Papst Benedikt XVI.: Moralischer Kahlschlag durch 68er hat Akzeptanz von Pädophilie begünstigt

Von 11. April 2019 Aktualisiert: 11. April 2019 16:05
In einem ausführlichen Artikel hat sich der 2013 von seinem Amt zurückgetretene Papst Benedikt XVI. unter anderem mit Missbrauchsskandalen in der Katholischen Kirche befasst. Darin macht er das Wirken der 68er und den Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie als Einflussfaktoren aus.

Der deutschsprachige Dienst der katholischen Nachrichtenagentur CNA hat in voller Länge einen Artikel von Papst emeritus Benedikt XVI. dokumentiert, der auf umfangreichen Notizen beruht, die dieser im Vorfeld des Anti-Missbrauchsgipfels zur Krise der Katholischen Kirche angefertigt hatte. Der Text des Papstes wurde ursprünglich für das „Klerusblatt“ verfasst.

In der Zeit vom 21. bis 24. Februar 2019 hatten sich auf Einladung von Papst Franziskus im Vatikan die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen der Welt versammelt, um unter anderem auch das Thema der Missbrauchsskandale vergangener Jahrzehnte zu erörtern, in die zum Teil auch hochrangige Kleriker involviert waren.

In seinem in drei Teile gegliederten Text beleuchtet Benedikt unter anderem den gesellschaftlichen Kontext der kirchlichen Krise, kritisiert Reaktion darauf vonseiten der Kirche selbst. Anschließend skizziert er mögliche Konsequenzen bei der Ausbildung und im Leben von Priestern selbst und versucht, mögliche Perspektiven für die Kirche insgesamt aufzuzeigen.

„Es gibt auch heute die heilige, unzerstörbare Kirche“

Insbesondere warnt der Papst a. D. vor falschen und voreiligen Schlüssen und Konsequenzen. Benedikt unterstreicht, dass die Kirche auch heute nicht nur aus „bösen Fischen“ und „Unkraut“ bestehe.

Doch die Kirche bestehe auch heute nicht nur aus „bösen Fischen“ und aus „Unkraut“, betont Benedikt in Anspielung auf zwei Bilder der Heiligen Schrift. Es gebe auch heute noch viele „glaubende, leidende und liebende Menschen“ als „Gottes Zeugen in der Welt“. Wörtlich schreibt der Pontifex:

Es ist sehr wichtig, den Lügen und Halbwahrheiten des Teufels die ganze Wahrheit entgegenzustellen: Ja, es gibt Sünde in der Kirche und Böses. Aber es gibt auch heute die heilige Kirche, die unzerstörbar ist.“

Einige Skandale rund um die Misshandlungen oder den Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen, wie sie in den vergangenen Jahrzehnten durch die Medien gingen, reichen bis in die 1950er Jahre zurück. In weltlichen Einrichtungen wie den „Jugendwerkhöfen“ der DDR traten früheren Insassen zufolge ähnliche Phänomene auf.

Eine durch die Erfahrungen von Krieg und Elend begünstigte, weit verbreitete Neigung zu drastischen Erziehungsmethoden und die Abhängigkeitsverhältnisse in Kinderheimen, Waisenhäusern und Internaten scheinen generell, somit auch in christlichen Einrichtungen und Familien ihre Spuren hinterlassen zu haben.

Schicksalhafte Parallelentwicklungen

Erste Reaktionen auf Benedikts Ausführungen kritisierten, dass der Pontifex nicht explizit auf diese Missbrauchsfälle eingegangen sei, wie etwa der BR ansprach. Immerhin habe, wie der „Münchner Merkur“ zitiert, auch Papst Franziskus „Machtstrukturen der Kirche“ für die Vorfälle verantwortlich gemacht. Benedikt steht in seinem Text jedoch auf dem Standpunkt, dass erst in den letzten Jahrzehnten eine weitgehende Normalisierung dieser Zustände und insbesondere sexueller Übergriffe innerhalb kirchlicher Institutionen Platz gegriffen habe.

Die Entwicklung führt er auf weltlicher Ebene auf den kulturellen Bruch durch die 68er Revolte zurück, der die Kirche infolge des Niedergangs der katholischen Morallehre im Inneren nichts mehr wirksam entgegensetzen konnte.

