Ende des Klima-Hypes? Grüne verlieren in Umfragen deutlich an Rückhalt

Von 22. Oktober 2019 Aktualisiert: 23. Oktober 2019 11:24
Glauben die Deutschen nicht mehr an den Weltuntergang? Seit ihrem Höchststand nach den EU-Wahlen sind die Umfragewerte der Grünen spürbar nach unten gegangen. Die Klimaproteste, die ihnen einst den Erfolg brachten, drohen nun zum Ballast zu werden.

Der Erfolg der Grünen bei der EU-Wahl im Mai hat bei manchem ihrer Anhänger Hoffnungen auf den Anbruch eines neuen Zeitalters genährt. Das Rekordergebnis von bundesweit 20,5 Prozent nach mehreren Monaten intensiven medialen Rückenwindes für „Fridays for Future“ und Vlogger wie „Rezo“ gab Journalisten wie ARD-Chefredakteur Rainald Becker Zuversicht, die Deutungshoheit im Land wieder zurückerobert zu haben. Am Wahlabend warf er vor Freude sogar noch den letzten Anschein von Überparteilichkeit über Bord und erklärte, die Zeit sei reif für ein grünen Bundeskanzler.

Binnen einer Woche erschienen Umfragen, die den Ökosozialisten bundesweit 27 Prozent der Stimmen einräumten und ihren Bundessprecher Robert Habeck als beliebtesten Politiker des Landes auswiesen. Die Grünen waren demnach noch vor der CDU stärkste Partei – und der weitere Aufstieg schien unaufhaltsam.

Verfestigter Abwärtstrend

Seit der EU-Wahl ist mittlerweile knapp ein halbes Jahr vergangen, die Umfrageergebnisse der Grünen haben sich seither wieder spürbar eingetrübt. Zwar würden sie mit einem Ergebnis zwischen 20 und 23,5 Prozent, das die führenden Institute ausweisen, immer noch auf dem Niveau der EU-Wahl oder etwas darüber liegen und damit das beste bundesweite Ergebnis ihrer Geschichte erzielen.

Der Trend ist jedoch derzeit nicht ihr Freund. Bereits im Vorfeld früherer Wahlen lagen die Grünen-Ergebnisse bei den Umfragen stets über jenen bei den Wahlen selbst. 2011 nach dem Seebeben vor Japan und der Kernschmelze in Fukushima räumten Umfrageinstitute den Grünen an die 25 Prozent ein – am Wahlabend des Jahres 2013 kamen sie hingegen nicht über 8,4 Prozent hinaus.

Da Wahlergebnisse bestehende Stimmungen verstärken, aber auch abschwächen können, kommt es der Partei auch nicht zugute, dass im Herbst nur in ostdeutschen Bundesländern Landtagswahlen angesetzt waren beziehungsweise noch sind. Zwar brachten auch diese den Grünen Zugewinne auf ein bis dato im Osten nicht gekanntes Niveau – von den Spitzenwerten der EU-Wahl waren die Ergebnisse jedoch weit entfernt und am kommenden Sonntag in Thüringen könnte ein Verharren in der Einstelligkeit als handfeste Wahlschlappe aufgefasst werden.

Ulrich Reitz stellt sich im „Focus“ die Frage, ob der stabile Rückgang der Grünen in der Wählergunst auch Ausdruck eines rückläufigen Interesses oder Betroffenheitsgefühls mit Blick auf das Thema des „Klimaschutzes“ insgesamt sein könnte. Bereits im Zusammenhang mit Robert Habecks Auftritt in der Talksendung von Dunja Hayali Anfang August hatte die „FAZ“ geargwöhnt, dass die Panikrhetorik der Straßenaktivisten von „Fridays for Future“ den Grünen zwar kurzfristig Rückenwind verleihen, langfristig aber auch schaden könnte.

Feelgood-Aktivismus vs. offene Demokratieverachtung

Das Auftreten von „Extinction Rebellion“ (XR), deren Blockadeaktionen in London bereits handgreifliche Gegenwehr durch Arbeiter ausgelöst hatten, scheint – ungeachtet der prominenten Schützenhilfe durch „Kapitänin“ und Medienliebling Carola Rackete in Deutschland – diesen Effekt zu verstärken.

Offenbar waren es bei „Fridays for Future“ (FFF) vorwiegend der Feelgood-Faktor, der die Massen anzog und das wohlige Gefühl moralischer Überlegenheit, das mit der Teilnahme an den – regelmäßig von oben abgesegneten und politisch sowie medial unterstützten – „Schulstreiks“ einherging. Gerade eine Gesellschaft wie die deutsche, von der Spötter behaupten, sie verwechsele gerne Infantilität mit Unschuld, findet sich in der pathetischen Betroffenheitsrhetorik und dem kameragerechten Drama einer Greta Thunberg wieder.

