Hauptsitz vom ZDF in Mainz.Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Aufarbeitung mit wenig Resonanz: „ZDF heute“ startet Instagram-Aktion #MeinNaziHintergrund

Von 1. April 2021 Aktualisiert: 1. April 2021 11:12
Mit der Aktion „#MeinNaziHintergrund“ will „ZDF heute“ auf Instagram jungen Menschen eine „kritische Auseinandersetzung“ mit der Rolle ihrer Vorfahren in der NS-Zeit ermöglichen. Die eigene Neigung zum Widerstand gegen totalitäre Tendenzen bleibt dabei fraglich.

Es ist unsicher, ob der Satz „Der Widerstand gegen Hitler wächst von Tag zu Tag“ originär 2002 vom Publizisten Johannes Groß stammt oder bereits in die frühen Jahre der Nachkriegszeit zurückreicht. Er soll jedenfalls in sarkastischer Weise zum Ausdruck bringen, wie stark die Bereitschaft in der deutschen Bevölkerung wachse, sich öffentlich gegen ein totalitäres Regime zu stellen, je weiter dieses zurückliege und je geringer das Risiko persönlicher Nachteile wäre, die mit diesem Bekenntnis verbunden seien. Eine aktuelle Instagram-Aktion von „ZDF heute“ ruft bei dem einen oder anderen Beobachter diesen Ausspruch in Erinnerung.

Heute sehen sich nicht nur die linksextreme „Antifa“ oder Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen wie „Jana aus Kassel“ als legitime Nachfahren von Sophie Scholl. Auch das öffentlich-rechtliche Format „ZDF heute“ sieht es als dringliche Aufgabe an, unter dem Hashtag #MeinNaziHintergrund auf Instagram jungen Menschen die Möglichkeit zu eröffnen, sich „kritisch mit ihrer Familiengeschichte“ auseinanderzusetzen und sich damit auf diese Weise selbst ihrer vermeintlichen Immunität gegen totalitäre Versuchungen zu versichern.

Dabei gehe es, so das „ZDF“-Format, um die „Rolle ihrer Großeltern in der NS-Zeit“. Zu Wort melden sich zum Teil auch Personen aus Geburtsjahrgängen in den späten 1990ern.

Feldpostbriefe und Hörensagen als Quellen

„Wenn es um die Zeit des Nationalsozialismus geht, werden in Familien eher Geschichten von Opfern und Helfer*innen weitererzählt“, meint die Redaktion. „Selten wird über Täter*innen gesprochen. Eine aktuelle Debatte soll dies ändern.“

Juristin Alicia Köppen, Jahrgang 1987, erläutert, ihr Großvater wäre „in der Partei aktiv“ und „definitiv NSDAP-Blockleiter“ gewesen. Unter Berufung auf die „Erinnerung ihres Vaters“, die dieser wiederum nur von seiner Mutter kolportiert bekommen habe, sei er auch „Ortsgruppenleiter“ gewesen. Der Großvater wäre „Jahrgang 1910“, so Köppen, und 1943 sei er im Krieg verstorben. Aus Briefen wisse Köppen, die mit 16 Jahren begonnen habe, sich für die Familiengeschichte zu interessieren, dass er dem Nationalsozialismus „sehr positiv“ gegenübergestanden habe.

„Täter“-Anteil größer als angenommen?

Der 1982 geborene Historiker Moritz Pfeiffer schildert, dass sein Großvater Offizier der Deutschen Wehrmacht gewesen sei und bereits zuvor in Jugendorganisationen der NSDAP aktiv.

Johannes Gaevert, Unterstützer der „Seebrücke“ und erst 1998 geboren, hat eigenen Angaben zufolge in Erfahrung gebracht, dass sein Großvater sich „nicht gegen diese Ideologie gewehrt“ habe und „auf jeden Fall auch Teil Nazi-Deutschlands“ gewesen wäre.

Während einer MEMO-Studie zufolge nur 23,2 Prozent der Befragten erklärten, ihre Vorfahren wären in der Zeit des Nationalsozialismus „unter den Tätern“ gewesen, werde, so das „ZDF“, deren realer Anteil auf 34 Prozent geschätzt. Wo nach Definition der Redaktion die „Täter“-Eigenschaft begonnen habe, bleibt offen.

Auch unter Historikern weichen die Einschätzungen voneinander ab: Einige nehmen nachweisliche aktive Beteiligungen an Kriegsverbrechen oder Dienst in der Verwaltung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit zum Maßstab. Andere – wie der Politologe und Autor des Buches „Hitlers willige Vollstrecker“, David Jonah Goldhagen – sprechen vom eliminatorischen Antisemitismus als „nationalem Projekt“ der damaligen Deutschen und rechnen auch indirekte Nutznießer zu den „Tätern“, beispielsweise Personen, die Posten oder Vermögen deportierter Juden übernahmen oder Bürger, die sich deren beschlagnahmte private Habseligkeiten aneigneten.