Zwar hätten sich beide Prozesse unabhängig voneinander abgespielt, betont Benedikt, die Krise der Kirche könne jedoch nicht verstanden werden, ohne einen Blick auf die „sexuelle Revolution“ und ihre Auswirkungen zu werfen. In den 20 Jahren von 1960 bis 1980 seien „die bisher geltenden Maßstäbe in Fragen Sexualität vollkommen weggebrochen“ und „eine Normlosigkeit entstanden […], die man inzwischen abzufangen sich gemüht hat“. Zur Physiognomie der 68er Revolution gehörte es unter anderem, dass „auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde“.

Der Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie, der sich zeitlich parallel dazu ereignet habe, machte Benedikt zufolge „die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft“. Statt mithilfe dieses Rüstzeugs der Auflösung der christlichen Moral im weltlichen Kontext gegenzusteuern, habe sich moralischer Relativismus in der Kirche selbst verbreitet.

Benedikt geht zwar – anders als viele konservative Kritiker der Entwicklungen in der Katholischen Kirche – nicht so weit, das Zweite Vatikanische Konzil insgesamt zum Flop zu erklären. Er stellt jedoch fest, dass dieses eine Abkehr von der naturrechtlichen Begründung der Moraltheologie zu Gunsten einer allein aus der Bibel heraus zu begründenden begünstigt habe. Eine solche habe sich jedoch als unzureichend erwiesen und den Relativismus auch in der Kirche befördert.

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Homosexuelle Clubs in Seminaren

„Schließlich hat sich dann weitgehend die These durchgesetzt, dass Moral allein von den Zwecken des menschlichen Handelns her zu bestimmen sei“, diagnostiziert Benedikt. „Der alte Satz ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘ wurde zwar nicht in dieser groben Form bestätigt, aber seine Denkform war bestimmend geworden.“

Dass gerade im deutschsprachigen Raum die Gegenreaktionen auf die Enzyklika „Veritatis Splendor“ von Papst Johannes Paul II. besonders heftig ausgefallen seien, gebe Zeugnis von dieser Entwicklung. Es sei aber nicht nur bei der Weigerung von Klerikern geblieben, den Glaubenswahrheiten des Papstes innerhalb der Kirche wieder Geltung zu verschaffen.

Der Verfall der Lehrautorität habe auch strukturell zu Verfallserscheinungen geführt. „In verschiedenen Priesterseminaren bildeten sich homosexuelle Clubs, die mehr oder weniger offen agierten und das Klima in den Seminaren deutlich veränderten“, schilderte Benedikt. Auch die Auswahl und Ernennung von Bischöfen habe sich drastisch verändert.

Die „Konziliarität“ als vermeintliche Schlüsselqualifikation habe zu noch mehr Beliebigkeit im Klerus beigetragen. Seine eigenen Bücher, so schreibt der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, seien in manchen Seminaren „wie schlechte Literatur verborgen und nur gleichsam unter der Bank gelesen“ worden.

In der Frage der Pädophilie und des kirchenrechtlichen Umgangs mit nachgewiesenen Tätern sei ein überzogener Schutzgedanke unangebracht. Vielmehr müsse es katholische Kleriker wie Laien gleichermaßen erschüttern, dass sich „sexuelle Gewalt in der Kirche und unter Priestern ausbreiten konnte“.

Gesellschaft ohne Gott verliert ihr Maß

Mehr Aufweichung der Glaubenssubstanz und noch mehr Orientierung an weltlichen Maßstäben sind aus Sicht des Pontifex keine taugliche Grundlage für eine Überwindung der Krise. Es sei gerade eine Gesellschaft, in der Gott abwesend sei, die ihr Maß verliere. Deshalb sei es die große Herausforderung für die Kirche wie für die Gesellschaft, „dass wir selbst wieder anfangen, von Gott und auf ihn hin zu leben“.

Zu den großen und wesentlichen Aufgaben der kirchlichen Verkündigung gehöre es, „soweit wir können, Lebensorte des Glaubens zu schaffen und vor allen Dingen sie zu finden und anzuerkennen“.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.