Narrative von „Echokammern“ und „Fake-News“ widersprechen sich – Angst vor Echokammern übertrieben

Von 25. April 2019 Aktualisiert: 26. April 2019 8:36
Eine jüngst von der Universität Hildesheim, dem ZDF und netzpolitik.org durchgeführte Studie widerlegt Darstellungen, wonach die sozialen Medien in Deutschland zur Bildung von Echokammern führen. Auch im Umfeld der AfD könne von solchen keine Rede sein.

Der Siegeszug der sozialen Medien hat ein Gespenst geboren, zumindest in den Augen der traditionellen Medienmacher: Es ist das Gespenst der „Echokammern“. Plattformen wie Facebook oder Twitter würden demzufolge dafür sorgen, dass Menschen früher oder später nur noch mit Personen und Nachrichten in Berührung kommen, die die gleiche Meinung wie sie verträten. Dies würde den demokratischen Meinungspluralismus aushöhlen und eine Radikalisierung anheizen.

Die „Echokammern“-Debatte ist noch älter als jene um vermeintliche oder tatsächliche „Fake-News“ – und dass diese angeblich in entscheidender Weise die Brexit-Abstimmung und den Sieg Donald Trumps bei den US-Präsidentschaftswahlen beigetragen hätten.

Narrative von „Echokammern“ und „Fake-News“ widersprechen sich

Eigentlich widersprechen beide Einschätzungen einander denklogisch: Auf der einen Seite sollen die „Echokammern“ dafür sorgen, dass nur noch ohnehin überzeugte, gleichgesinnte Nutzer einander selbst bestätigen. Auf der anderen Seite würden „Fake-News“, die geglaubt werden, weil die Echokammern-Nutzer sie glauben, massenhaft Leute beeinflussen, die nicht zu dieser geschlossenen Gesellschaft gehören.

Dennoch blieben beide Themen mediale Dauerbrenner. Die andere mögliche Erklärung für eine zunehmende Verbreitung von Meinungen, die vor dem Social-Media-Zeitalter als unerwünscht galten, erschien offenbar vielen als unbefriedigend: nämlich dass im Web 2.0 die Nutzer eben auch selbst Content produzieren und journalistische Gatekeeper nicht mehr durch das Wegfiltern unwillkommener Inhalte den Diskurs regulieren können.

Studien jüngeren Datums legen nahe, dass weder der Narrativ von „Fake-News“, die so mächtig wären, dass sie Wahlen entscheiden könnten, eine Abbildung in realen Nutzerdaten findet, noch dass das Aufkommen sozialer Netzwerke und diverser Alternativmedien Menschen von Inhalten abschotten würde, die ihren Überzeugungen zuwiderliefen.

Eine Untersuchung der Northeastern University in Boston unter der Leitung des Politikwissenschaftlers David Lazer, im Zuge derer Daten von 16 442 Wählern erfasst wurden, zeigte, dass entgegen der Wahrnehmung des Themas in auflagenstarken Medien Fake-News nur einen geringen Teil der Wählerschaft erreicht hatten.

Nur 1,1 Prozent der US-Mediennutzer sahen 80 Prozent aller Fake-News

Die Untersuchung Lazers ergab, dass Fake-News wie jene von der „Wahlempfehlung des Papstes für Donald Trump“ oder einem „Elite-Kinderschänderring mit Keller unter einer Pizzeria in Washington, D.C.“ lediglich sechs Prozent des gesamten Nachrichtenaufkommens mit Wahlbezug ausmachten. Lediglich – und das würde immerhin in eingeschränktem Maße die „Echokammer“-Theorie bestätigen – die Konzentration war in diesem Zusammenhang sehr hoch. Demnach sollen nur 1,1 Prozent aller Nutzer in ihren Feeds gleich 80 Prozent aller verbreiteten Fake-News ausgesetzt gewesen sein. Ebenso wurden 80 Prozent aller Fake-News von Seiten dieser Art von 0,1 Prozent der Nutzer geteilt.

Eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner sei demnach keinen Fake-News ausgesetzt gewesen. Die Studie „widerspricht dem dominanten Narrativ, wonach Fake-News 2016 in sozialen Medien allgegenwärtig gewesen wären“, erklärte deren Hauptautor Joshua Tucker. Erst recht würde die Mehrheit der Amerikaner Fake-News nicht teilen.

