Diskussion über Gefahren für Deutungshoheit der Medien – Slomka: „Medien profitieren von Polarisierung”

In einer janusköpfigen Entwicklung sind Medien Profiteure und Opfer von Polarisierung zugleich: Das ist der Konsens innerhalb der Crème deutscher Haltungsjournalisten, die sich bei der so genannten „Relevanz-Debatte“ der Medienkonferenz re:publica ein Stelldichein gegeben hatten. Die Fachmesse fand von Montag bis zum heutigen Mittwoch in Berlin statt.

Mit „Monitor“-Redaktionsleiter Georg Restle, Marietta Slomka vom ZDF und dem Chefredakteur des in Wien erscheinenden „Falter“, Florian Klenk, hatten sich drei wahrhafte Hochkaräter des sogenannten „werteorientierten“ Journalismus zusammen mit Vanessa Vu von „Zeit-Online“ auf dem Podium versammelt und – wie „Meedia“ berichtet – sich am Ende einhellig auf ein Bekenntnis zu diesem geeinigt.

Vu erteilte damit einem lange Zeit innerhalb der Branche favorisierten Berufsverständnis eine Absage, wonach Journalisten beobachten und beschreiben sollten – damit der Leser selbst anschließend einordnen und bewerten könne. Haltung macht die Aufgabe des Journalismus hingegen, um einen Begriff aus der Literaturwissenschaft zu bemühen, von einer So-Seins- zu einer Soll-Seins-Dichtung.

Journalisten sollten sich, so Vu, „an der Vorstellung orientieren, in welcher Welt sie leben möchten“. Antirassismus, Freiheitlichkeit oder europäische Integration seien solche Werte. Über Masse allein könne man nicht definieren, was wichtig sei, waren sich alle Diskutanten einig.

„Steuern betreffen Bürger viel stärker als Migration“

Dies gelte umso mehr, als die vielen Populisten und Social Bots in den sozialen Medien falsche Wahrnehmungen von Relevanz hervorriefen. Donald Trump oder die AfD sorgten dafür, dass über Themen diskutiert werde, die ihnen zupasskämen – und nicht über jene, die es aus dem Werteverständnis der Journalisten heraus eigentlich verdient hätten, diskutiert zu werden.

Zwar habe man in Deutschland die Lage bezüglich des Agenda Settings noch weitgehend im Griff, deutet Restle an. Dennoch gelänge es, über Social-Media-Kampagnen Debatten künstlich zu verstärken, die früher als weniger relevant erschienen wären.

Wir haben in den vergangenen Jahren relativ viel über Islamisierung und Ausländerkriminalität gesprochen, obwohl uns die Themen direkt weniger betreffen als etwa Steuerthemen“, meint Restle.

„Und obwohl heute noch immer Menschen im Mittelmeer sterben, berichten wir heute darüber weniger als früher.“

Slomka hingegen will Themen, die online viel diskutiert werden, nicht von vornherein die Relevanz absprechen. Allerdings sei die Aufgabe von Journalisten, „Emotionalisierungen von Populisten“ zu erkennen und „einzuordnen“. Dass die Bevölkerung geradezu danach lechze, mache die Polarisierung, die von den Populisten ausgehe, gerade zur Chance für Medien, die es sich zur Aufgabe gemacht hätten, die Leser zu orientieren. Die „New York Times“ könne sich ebenso über eine höhere Reichweite freuen wie das „Heute Journal“. „Wir als Medien“, so resümiert Slomka, „profitieren von dieser Polarisierung“.

„Medienimperium der Rechten“ macht Österreichs Journalisten das Leben schwer

Von einer so heilen Welt wie in Deutschland oder in den liberalen Großstädten der USA könne man als werteorientierter Journalist in Österreich hingegen nur träumen, deutet Klenk an. Dass die FPÖ Nazi-Vergleiche durch öffentlich-rechtliche Fernsehjournalisten zur besten Sendezeit nicht so ohne Weiteres hinnimmt, sei Ausdruck einer „gezielten Diskreditierung“, die vonseiten der Regierung und des „Medienimperiums der Rechten“ gegen „kritische Journalisten“ betrieben werde.

„Viele Kollegen überlegen sich mittlerweile dreimal, welche Themen sie recherchieren“, klagt er. Kanzler Sebastian Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache hätten so hohe Follower-Zahlen, dass sie – auch mithilfe eigener Kanäle wie FPÖ TV – am Agenda Setting der traditionellen Medien vorbei Öffentlichkeit erzwingen und „Relevanz imitieren“ könnten.

Dass „Qualitätsmedien“ Anzeigen der Regierung gestrichen würden und die Debatte über die Abschaffung der Gebührenfinanzierung des öffentlichen Rundfunks diskutiert werde, helfe dieser, einen „öffentlichen Diskurs über Relevanz“ zu ersticken.

Quelle: https://www.epochtimes.de/meinung/analyse/diskussion-ueber-gefahren-fuer-deutungshoheit-der-medien-slomka-medien-profitieren-von-polarisierung-a2879631.html