Die Furcht vor dem unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang ist jedoch regelmäßig nicht so groß, dass man darob auf die Ferienflugreise mit der eigenen Familie auf die Seychellen oder – wenn man Vlogger ist – zum Backstagetreffen mit dem Lieblingsstar verzichten wollte. Eine Parole bei FFF lautete: „Verbietet uns endlich etwas!“ Gefordert war also der Staat. Solange dieser sich aber dazu nicht durchrang, sah man sich nicht dazu gezwungen, selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Allenfalls leistete man noch eine Ablasszahlung an einen Kompensationsdienstleister, um das Gewissen zu beruhigen. Das war’s dann aber auch mit dem klimagerechten Verhalten in eigener Sache.

„Extinction Rebellion“ hingegen droht diesen Bereich zu verlassen und damit dem Klima-Hype einen Overkill zu bescheren. Zwar handelt es sich auch dabei um – wie Reitz es formuliert – „ein paar tausend wohlstandsverwöhnte Jung-Anarchos, Bürgerkinder mit unangenehm dick aufgetragenem Klassenbewusstsein und triefender Selbstgewissheit“. Als Weltuntergangssekte nimmt sich die Organisation aber selbst zu ernst, um die Massen darüber im Unklaren zu lassen, worin die letzte logische Konsequenz des Glaubens an die unmittelbar bevorstehende menschengemachte Apokalypse nur bestehen kann.

Moralischer Rigorismus nur, solange es einem selbst nicht wehtut

Begnügte sich Greta Thunberg mit dem bloßen Wunsch, ihre Mitbürger mögen „in Panik geraten“ und die Angst fühlen, die sie selbst ob der angeblich dräuenden „Klimakatastrophe“ erfülle, geht Extinction-Rebellion-Gründer Roger Hallam deutlich weiter. Er sagt offen, dass die Rettung des Weltklimas nicht bei radikalem Verzicht enden kann – der für die gut situierten Bürgerkinder verhältnismäßig weniger Beeinträchtigung des eigenen Lebensstandards nach sich zöge als bei den Massen.

Hallam sagt offen, dass, sollte sich die Mehrheit nicht selbst bereit zeigen, drastische Einschnitte zum Wohl des „Klimaschutzes“ zu akzeptieren, diese schlicht gar nicht mehr um ihre Meinung gefragt werden soll: „Wenn eine Gesellschaft so unmoralisch handelt, wird Demokratie irrelevant.“ Zudem halte er eine „Revolution“ für unabwendbar, wobei es „in diesem Prozess sogar Tote geben“ könnte.

Bei aller Neigung zum moralischen Rigorismus – vor allem, wenn dieser der Maßregelung des Mitmenschen dient – ist das deutsche Bürgertum aber immer noch zu pragmatisch, um den „Klimaschutz“-Gedanken auf diese Weise bis zum Ende zu denken. Dass die Zuspitzung, die XR betreibt, eine Entfremdung zwischen den Rich-Kids-Bewegungen und der Partei der Grünen bewirken könnte, sieht auch Ulrich Reitz. Er schreibt:

Für die Grünen sind die wohlversorgten Abiturienten-Rebellen mit väter- oder mütterlicher SUV-Erfahrung ein echtes Problem. Geben sie ihnen in einer Art politischer Romantik recht, verraten sie die Mitte, deren Teil sie so gerne wären, Kanzlerkandidat inklusive. Distanzieren sie sich klar diesen schwer erträglichen Zweifelsfreien, verraten sie ihr eigenes Erbe.“

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Wirtschaftskrise könnte Klima-Debatte als Luxus entlarven

Die Grünen bleiben im Kern eben doch eine Ideologiepartei und stoßen deshalb bei ihrem Bestreben, zur Volkspartei zu werden, auf Grenzen. Da die Regierungsparteien in Berlin zudem in vorauseilendem Gehorsam weitreichende Maßnahmen zum „Klimaschutz“ vom Kohleausstieg zum jüngsten „Klimapaket“ auf den Weg gebracht hatten, drohen die Grünen zwischen den radikalen Einpeitschern auf der Straße und den selbsternannten „Machern“ in Union und SPD zerrieben zu werden.

Dazu kommt ein weiterer Faktor: die Lebensrealität. Rich Kids, Grüne und Union mögen miteinander darum wetteifern, wer der beste „Klimaschützer“ ist – für immer mehr Menschen abseits des medialen Scheinwerferlichts bedeutet der Klima-Hype jedoch Angst um die eigene Existenz. Dies sieht auch Ulrich Reitz und fragt:

„Wie wollen die Grünen das gewinnen? Das ist das eine. Der Talkshow-Verschleiß ihres Wohlfühl-Parteipräsidenten Habeck ist das andere. Und da ist da auch noch die Konjunktur. Jeden Tag kann man lesen, wie viele Arbeitsplätze gerade in den deutschen Vorzeige-Unternehmen abgebaut werden. Frage: Wenn der eigene Arbeitsplatz bedroht ist, wie viele Menschen werden dann die Klima-Debatte als Luxus begreifen?“

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.