Wien zwischen Kaiserromantik und Gegenwartskultur + Fotogalerie

Von 12. Mai 2016 Aktualisiert: 8. Juli 2016 3:18
Die Strahlkraft der Wiener Kunstszene: Noch hundert Jahre nach Kaiser Franz Joseph pflegt die Donaumetropole ihr reiches imperiales Erbe.

Es war eine „schöne Leich“, und nie zuvor hatte Wien eine schönere gesehen. Als vor genau hundert Jahren der „ewige Kaiser“ Franz Joseph nach 68 langen Amtsjahren mit Glanz und Gloria zu Grabe getragen wurde. Doch der schöne Schein trog. Denn zwei Jahre vor dem Ende des Ersten Weltkrieges schwebte bereits eine düstere Vorahnung über dem Zeremoniell. Und diese sollte sich schon bald verdichten zu der unheilvollen Vision vom unrühmlichen Ende des alten Habsburgerreiches.

Als K.u.k.-Monarchie hatte dieses noch bis zuletzt im Konzert der europäischen Großmächte mitgespielt. Und stets hatte Franz Joseph darauf geachtet, auch die eigene Hauptstadt in ihrem äußeren Erscheinungsbild konkurrenzfähig zu machen. Dies sollte ihn allerdings nicht daran hindern, den nach außen hin gepflegten Pomp durch geradezu bürgerliche Bescheidenheit zu kompensieren. Eine Haltung, die schließlich im allgemeinen Bewusstsein das Klischee eines tragischen Menschen hervorbrachte, „dem in seinem Leben nichts erspart blieb“. Ein Mythos, der die Monarchie nachhaltig überdauern sollte.

Mensch und Herrscher

Davon berichten im 100. Gedächtnisjahr seines Todes gleich mehrere Ausstellungen im Wiener Stadtbereich. Natürlich ist dies ein eher trauriger Anlass. Doch trägt er in der Stadt Sigmund Freuds dazu bei, dem kollektiven Unbewussten wieder stärker auf die Sprünge zu helfen und der Trauerarbeit einen breiteren Raum zu geben. Allen Aufarbeitungsversuchen voran geht die opulente Ausstellung im Schloss Schönbrunn, mit dem der Kaiser biographisch stets eng verbunden war. Die Zusammenschau lässt den Monarchen als „Mensch und Herrscher“ in seinem familiären und politischen Umfeld hervortreten.

Als ebenso aufschlussreich erweist sich die Ausstellung im Prunksaal der österreichischen Nationalbibliothek. Unter dem Titel „Der ewige Kaiser“ zeigt sie Franz Joseph als die am meisten fotografierte Person seiner Zeit. Mit einem Gesicht, das symbolisch stehen sollte für eine ganze Epoche. Eine nie zuvor gesehene Fotomontage vereint sein Profil sogar mit dem seines kaiserlichen Kollegen Wilhelm II. Das Doppelfoto steht unter dem verheißungsvollen Motto: „Mit vereinten Kräften“. Und in der historischen Distanz macht es ironischerweise deutlich, dass diese Kräfte nicht ausreichten, um die gemeinsame militärische Niederlage des Ersten Weltkrieges von ihren Kaiserreichen abzuwenden.

Starparade der Prachtfassaden

Erklärt sich die erstaunliche Gelassenheit der Wiener Bevölkerung bei der nachträglichen Bewertung ihres Kaisers aber nicht gerade dadurch, dass dieser der Stadt ein überaus reiches architektonisches Erbe hinterlassen hatte?  Vor allem die nunmehr 150 Jahre alte Ringstraße, die erst durch das Schleifen der alten Stadtmauern entstehen konnte. Und die als Starparade der Prachtfassaden mit dazu beitrug, in der eigenen Selbstdarstellung zu den anderen europäischen Hauptstädten aufzuschließen. Ein geschickter Coup, zumal die Repräsentationsbauten am Ring auch aus dem heutigen Stadtbild kaum wegzudenken sind.

Stadtführerin Beatrice kennt sie alle mitsamt den Stararchitekten jener Zeit. Und sie zeigt sich fest davon überzeugt, dass ihre herrschaftliche Pose den Übergang vom imperialen zum modernen Wien nicht behindert, sondern sogar gefördert hat. Den Beweis für diese These bleibt sie nicht lange schuldig und erklärt kurzerhand das repräsentative Palais Ferstel mit seiner an Mailänder Dimensionen erinnernden Galerie zu ihrem Lieblings-Aufenthaltsort. Kaum weniger attraktiv ist das nicht weit entfernte Café Central als Inbegriff der alten Wiener Kaffeehauskultur.

Mythen der Stadt

Wie wenig Wien jedoch auf dem Stand jener Gründerjahre stehen geblieben ist, zeigt der ultramoderne Baukomplex der Wirtschaftsuniversität Wien  in der Nähe des Messegeländes. Hier findet sich in dem lang gestreckten Gebäudeensemble ein geradezu unglaubliches Spiel von Formen und Farben, das in seinem Facettenreichtum den überraschten Besucher zunächst irritiert. Als herausragend unter den einzelnen architektonischen Kreationen  erweist sich das Learning Center  in der Mitte der Anlage. Und Michael, Student der Betriebswirtschaft, erblickt in ihm sogar schon einen modernen Mythos.

Ein anderer Mythos der Stadt, der in Kaisers Zeiten zurück reicht  und noch heute die Gegenwartskultur beflügelt, sind ihre Bühnen. Allen voran die Staatsoper, die mit dreihundert Vorstellungen im Jahr bei täglich wechselndem Programm eine unglaubliche logistische Meisterleistung zustande bringt. Heute „Figaro“, morgen „Madama Butterfly“ – in einer unvorstellbaren Vielfalt, die vom Publikum mit einer Auslastung von 99 Prozent honoriert wird.

Wiener Esskultur

Bei einem solchen kulturellen Angebot darf natürlich auch die Kulinarik nicht zu kurz kommen.  Aus dem Rahmen fällt nahe dem Praterstern das neu eingerichtete Café Supersense im Dogenhof. Außen wie ein venezianischer Palazzo mit einem imponierenden Markuslöwen. Innen dagegen zeigt es sich in lockerer Atmosphäre als ein Treffpunkt für jung und alt, für Gäste und Einheimische. Besonders bekannt ist das Café wegen seiner Suppen und Kuchen für den kleinen Hunger zwischendurch.

Als äußerst charmant erweist sich auch das Restaurant Hansen im Untergeschoss des Börsengebäudes am Wiener Ring. Eine „erste Adresse für Genießer“, wie die eigene Einschätzung suggeriert? Ein angedeutetes Versprechen, das zweifellos auch eingelöst wird mit überaus köstlichen Vorspeisen, Risotto-Hauptgerichten und sensationellen Desserts. Ja, auch die Liebe zu einer Stadt geht durch den Magen. Und schließlich spannt sich der Bogen der Wiener Esskultur von Kaiser Franz Joseph bis mitten hinein in die Gegenwart.

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