Anja Reschke und die „wütenden weißen Männer“: Wirbel um Twitter-Neujahrsvorsatz

Von 4. Januar 2019 Aktualisiert: 4. Januar 2019 14:58
Mit einem giftigen Tweet in Richtung "wütender weißer Männer" hat Parade-Haltungsjournalistin Anja Reschke heftige Reaktionen ausgelöst. Nicht jedem ist nachvollziehbar, warum die Kämpferin gegen "Rassismus", "Sexismus" und "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" selbst Stereotype verwendet.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Grande Dame des deutschen Haltungsjournalismus, Anja Reschke, mit ihrem auf Twitter geposteten „Neujahrsvorsatz“ ein Signal gegen die „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ setzen wollte, die sie mehrfach schon selbst als eines der gravierendsten Probleme des heutigen deutschen Gemeinwesens benannt hatte.

Ohne einen konkreten Anlass dafür erkennen zu lassen, warum ihre diesbezügliche Auswahl ausgerechnet auf Angehörige der durch diese Merkmale bestimmten Gruppe fällt, schrieb sie:

Vorsatz für 2019: wütende weiße Männer in den Arm nehmen und ihnen sagen, dass sie immer noch tolle Hechte sind.“

Nicht alle Nutzer des sozialen Netzwerks empfanden ihren offenbar als Seitenhieb auf angeblich von Selbstzweifeln zerfressene weiße Männer gemeinten „Vorsatz“ jedoch als übermäßig originell. Die „Junge Freiheit“ attestierte ihr unter anderem „Gratismut“. Sie bezweifelt, dass die Genannten auf eine solche Form der Annäherung oder Bestätigung überhaupt Wert legen – und schreibt:

Ob sie es nun wollen oder nicht: Die meisten weißen Männer, und seien sie auch noch so ‚wütend‘, wird die Autorin der gedruckten Moralpredigt ‚Haltung Zeigen‘ wohl völlig gefahrlos umarmen können. Auch wenn sich so mancher von ihnen vermutlich sehnlichst mindestens eine Armlänge Abstand wünschen wird.“

Sind einige Stereotype weniger gleich als andere?

Auch auf Twitter selbst finden sich zahlreiche Kritiker. Viele von ihnen werfen ihr Doppelmoral vor. Ausgerechnet Reschke, die bei jeder Gelegenheit die „Haltung“ explizit als eine der wichtigsten Eigenheiten eines Journalisten betone, die notfalls auch auf Kosten der Neutralität gehen müsse, bediene sich selbst des Stereotyps des „wütenden weißen Mannes“ – während sie in anderem Zusammenhang stets vor Stereotype warne.

Eine „MrsSpunkt“ antwortet Reschke auf Twitter mit der Aussage:

Will man Sexismus und Rassismus wirklich bekämpfen, sollte man diese Kategorien im eigenen Sprachgebrauch konsequent vermeiden.“

Demgegenüber belehrt ein „Jo Tojo“ die Nutzer darüber, warum „Weiße“ und „Männer“ denkmöglicherweise gar keinem „Rassismus“ oder „Sexismus“ ausgesetzt sein könnten – weil der Tatbestand der „Diskriminierung“ dem von ihm verfochtenen progressiven Narrativ zufolge nur „strukturell-systemisch“ zu erfassen wären:

Es gibt keinen Rassismus gegen Weiße und keinen Sexismus gegen Männer, da beide *ismen eine strukturell-systemische Diskriminierungskomponente beinhalten, die bei Weißen und Männern de facto nicht gegeben ist.“

In ein Deutsch, das dem Normalbürger zugänglich ist, übersetzt heißt das im Grunde, dass „Weiße“ und „Männer“ per definitionem „mächtig“, „Ausbeuter“ und „Unterdrücker“ sind, weil „Kapitalismus“, „Kolonialismus“ und das „Patriarchat“ im Laufe der Geschichte sie zu diesen gemacht hätten. Deshalb könne es aber auch „Rassismus“ oder „Sexismus“ gegen sie grundsätzlich nicht geben.

Reschke und die Ideologie der Intersektionalität

Selbst gezielt gegen sie gesetzte Akte der Benachteiligung in heutiger Zeit würden diesem Narrativ zufolge immer noch nicht ins Gewicht fallen, setzt man sie in Relation zu den angeblichen „Privilegien“, die sie sich über Jahrhunderte hinweg verschafft hätten. Vielmehr wäre es im Sinne der „sozialen Gerechtigkeit“ notwendig, die „Unterdrückten“ gegenüber den „Unterdrückern“ zu privilegieren, um so das vermeintliche historisch gewachsene Unrecht wiedergutzumachen. Notfalls würde dies auch gewaltsames Vorgehen legitimieren.