Pfeiffer: Angaben des Großvaters „nicht haltbar“

Gaevert betont in seinen Aussagen gegenüber dem „ZDF“, wie „schwierig“ und manchmal auch „schmerzhaft“ es zweifellos sei, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, und wie viel dabei „verdrängt“ werde.

Pfeiffer, der eigenen Angaben zufolge die Gelegenheit hatte, persönlich mit seinem Großvater dessen Erfahrungen aus der Zeit von Krieg und Nationalsozialismus zu erörtern, meinte, bei diesem eine Tendenz ausmachen zu können, seine „eigene Rolle ein bisschen zu relativieren“. Pfeiffers eigene Recherchen hätten dann zutage gefördert, dass dessen Angaben, seine Einheiten seien nicht an Orten gewesen, an denen Kriegsverbrechen begangen worden wären, „nicht haltbar“ gewesen seien.

Noch wenig Resonanz auf „ZDF“-Hashtag bei Instagram

Gespräche in den Familien müssten nicht zu Konflikten führen, meinen alle vom „ZDF“ zu dem Thema Befragten. Man wolle „nicht verurteilen, aber auch Verharmlosungen vermeiden“.

Mit 16 Beiträgen unter dem Instagram-Hashtag hält sich die Beteiligung an der Nabelschau bislang in Grenzen. Neben „kritischen Auseinandersetzungen“, zum Teil mit Trigger-Warnungen bezüglich Bildern in Wehrmachtsuniform versehen, finden sich in Kommentarbereichen auch Trotzreaktionen, in denen sich Nutzer explizit mit der Kriegsgeneration solidarisieren.

Wie viel Widerstandsgeist steckt in Gaevert und Pfeiffer?

Auffällig bleibt die thematische Engführung der historischen Aufarbeitung, die sich explizit auf den Nationalsozialismus beschränkt. Andere totalitäre Bestrebungen, die in der deutschen Geschichte wirkmächtig geworden sind und zum Teil bis heute noch erheblichen Rückhalt in der Bevölkerung finden, werden nicht angesprochen.

Dies mag überraschen, deutet doch gerade die schnelle und recht reibungslose Anpassung einer Mehrheit von Bürgern, die sich im Nationalsozialismus in für sie vorteilhafter Weise eingeordnet hatten, an die Demokratie in Westdeutschland, aber auch an den Kommunismus in Ostdeutschland darauf hin, dass es oft nicht die ideologische Überzeugung, sondern die günstige Gelegenheit sein könnte, die Menschen zu Unterstützern von Totalitarismen macht.

Auch die selbstkritische Frage nach einer eventuellen eigenen Neigung zu Konformismus und autoritären Vorstellungen unterbleibt. Dabei bestünde dazu möglicherweise bei dem einen oder anderen Protagonisten durchaus Anlass. Johannes Gaevert beispielsweise wundert sich auf seinem Twitter-Profil, warum „eigentlich niemand Demonstrationen für einen harten Lockdown“ organisiere. Im Mai 2020 freute er sich über mehr Fahnen der verfassungsfeindlichen und gewalttätigen „Antifaschistischen Aktion“ im Vergleich zu „Covidioten“ in Köln. „Faschisten“, „Nazis“ und „totalitär“ sind aus Sicht Gaeverts augenscheinlich immer nur die anderen.

Wenig Hinweise auf eigene Nonkonformität

Pfeiffer wiederum bestreitet auf seinem Facebook-Profil zwar explizit, es gehe engagierten „Klimaschutz“-Aktivisten wie ihm um eine „Ökodiktatur“. Allerdings wirbt er für Kundgebungen, die einen „Systemwandel“ im Interesse des Klimas fordern, und auch die übrigen Beiträge aus den vergangenen Jahren lassen nicht erkennen, inwieweit der 29-Jährige Qualifikationen aufwiese, die der US-Rechtsphilosoph Robert P. George 2016 als Merkmale eines potenziellen Widerständlers gegen totalitäre Bestrebungen umschrieb.

George nannte als solche die Bereitschaft, öffentlich unter Berufung auf die eigene moralische Überzeugung Positionen zu vertreten, die Unpopularität in Peer-Groups, öffentliche Ablehnung durch wohlhabende und einflussreiche gesellschaftliche Institutionen, den Verlust enger Freunde, öffentliche üble Nachrede oder den Verlust von Bildungs- und Karrierechancen nach sich ziehen würden.

Auf Pfeiffers Social-Media-Account ist auch bei näherer Betrachtung wenig zu finden, was auf ein solches Maß an Nonkonformität hindeuten würde. Möglicherweise hätten die Feldpostbriefe seines Großvaters dies auch schon nicht offenbart.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.

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