Political Correctness als „Krankheit unserer Zeit“: Publizist beklagt genormtes Denken in Deutschland

Von 16. Oktober 2019 Aktualisiert: 16. Oktober 2019 15:06
In seinem „Morning Briefing“-Podcast übt Publizist Gabor Steingart Kritik am zunehmenden Absterben der Redefreiheit in Deutschland. Unterstützung bekommt er dabei von einem Autor, der erklärter Grünen-Sympathisant ist.

Jobverlust wegen eines Mittagessens mit der „falschen“ Person, eine Kampagne zur Existenzvernichtung eines Biobauern aufgrund eines Beisitzerpostens in der „falschen“ Partei, Drohungen gegen Saalvermieter und Gastwirte – auch über die aus Medien bekannten Fälle hinaus sehen immer mehr Bundesbürger Anlass zum Argwohn. Möglicherweise könnte die liberale Demokratie, derer sich Politik und Medien im In- und Ausland rühmen, in Deutschland doch nicht ganz so liberal so sein, wie Claus Kleber oder Heiko Maas das gerne darstellen.

Das Institut für Demoskopie Allensbach erhob im Frühjahr, annähernd zwei Drittel der Bürger seien überzeugt, man müsse heute „sehr aufpassen, zu welchen Themen man sich wie äußert“. Insgesamt 82 Prozent weigern sich, im öffentlichen Raum frei zu reden, ein Drittel tut dies nicht einmal mehr unter Freunden.

Rechthaben statt Entdecken und Verstehen

Der Eindruck, dass sich moralisches Eiferertum in Deutschland ganz besonders stark auf die Bereitschaft auswirkt, offen seine Meinung zu sagen, scheint sich auch beim Publizisten Gabor Steingart verfestigt zu haben. In seinem „Morning Briefing“ vom Dienstag (15.10.) bezeichnet Steingart eine „ins Religiöse übersteigerte politische Korrektheit“ als „die Krankheit unserer Zeit“. Viele Zeitgenossen glaubten, „den Nächsten nicht lieben, sondern rempeln“ zu müssen:

Scheinbar strafen sie ihn für seine Sprache, in Wahrheit aber für seine Gedanken, die er soeben in Worte zu kleiden versuchte.“

Anders als Hannah Arendt, der es in der Begegnung mit dem anderen und insbesondere auch dem Andersdenkenden um das Entdecken und Verstehen gegangen sei, gehe es dem haltungsorientierten Zeitgenossen heute einzig ums Rechthaben:

„Sie betreten das Parlament, den Hörsaal, das TV-Studio oder die Redaktionskonferenz mit dem Vorsatz, den Andersdenkenden misszuverstehen, um den derart Fixierten unverzüglich zu etikettieren und zu stigmatisieren. So hofft man, ihn an Erstellung und Vertrieb einer eigenständigen Denkfigur hindern zu können.“

Politycki: „Deutschland ist mir immer fremder geworden“

Symptomatisch sei, dass selbst der Bewerber um das Amt des SPD-Chefs Boris Pistorius schon eine überbordende Political Correctness in der eigenen Partei beklage, die sich darin äußere, dass einige Themen bereits vorbeugend aus der Debatte genommen worden wären. Dabei sei es vor allem um jene der inneren Sicherheit, der Migrationspolitik, der Integration und des Extremismus gegangen, die zwar die klassischen Wählerschichten interessierten, aber wenig Raum zur Profilierung mit humanistischen Phrasen eröffnet hätten.

Im Rahmen seines „Morning Briefings“ interviewte Steingart auch den Buchautor und Lyriker Matthias Politycki, der sich nach eigenen Angaben als Sympathisant der Grünen betrachtet. Ungeachtet dessen fiel dieser, wie die „Achse des Guten“ zu berichten weiß, bei der Gemeinde der „moralisch Guten“ bereits 2013 in Ungnade, weil sein damals erschienener Roman „Samarkand Samarkand“ im latenten Verdacht der Islam-Paranoia stand – zumindest bis ein Jahr später der „Islamische Staat“ weite Teile des Irak und Syriens erobern konnte.