Bezüglich der „Echokammern“ kommt nun eine Studie aus Deutschland zu dem Schluss, dass die Aufregung weitgehend umsonst war. Diese wurde von der Seite netzpolitik.org in Zusammenarbeit mit dem ZDF und der Universität Hildesheim durchgeführt.

Ist „mimikama“ ein AfD-Portal?

Unter anderem haben die Beteiligten an der Untersuchung in diesem Zusammenhang auf den Facebookprofilen der aktuell im Bundestag vertretenen Parteien sowie auf den Seiten der jeweiligen Spitzenkandidaten während des Wahlkampfes 2017 im Zeitraum vom 29. Januar bis zum 24. September 2017 insgesamt 2,9 Millionen Beiträge gesammelt. Auf diese Weise sollte eruiert werden, ob die parteipolitische Kommunikation in mehr oder minder geschlossenen Räumen erfolgt oder ob auch konträre Positionen noch in vollem Umfang und unverkürzt wahrgenommen werden.

Anschließend haben die Beteiligten die URLs der Seiten gesammelt, die am häufigsten von den Nutzern der jeweiligen Seiten gepostet wurden – und diese im Wege der Netzwerkanalyse verknüpft. Crossposter, also Nutzer, die auf den Seiten mehrerer Parteien posteten, wurden ausgeklammert, um eine höhere Repräsentativität zu gewährleisten.

Das Ergebnis zeigte, dass es durchaus Quellen gibt, die vorwiegend von Anhängern einer bestimmten Partei verlinkt werden oder zumindest überwiegend von einem bestimmten politischen Spektrum. So waren Publikationen wie „Nachdenkseiten“ oder „RT Deutsch“ fast ausschließlich dem Umfeld der Partei „Die Linke“ zuzurechnen, „Die Presse“ und der „Bayernkurier“ wurden demnach nur von Anhängern der CSU geteilt und die „Junge Freiheit“ oder „Philosophia Perennis“ von solchen der AfD.

„Focus“, „Zeit“, „Spiegel“, Wikipedia oder FAZ wurden demgegenüber von Anhängern fast aller Parteien geteilt. Auch einige Kuriositäten waren zu verzeichnen. So wies die Netzwerkgrafik auf der Seite von netzpolitik.org eine ausschließliche Nähe des mehrheitlich liberal-konservativen „European“ zur SPD aus, „Handelsblatt“ und bundestag.de wären dem SPD- und Linke-Umfeld zuzuordnen. Hingegen wurden das selbstberufene Faktenchecker-Portal „mimikama.at“ und die „Westdeutsche Allgemeine“ explizit in der Nähe der AfD ausgewiesen. Zumindest würden ausschließlich deren Anhänger Inhalte dieser Seiten teilen.

AfD-Anhänger lesen sowohl etablierte als auch Nischenmedien

Was die Analysegrafik jedoch zeigt, ist, dass Anhänger der AfD zwar spezifisch ihrer Partei nahestehende Publikationen lesen und deren Inhalte verbreiten, gleichzeitig aber auch die Berichterstattung von Mainstreammedien verfolgen – und auch von diesen Inhalte teilen.

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Eine Abkoppelung der AfD-Anhänger vom Rest des politischen Systems auf Grund des Aufkommens parteinaher Nischenmedien sei, so Netzpolitik, nicht festzustellen. Auch würden diese, wie die Ergebnisse einer ebenfalls durchgeführten Sentimentanalyse zutage förderte, die geteilten Artikel nicht häufiger mit negativen Kommentaren versehen als andere Nutzer.

Auf allen Parteiseiten würden, so das Ergebnis der Studie, die Mainstream-Medien die größte Rolle spielen. Dazu käme, dass in Deutschland weniger Nutzer angeben, sich auf Facebook politisch zu informieren, als etwa in den USA. Während laut Reuters Digital News 2018 in Deutschland 52 Prozent aller Internetnutzer Facebook nutzen und 24 Prozent auf das Netzwerk auch als politisches Informationsmedium zurückgreifen, trifft Gleiches in den USA auf 68 bzw. 39 Prozent zu.

Eine Polarisierung finde, so die Forscher, sehr wohl statt. Dies sei unter anderem an Tonfall und Inhalt der Kommentare auf der Facebook-Seite der AfD erkennbar. Von „Echokammern“ in Deutschland zu sprechen, entbehre jedoch der faktischen Grundlage.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.