SPD, Relotius, Weißhelme: Wikipedia im Verdacht gezielter Manipulationsversuche

Von 14. November 2019 Aktualisiert: 14. November 2019 19:12
Die deutsche Sektion der Online-Enzyklopädie Wikipedia klagt seit langem über mangelndes Interesse geeigneter Autoren. In jüngster Zeit haben sich jedoch mehrere Accounts sehr umtriebig gezeigt. Es ging dabei um den SPD-Mitgliederentscheid und um Claas Relotius.

Um das Großprojekt Wikipedia war es zuletzt eher ruhig geworden. Im Jahre 2001 von Internet-Unternehmer Jimmy Wales gegründet, um „eine frei lizenzierte und hochwertige Enzyklopädie zu schaffen und damit lexikalisches Wissen zu verbreiten“, ist sie zu einer der am häufigsten besuchten Webseiten zumindest der westlichen Welt geworden. Anfang des Jahres soll sie bereits knapp 50 Millionen Artikel in 300 Sprachen gezählt haben.

Wikipedia soll im Kern ein global präsenter, stetig aktualisierter Online-Ersatz für frühere gedruckte Enzyklopädien wie Brockhaus oder „Meyers Lexikon“ werden. Sie soll nach dem Prinzip der Schwarmintelligenz funktionieren. Richtigkeit und Objektivität der Einträge sollen unter anderem durch strenge Verpflichtungen zur Quellenangabe und durch Selbstregulierung erfolgen: Nutzer kontrollieren Nutzer – und sollen so Missbrauch vermeiden.

Tatsächlich konnte Wikipedia auf diese Weise auch Kinderkrankheiten überwinden, die beispielsweise Mitte der 2000er Jahre dazu führten, dass eine erfundene „Graue Eminenz“ der Nazis namens „Erwin Raschel“ Eingang in eine Wikipedia-DVD finden konnte oder in Nigeria „5000 Meter hohe Penisse“ wuchsen. Wikipedia wurde zu einer der ersten Adressen, wenn es um grundlegende Sachinformationen zu einer breiten Fülle an Themen geht.

„Edit Wars“ gewinnen die Nutzer mit der meisten Freizeit

Dass Wikipedia allerdings tatsächlich seinem an sich selbst gestellten Anspruch gerecht werden würde, wenn es um politisch kontroverse Themen geht, wurde allerdings vielfach und von mehreren Seiten bestritten. Tatsächlich wurden gerade dort „Edit Wars“ zum Regelfall, in denen Nutzer, die sich einer Agenda verpflichtet fühlen, versuchen, Artikel zu Gunsten ihrer Position zu verändern oder zu manipulieren. Oft endeten diese „Kriege“ damit, dass eine Seite klein beigab – was nicht unbedingt schlechteren Argumenten geschuldet sein musste, sondern oft schon begrenzten Zeitressourcen – oder ein Nutzer gesperrt wurde.

In einigen Fällen wurden auch bezahlte Akteure oder politische Interessensträger hinter Wikipedia-Artikeln oder Edit-Bemühungen enttarnt. In Summe gilt die deutschsprachige Sektion von Wikipedia vor allem bezüglich der Artikel zu kontroversen Themen als stärker ideologisiert und linkslastig als beispielsweise die englischsprachige. Auch werde hier häufiger Content gelöscht als etwa in der niederländisch- oder japanischsprachigen Community. Dies führte schon bald dazu, dass die deutsche die Wikipedia-Gemeinschaft nach eigenen Angaben „seit geraumer Zeit […] zunehmend Schwierigkeiten“ habe, engagierte Autoren zu finden und zu halten.

In jüngster Zeit scheint wieder etwas Bewegung in die Sache gekommen zu sein. Ein Grund dafür ist, dass mit dem Nutzer „Sciman“ ein engagierter Nutzer auf den Plan getreten ist, dessen hauptsächlicher Interessensschwerpunkt die bevorstehende Stichwahl um den künftigen Vorsitz bei der SPD zu sein scheint. Vom 19. bis zum 29. November werden deren Mitglieder entscheiden, ob das Führungsduo für die kommenden Jahre Olaf Scholz und Klara Geywitz heißen wird oder Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken.

Vaut zieht Aufmerksamkeit durch Twitter-Post auf sich

Wikipedia-Autor „Sciman“ scheint das Team um den amtierenden Bundesfinanzminister für die geeignetere Wahl zu halten. Dies schlussfolgert zumindest das T-Online-Portal aus dessen jüngsten Aktivitäten bei der Online-Enzyklopädie. T-Online will auch wissen, wer sich hinter „Sciman“ verbirgt: nämlich Fraktionsreferent Simon Vaut, dessen Stern in der Partei nach Enthüllungen über eine Scheinadresse, die er als brandenburgischer Spitzenkandidat zur EU-Wahl benutzt habe, jäh zu sinken begann.