Die Debatte ist nicht nur eine akademische, sondern hat auch politische Konsequenzen. Wenn beispielsweise in Südafrika aufgepeitschte schwarze Stoßtrupps Farmen von Weißen stürmen und die Bewohner ermorden, wäre aus Sicht des „progressiven“ Ansatzes zwar auch möglicherweise die Wahl der Mittel zu beanstanden. Der Akt der eigenmächtigen Aneignung fremden Eigentums als solche wäre jedoch legitim, weil weiße Siedler die Farm vor Jahrhunderten selbst im Besitz genommen haben könnten, ohne den nächstgelegenen Stamm an Indigenen um Erlaubnis zu fragen.

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In diese Richtung zielen zumindest die Legitimierungsstrategien der extremen Linken in diesem Zusammenhang – ähnlich wie im Nahostkonflikt, wo man allerdings die Nachfahren arabischer Eroberer ursprünglich jüdischer Siedlungsgebiete in der Levante als die legitimen Träger kollektiven Landeigentums betrachtet. In diesem Fall werden Juden in Israel in die Kategorien „weiß“ und „Unterdrücker“ eingeordnet, während Araber per definitionem als „People of Color“ und „Unterdrückte“ auf der richtigen Seite stehen.

„Strukturelle Privilegierung“ als Narrativ des Dritten Reiches

In der sogenannten „Genderwissenschaft“ spielt die Vorstellung von diskriminierungsrelevanten und privilegierenden Persönlichkeitsmerkmalen eine Rolle im Bereich der „Intersektionalität“.

Eine „intersektionale Diskriminierung“ liege demnach vor, wenn „eine Person aufgrund verschiedener zusammenwirkender Persönlichkeitsmerkmale Opfer von Diskriminierung wird“. „Weiß“ und „männlich“ stehen dabei jedoch als „Unterdrücker“-Merkmale am unteren Ende des, wie Publizistin Bari Weiss es nennt, „Kastensystems“.

Diese Denkweise könnte erklären, warum es Anja Reschke nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Gewissheit, jederzeit Haltung für das moralisch Gute zu zeigen, augenscheinlich als völlig unproblematisch betrachtet, „weiße Männer“ zum Feindbild zu erklären – und ihnen dabei, ohne sie zuerst nach ihrer Selbstidentifikation zu fragen, sowohl Hautfarbe als auch Geschlecht zu unterstellen.

Ein „Dr. Atomreisfleisch“ weist hingegen darauf hin, dass der neo-marxistische Narrativ von der angeblichen „Privilegierung“ bestimmter Bevölkerungsgruppen, welche „strukturell“ eine unsachliche Benachteiligung von vornherein ausschließe, auch schon in anderen ideologisch unterfütterten Verschwörungstheorien vorgekommen sei – mit folgenschweren Konsequenzen:

Ich möchte an dieser Stelle auch daran erinnern, dass der Mord der Nazis an den Juden von den Nazis u. a. mit der angeblich überlegenen (aka: „privilegierten“) Stellung der Juden in Wirtschaft und Weltpolitik begründet wurde. Ich finde dieses Struktur-Argument sehr gefährlich.“

Reschke und das Relotius-Meme

„Richard Feuerbach“ weist demgegenüber auf einen Widerspruch hin, den er bei Reschke zu erblicken, wenn diese für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Ländern plädiert, in denen die Intersektionalitätsdebatte erst in den Kinderschuhen steckt:

„Mein Vorsatz für 2019: Alte weiße Frauen in den Arm nehmen und sie fragen, warum sie sich immer noch für importierten Patriarchalismus einsetzen.“

Der Nutzer „desbeu“ wiederum meint:

„Die Leiterin der Abteilung Innenpolitik @ndr & Chefin von #Panorama und @ZappMM #AnjaReschke zeigt sehr deutlich, welches intellektuelle Niveau öffentlich-rechtliche Journalisten vorweisen müssen, um in Leitungspositionen zu kommen und Preise zu gewinnen.“

Frank Schockemöhle schreibt:

„Alles Gute für 2019. Ich möchte aber gar nicht von alten, weißen, verbiesterten Frauen in den Arm genommen werden. Ist das okay?“

Möglicherweise hat auch ein Meme, das Ende des Jahres durch die sozialen Netzwerke gegangen war, dazu beigetragen, dass Anja Reschke sich von „wütenden weißen Männern“ bedrängt wähnte und deshalb ihrem Unmut mit dem gegenständlichen Tweet Luft machte.

Dieses Meme bildete das Cover ihres Buches „Haltung zeigen“ ab – und auf dieses war ein Hinweis montiert, wonach das Vorwort dazu von Claas Relotius stamme. Ein solches Vorwort gab es nicht. Allerdings gibt es auch keinen belastbaren Beweis dafür, dass ein „wütender weißer Mann“ dieses Meme kreiert hat.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.