„Kanton Übrig“ reloaded? Sozialist im Kantonsrat St. Gallen will Vorarlberg von Österreich trennen

Von 21. September 2019 Aktualisiert: 21. September 2019 13:35
„Schweizer, seid Ihr unsere Brüder?“, hieß es im Jahre 1919 auf Plakaten zur Volksabstimmung in Vorarlberg. Im von der Donaumonarchie gebliebenen Kleinstaat Österreich glaubte kaum jemand an dessen Lebensfähigkeit, die Fliehkräfte waren groß. Damals scheiterte der Sezessionswunsch am Widerstand in der Schweiz. Nun will ein Kantonsrat in St. Gallen seinerseits Vorarlberg zur Schweiz holen.

Mit einer ungewöhnlichen Idee hat Martin Sailer, Kantonsrat der Sozialistischen Partei (SP) in St. Gallen, einen Antrag eingebracht, wonach die Kantonsregierung prüfen solle, ob es eine Möglichkeit gäbe, das österreichische Bundesland Vorarlberg in den Schweizer Staatsverband einzugliedern. Über den Vorstoß berichteten unter anderem die „Vorarlberger Nachrichten“.

Seiler schreibt in seinem Antrag: „Wir haben dieselbe Sprache und eine sehr ähnliche Kultur.“ Der Rhein trenne zwar, „könnte aber auch zu einem verbindenden Element werden“. Die Idee sei zwar eine „Spinnerei“, aber „unbedingt verfolgenswert“.

Nach der Vorstellung Sailers könnte die Einverleibung entweder in der Form vonstattengehen, dass Vorarlberg zum eigenständigen 27. Kanton der Schweiz würde – was auf Widerstände infolge der Verschiebung der Gewichte im Ständerat stoßen könnte – oder das westlichste österreichische Bundesland könnte mit St. Gallen fusionieren.

Sailer sieht durchaus vorhandene separatistische Tendenzen in Vorarlberg. In – nicht repräsentativen – Online-Umfragen von Radiosendern sprachen dort sich Mehrheiten zwischen 51 und 65 Prozent für einen solchen Schritt aus.

Erste Republik drohte auseinanderzubrechen

Der Vorstoß könnte an alte Wunden aus den Anfangsjahren der österreichischen Ersten Republik rühren. Nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie und der Entstehung der Republik Österreich glaubten nur wenige ihrer Bewohner an die Lebensfähigkeit ihres Staates. Mehrere Bundesländer hielten Volksabstimmungen über einen Anschluss an das Deutsche Reich ab, die jeweils deutlich mit einem „Ja“ für einen Anschluss endeten – der Österreich gemäß der Friedensvereinbarung von St. Germain untersagt war.

Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs trennten auch noch Südtirol ab, im Osten ging Ödenburg, das eigentlich Hauptstadt des Burgenlandes werden sollte, durch ein unter zweifelhaften Umständen abgehaltenes Referendum verloren. Im Süden mussten Freiwilligeneinheiten des „Kärntner Abwehrkampfes“ die Grenze gegen Truppen des neu gegründeten SHS-Staats verteidigen.

Am 11. Mai 1919 fand auch im westlichsten Bundesland des neuen Kleinstaates eine Volksabstimmung statt. In Vorarlberg, dem alemannisch geprägten Landesteil, herrschte wirtschaftliche Not. Dazu kamen Skepsis bezüglich der Überlebenschancen der Republik Österreich und ein gering ausgeprägtes Gefühl der Verbundenheit zum fernen Wien. In dieser Situation gewann die Idee an Popularität, sich der benachbarten Schweiz anzuschließen. Immerhin waren zumindest deren deutschschweizerische Teile in Dialekt und Regionalkultur Vorarlberg sogar ähnlicher als Ostösterreich.

Österreich-Patriotismus erst seit der Dollfuß-Ära

Die stärkste Opposition gegen die Beitrittspläne zur Schweiz kam in der damaligen Zeit nicht einmal von österreichischen Gesamtstaatspatrioten. Erst der autoritär regierende Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der Österreich vor dem Zugriff Hitlerdeutschlands bewahren wollte und dieses Ansinnen 1934 mit dem Leben bezahlte, forcierte erste Ansätze eines eigenständigen österreichischen Nationalbewusstseins, indem er Österreich als „besseres Deutschland“ gegenüber dem totalitären Hitlerregime zu bewahren versuchte.

Im Jahr 1919 waren es jedoch die Deutschnationalen, die in Vorarlberg gegen die Schweiz-Pläne opponierten. Das „Vorarlberger Schwabenkapitel“ hätte das Gebiet lieber als Teil eines deutschen Bundeslandes „Schwaben“ gesehen, das aus Vorarlberg und den schwäbischen Landesteilen von Bayern, Baden und Württemberg bestehen sollte. In der Schweiz würde Vorarlberg ein Schicksal als ungewollter „Kanton Übrig“ blühen, meinte der deutschnationale Landtagsabgeordnete Anton Zumtobel.

In der Vorarlberger Bevölkerung war die nationalistische Orientierung allerdings weniger stark als Zumtobel und seine Mitstreiter es sich erhofft hätten. Mit 81 Prozent ergab sich eine eindeutige Mehrheit für Anschlussverhandlungen mit der Schweiz. Nur die Städte Bludenz und Hittisau stimmten mehrheitlich gegen das Ansinnen.

Verhältnismäßig wenig Aufregung in den sozialen Netzwerken

Dass Vorarlberg dennoch bei Österreich blieb, lag am Widerstand aus den nicht zur Deutschschweiz zählenden Kantonen und an der protestantischen Bevölkerung. Sie fürchteten eine einseitige Dominanz des deutschschweizerischen Elements im Gesamtstaat und eine Infragestellung des etablierten Gleichgewichts zwischen den Konfessionen.

Inwieweit die Idee heute dies- und jenseits des Rheins als ausbaufähig erscheint, ist unsicher. In den sozialen Medien regt sich aufseiten der Bewohner anderer österreichischer Bundesländer wenig Empörung. „Reisende soll man nicht aufhalten“, „Tausche Vorarlberg gegen Südtirol“, „Was Gott durch den Arlberg getrennt hat, soll der Mensch nicht einen“ oder „Großartig, nehmt Grüne und Neos mit“ [beide Parteien erzielen in Vorarlberg regelmäßig weit überdurchschnittliche Ergebnisse; d. Red.] schreiben die einen, andere äußern gar Verständnis für den Wunsch, in der Schweiz niedrigere Steuern zu bezahlen und nicht von der EU gegängelt zu werden.

Einige geben jedoch zu bedenken, dass Österreich mit Vorarlberg eine wirtschaftlich starke Region verlieren würde. Nur wenige Nutzer wie „Helga Bck“ auf Facebook äußern grundsätzliches Missfallen an dem Gedanken, Österreich von außen schwächen zu wollen: „Und es stört offensichtlich niemanden, dass irgendein Hansl von irgendwo darüber nachdenkt, irgendeinen Teil von Österreich irgendeinem Land einzuverleiben?“

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.
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