Auf Twitter soll Vaut positive Beiträge über Scholz/Geywitz ebenso liken wie kritische über Walter-Borjans/Esken. Auch „Sciman“ auf Wikipedia hat – obwohl er bestreitet, eine politische Agenda zu verfolgen – Änderungen an den jeweiligen Artikeln zu den Akteuren vorgenommen, die eine gewisse Tendenz erkennen lassen. Dass hinter „Sciman“ Simon Vaut stecke, schloss T-Online daraus, dass dieser zuvor einen Beitrag über „Global Bridges“, das frühere „Atlantik-Forum“, angelegt und Vaut diesen unmittelbar nach dessen Freigabe auf Twitter gestellt hatte.

Seine Umarbeitung des Artikels zu Klara Geywitz las sich nach Meinung einer Mitautorin wie eine „Auftragsarbeit“ und klinge nach einem „glattgebügelten Bewerbungsschreiben“. So ergänzte „Sciman“ etwa, dass „soziale Gerechtigkeit“ das Geywitz‘ Motiv gewesen sei, in die SPD einzutreten. Einen Abschnitt über eine umstrittene 420-Millionen-Euro-Investition der Freien und Hansestadt Hamburg in der Ära des Ersten Bürgermeisters Olaf Scholz ergänzte er in einer Weise, die wie eine Rechtfertigung klang.

Demgegenüber ergänzte er den Eintrag zu Walter-Borjans dahingehend, dass dieser den Eindruck erweckte, in Nordrhein-Westfalen als Schuldentreiber aufgefallen zu sein. Dabei soll er falsche Zahlen verwendet haben. Mittlerweile ist ein Großteil der Ergänzungen gelöscht.

Mit acht Accounts Relotius reinwaschen

Gleich acht noch sehr jungfräuliche Accounts sollen sich derweil des deutschsprachigen Eintrages zum mehrfach preisgekrönten deutschen Starjournalisten Claas Relotius angenommen haben. Der ehemalige „Spiegel“-Mitarbeiter war im Dezember des Vorjahres in Ungnade gefallen, nachdem sein Kollege Juan Moreno nachgewiesen hatte, dass eine Vielzahl an Darstellungen, Personen und Plätzen, die in Relotius‘ Reportagen vorkamen, frei erfunden war.

Der „Tages-Anzeiger“ sprach im Zusammenhang mit der organisierten Umarbeitung des Relotius-Eintrages von „einer der größten Manipulationsoperationen in der deutschsprachigen Ausgabe von Wikipedia“. Allein fünf der acht Accounts sei nachgewiesen worden, dass sie vom selben Computer aus gesteuert worden wären. Es sei gelungen, eine der verwendeten IP-Adressen zu identifizieren. Diese habe auf einen Computer im Umkreis der Gemeinde Seevetal verwiesen, zu der auch die Ortschaft Tötensen gehört. Diese ist nicht nur Wohnort des bekannten deutschen Pop-Produzenten Dieter Bohlen – sondern auch jener von Relotius.

Die Umarbeitungen, die im Zuge der Aktion vorgenommen wurden, zielten erst darauf ab, die Person Relotius in eine Reihe mit bekannten Journalisten wie Egon Erwin Kisch oder Erzählern wie Karl May zu stellen. Anschließend, so schreibt „Meedia“, sollen aber auch gefälschte Dokumente und Belege präsentiert worden sein, um Relotius in ein günstigeres Licht zu rücken und Juan Moreno sowie dessen jüngst veröffentlichtes Enthüllungsbuch zu diskreditieren.

Der staatliche russische Auslandssender RT und einige nahestehende Publikationen wollen auch in der englischsprachigen Wikipedia Manipulation ausgemacht haben. So soll ein Account mit dem Namen „Philip Cross“, den Eintrag zum Anfang der Woche verstorbenen „Weißhelme“-Gründer James Le Mesurier „geschönt“ und „kritische Einträge entfernt“ haben. Hinter dem Account soll sich, so heißt es dort, ein ganzes Autorenteam verbergen, das möglicherweise einen nachrichtendienstlichen Hintergrund habe.

Wer manipuliert in Sachen Le Mesurier?

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Am 11. November, dem Todestag Le Mesuriers, und in den darauffolgenden Tagen hat „Philip Cross“ tatsächlich eine Reihe von Änderungen am Artikel vorgenommen. Allerdings lassen sich die Vorwürfe von RT aus dem Änderungsverlauf heraus nicht bestätigen. Die meisten Aktivitäten von „Philip Cross“ beziehen sich auf formale Angelegenheiten oder übergeordnete Quellen. In dem Eintrag über Le Mesurier und dessen Zusammenarbeit mit den Weißhelmen wird erwähnt, dass es auch Kritik an deren Aktivitäten gab und worin diese bestand.

Allerdings hat „Philip Cross“ mehrere Quellen entfernt, die für unseriösen oder Agenda-getriebenen Journalismus bekannt sind – etwa die Seite eines bekannten linksextremen und antisemitischen Agitators, der fallweise auch in russischen Staatssendern schreibt. Unbekannte hatten diese an die Stelle der emiratischen Originalquelle „The National“ gesetzt hatten. Zudem wurde etwa eine Passage abgeändert, in der eine Hypothese über die Rolle der Weißhelme in eine feststehende Tatsache umformuliert wurde.

Im Fall Le Mesuriers geht der Manipulationsversuch offenbar eher von Kräften aus, die den Tod des Ex-Offiziers der Britischen Armee nutzen wollten, um ihren Narrativ anzubringen.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.