In seinem neuen Buch „Haltung finden: Weshalb wir sie brauchen und trotzdem nie haben werden“, das er gemeinsam mit dem Schweizer Philosophen Andreas Urs Sommer verfasst hat, beklagt Politycki „eindimensionales Denken“ und das Fehlen von Neugier und Wahrheitssuche, die in Deutschland vorherrschen.

Er habe nach eigenen Angaben vor zehn Jahren begonnen, jeweils ein halbes Jahr auf anderen Kontinenten zu verbringen – und nach jeder Rückkehr wäre stets „ein weiteres Wort tabu, eine weitere Ansicht obsolet“ geworden. Ihm sei auf diese Weise „Deutschland immer fremder geworden“. Er hätte sich aufgrund des herrschenden Meinungsklimas „selbst zum Schweigen verurteilt“ gehabt, aber das habe ihm nun „nicht mehr gepasst“.

Das Problem der „Haltungsketten“

Politycki beklagt insbesondere das Phänomen von „Haltungsketten“, bei denen eine Position stets auch die Erwartung bestimmter festgelegter Folgepositionen nach sich ziehe – etwa, dass, wer Klimapolitik für wichtig erachte, deshalb auch automatisch vegan, Feind von SUVs, Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens und einer liberalen Flüchtlingspolitik sein müsse. Dabei fange die Herausforderung des Selberdenkens erst dort an, wo jemand mit dem Parteisoldatentum breche.

Medien, die vorauseilenden Gehorsam gegenüber sich vermeintlich abzeichnenden Mehrheitsmeinungen übten, trügen neben Selbstzensur zu diesem Vereinheitlichungsphänomen und Gesinnungsdruck weiter bei. Heute müsse man „jeden Halbsatz auf die Goldwaage legen, um nicht irgendwem Kanonenfutter zu bieten“. Erst „wenn die Zeit sehr fortgeschritten und der Alkoholpegel angestiegen“ sei, kämen „von denselben Leuten ganz andere Wahrheiten“.

Politycki erklärte, die Rechte gebe zwar „falsche Antworten“, aber stelle oft auch „richtige Fragen“. Dazu gehöre beispielsweise jene nach dem Frauenbild oder dem Verhältnis zur Religion. Habe man in früheren Zeiten, wenn man aus Deutschland oder Mitteleuropa komme, etwa in muslimischen Länder Bewunderung oder Achtung erfahren, sei nun vielfach das Gegenteil der Fall. Zudem sei der Haltungsjournalismus ein enormes Ärgernis, weil er dem Leser nicht zutraue, eine wertfrei dargelegte Meldung selbst zu beurteilen und zu würdigen.

Political Correctness als Machtinstrument

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Die Political Correctness, die von den 1980er Jahren an über US-amerikanische Universitäten in die gesamte westliche Welt Eingang gefunden hatte, wurzelt in der gleichen Vorstellung der Hoheit der Herrschenden über die Sprache und ihre Begriffe, wie sie auch in früheren kommunistischen Staaten sichergestellt wurde.

Medien und Bildungssystem als Träger von Sprach- und Gedankenkontrolle sollen demnach bei der Konditionierung und beim Einnorden der Massen unterstützend wirken, die durch Denkvorgaben – etwa den Glauben an die „menschengemachte Klimakatastrophe“ – und Denkverbote – etwa in Richtung von allem, was als „diskriminierend“, „Hass“ oder „Hetze“ verstanden werden könnte – daran gehindert werden sollen, die vorherrschende Doktrin zu hinterfragen.

Political Correctness ist demnach kein Instrument, um Respekt und zivile Umgangsformen innerhalb einer Gesellschaft sicherzustellen, sondern ein Machtinstrument.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.