicht vergleichen.

Das sieht Medienwissenschaftlerin Jutta Röser von der Uni Münster ähnlich. „Bei #MeToo geht es um sexualisierte Machtausübung, Übergriffe und Gewalt“, sagt sie. „GNTM funktioniert ja gerade mit und für Frauen.“ Auch sie glaubt, dass Zuschauer nicht unbedingt mit dem dort gezeigten Frauenbild einverstanden sind.

ProSieben nimmt die Kritik gelassen. „Seit 13 Jahren wird GNTM immer wieder von Medienwächtern geprüft und als unbedenklich eingestuft“, erklärt ein Sprecher. „Aber seit 13 Jahren arbeiten sich auch unterschiedlichste Gruppen an GNTM ab, um für ihre Organisation oder ihr Produkt Aufmerksamkeit zu bekommen.“ In dem Fall sei das die Organisation „Pinkstinks“, die hinter dem Protestsong steht.

Hat die Show in Zeiten von #MeToo und #Aufschrei eine Zukunft? „GNTM verändert sich von Jahr zu Jahr“, betont der Sprecher. „Und nimmt Veränderungen in der Gesellschaft auf.“ Jurorin Heidi Klum hatte im Vorfeld erklärt, auch Mädchen „mit tollen Kurven“ seien gefragt.

„Ich würde mich sehr wundern, wenn die ganze Debatte einfach so verpuffen würde und es mit GNTM einfach so weitergehen würde“, sagt Soziologin Degele aus Freiburg. Aber: „Man sollte nicht denken, dass sich durch #MeToo schon morgen alles ändert“, sagt sie. „Solche sozialen Strukturen fallen nicht einfach so ab. Aber es ist gut zu sehen, dass es an immer mehr Stellen hinterfragt wird.“ (dpa)



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