Bloomberg-Chef Micklethwait: „Die Welt wird Angela Merkel nachtrauern“

Von 10. April 2019 Aktualisiert: 10. April 2019 17:36
In einem Interview mit der „Welt“ würdigt Bloomberg-Chefredakteur John Micklethwait Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel als Vorbild an „Ausdauer und Beständigkeit“. Zudem betreibe sie Politik mit „keinerlei Hintergedanken“. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt werde die Welt sie vermissen.

Der Chefredakteur von Bloomberg News, John Micklethwait, vermisst Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel jetzt schon.

In einem Interview mit der „Welt“ meint Micklethwait, der die nach eigener Aussage 2021 nicht mehr für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stehende Kanzlerin erst jüngst am Rande einer Konferenz interviewt hat, sie sei „immer interessant“ – auch wenn er nicht beurteilen könne, ob sie „viel gesagt hat oder wenig“.

Wenn sie gehe, ist der Chef der Finanznachrichtenagentur überzeugt, werde man ihr „international aus zwei Gründen nachtrauern“:

Zum einen hat sie die Politik in Europa für mehr als ein Jahrzehnt auf ihre ruhige Weise dominiert. Sie hat diese Ausdauer und Beständigkeit, während andere Politiker gekommen und wieder gegangen sind. Sie hat Sarkozy überlebt, Hollande und einige britische Premierminister. Sie ist zu einem Teil des Systems Europa geworden.“

Fast so lange im Amt wie Lukaschenka, Assad oder Abbas

Tatsächlich gibt es innerhalb der EU und an der europäischen Peripherie kaum Spitzenpolitiker, die länger als Merkel ununterbrochen das gleiche Amt bekleiden. Der weißrussische Präsident Aljaksandr Lukaschenka ist seit 1994 im Amt, der syrische Präsident Baschar al-Assad seit 2000, der Präsident der palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmoud Abbas, seit 2005, wobei dort seither allerdings keinerlei Wahlen mehr stattfanden.

Selbst der seit 2000 in Russland dominante Wladimir Putin hatte zwischen den Ämtern des Premierministers und des Präsidenten rochieren müssen, ebenso wie der 2003 in der Türkei ans Ruder gelangte Recep Tayyip Erdoğan.

Der zweite Grund zur Trauer, den Micklethwait nennt, ist:

Sie [Merkel] ist einfach eine ungewöhnlich talentierte Politikerin. Wir können uns darüber streiten, wie viel sie letztlich wirklich verändert hat. Aber sie hat Europa in schwierigen Zeiten zusammengehalten. Sie ist eine kluge Frau von Welt. Wer ihr nachfolgt, wird aber auch viele Herausforderungen erben.“

Die meisten Politiker gingen nicht freiwillig, schildert der Bloomberg-Chefredakteur weiter, sondern würden aus ihrem Amt gedrängt. Und die wenigen, die nicht gehen müssten, verließen ihre Posten ebenfalls mit dem Gefühl, dass sie „nicht so gut waren, wie sie hätten sein können“.

Ähnlich wie Theresa May, der Micklethwait ein hohes Maß an Pflichtbewusstsein attestiert, sei Merkel eine „untypische Politikerin“, weil sie, wie er glaubt, „keinerlei Hintergedanken“ habe.

Medien haben Digitalisierungsschock überwunden

Im Interview mit der „Welt“ sprach der Bloomberg-Chefredakteur auch über die Digitalisierung und deren Auswirkungen auf den Medienmarkt. In diesem Zusammenhang zeigte er sich überzeugt, dass die meisten Formate aus den selbstverschuldeten Schwierigkeiten herausfinden würden, die daraus resultiert hätten, dass sie selbst durch die Gratiskultur im Internet eine falsche Erwartungshaltung geweckt hätten.

Mittlerweile seien mehr Menschen bereit, kostenpflichtige Angebote zu akzeptieren, da dies ja auch bei Netflix oder ähnlichen Diensten üblich sei. Probleme bereite in den USA lediglich der Lokaljournalismus. Viele Zeitungen könnten „ihre Berichterstattung nicht mehr so aufrechterhalten, wie es für effektive Politikkontrolle nötig wäre“.

Der Einsatz künstlicher Intelligenz in den Medien wäre eher eine Chance als eine Gefahr für den Journalismus. Bestimmte Informationen wie Börsenkurse oder Sportresultate würden automatisiert, Journalisten hätten die Aufgabe, die Bedeutung dessen, was die KI automatisiert publiziere, zu erläutern und zu analysieren.

Der Finanzdienst Bloomberg, gegründet Anfang der Achtziger als Agentur für Finanzdaten vom Milliardär und späteren New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg, beschäftigt nach Auskunft der „Welt“ allein für seine Medienangebote rund 2700 Journalisten und Analysten in 120 Ländern, die durchschnittlich 5000 Meldungen am Tag verbreiten.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.
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