Wo Political Correctness und Islamisierung gar nicht existieren: „Spiegel“ versucht sich am Thema der Identität

Der „Spiegel“ nimmt sich des Themas der „Identität“ an. Mit dem einstigen Patrick-Bahners-Nachfolger als Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) und späteren Europakorrespondenten des Blattes Nils Minkmar, der 2015 zum Hamburger Magazin wechselte, war es durchaus ein publizistisches Schwergewicht, das man damit betraute. Wer dieses Thema nicht Björn Höcke überlassen will, so könnte man meinen, müsse selbst schon Profis ranlassen.

Und anders als dieser geht Minkmar schon im Kern von völlig anderen Voraussetzungen aus. Wo der eine von einer „kulturellen Kernschmelze“ spricht, sieht der andere die „Epoche des Minimalskandals“. Wo der eine den unwiederbringlichen Heimatverlust in Aussicht stellt, meint der andere, Ängste wie jene vor einer Islamisierung entbehrten jeder Grundlage.

Debatten über Karnevalswitze, Kostümvorschriften und sogar über Osterhasen, so meint Minkmar, zeigten, dass „wir ziemlich sorgenfrei leben – aber auch, dass wir nicht wissen, wer wir sind“.

Dass es überhaupt zu den vermeintlichen „Minimalskandalen“ komme, von denen Minkmar spricht, sei lediglich dem Umstand geschuldet, dass ein einem „Land von dieser Größe, in dem so viele Menschen leben, muss wohl oder übel eine Form des öffentlichen Diskurses pflegen, auch wenn alle lieber ihre Ruhe hätten, um störungsfrei von früher zu träumen“.

Bevölkerung erregt sich über Irrelevantes, nur um was zum Reden zu haben

Man müsse deshalb zwangsläufig über irgendetwas kommunizieren, und deshalb rege man sich „kurz und heftig über ein Thema auf“, dessen Irrelevanz aber nicht bezweifelt werden könne.

Dass – von „gerechter Sprache“ über „klimakonforme“ Lebensweisen bis hin zu immer weitreichenderen Dogmen des „Antirassismus“ und der „Antidiskriminierung“ – schon kleine Kinder in staatlichen Betreuungseinrichtungen gleichsam ideologisch abgerichtet werden, ist demzufolge nach Minkmars Einschätzung entweder gar nicht zutreffend oder wenn, dann kein Problem.

Dass Wirte mit der Zerstörung ihres Eigentums durch die selbstberufene Moralpolizei der „Antifa“ rechnen müssen, wenn sie einer „falschen“ Partei Säle vermieten: traurig, aber Einzelschicksal. Dass begründete öffentliche Widerrede gegenüber der Kanzlerin zum Karriereende eines Verfassungsschutzchefs führen kann: nie davon gehört.

Dass Minkmar eigenen Angaben zufolge nach „Jahrzehnten der Polemik“ immer noch darauf warte, „jemanden zu treffen, der oder die wirklich Sprachpolizei spielt“, liegt seiner Überzeugung nach entsprechen auch nicht daran, dass er selbst nie etwas äußern würde, was diese auf den Plan rufen könnte. Es liegt vielmehr daran, dass es eine „politische Korrektheit“ nicht gebe und wenn doch, diese nicht wirkmächtig sei, und überhaupt die Kritik an einer solchen oft nur dazu diene, „legitime Debatten lächerlich zu machen“.

Brinkhaus und der Traditionshase

Als legitime Debatte sieht Minkmar unter anderem jene darüber nicht an, ob die Bemerkung von Unions-Fraktionschef Ralph Brinkhaus über einen möglichen muslimischen CDU-Kanzlerkandidaten 2030 ein Signal in die richtige Richtung sei oder nicht. Auch wenn – was zweifelsfrei zutrifft – das deutsche Wahlgesetz das Wahlrecht nicht an Religionszugehörigkeit knüpft und zudem die Wahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios gering ist, darf auch das moralische Unwerturteil über die dadurch Befremdeten nicht fehlen:

Der Furor gegen Brinkhaus eröffnete zwar Einblicke in eine besonders üble Ecke unserer Gesellschaft, wo man es völlig okay findet, Muslime harte und gefährliche Jobs erledigen zu lassen, aber Untergang des Abendlands schreit, wenn vom Amt des Kanzlers die Rede ist. Aber dass es solche Menschen gibt, weiß mittlerweile jeder.“

Auch die wohlfeile Häme gegen den „jährlichen Kampf wackerer Männer für den Osterhasen aus Schokolade, der angeblich aus politischer Korrektheit zum Traditionshasen umgetauft wurde“ darf nicht fehlen. Zweifellos dürfte der eine oder andere dabei durchaus auch selbst wissen, dass der Osterhase nicht biblisch ist und dass es den meisten Muslimen relativ einerlei sein dürfte, wie dieser heißt. Dass die Kreation zeitweise durchaus bemüht klingender Begriffe (wie „Hasenfest“ oder „Traditionshase“) und deren Setzen an die Stelle jahrzehntelang vertrauter Bezeichnungen von manchen als Irritation aufgefasst wird, mag Minkmar als „lächerlich“ erscheinen. Aus Sicht der Betroffenen ist es das jedoch noch lange nicht.

„Ganze Republik zum Weltkulturerbe erklärt“

Minkmar sieht in den aus seiner Sicht irrelevanten Erregungen dennoch ein Indiz dafür, dass die Frage der Identität in der Zeit nach der Wiedervereinigung vernachlässigt worden wäre.

Man habe die Bürger in der Sicherheit darüber gewiegt, dass die Bundesrepublik, die als Hort der Stabilität, des Wohlstands und des inneren Friedens gewachsen sei, auch so weiterbestehen werde wie gehabt: „Manchmal konnte man den Eindruck haben, dass die ganze Republik zum Weltkulturerbe erklärt werden sollte, so veränderungsphobisch gaben sich Politik und Öffentlichkeit in diesem Jahrhundert.“

Neuerungen sollten nur im Rahmen des „Wir müssen uns neu erfinden“ Platz greifen. Aber dies sei eine Illusion:

Niemand möchte sich neu erfinden müssen und es ist auch nicht möglich. Wohl aber möchte man, kann man die eigene Identität klären, und zwar nicht nur individuell, jeder für sich und immer neu, sondern zusammen, denn das Leben wird nicht allein gemeistert, sondern in einer Gemeinschaft. Aber Fragen nach dem Wesen einer Gemeinschaft, dem, worüber sie sich einig ist, wie Vertrauen in ihr entsteht und gefestigt wird und vor allem, was sie sich vornimmt und anpacken möchte, passten nicht in eine Epoche, die von extremer Individualisierung lebt, in der das Ego zugleich zum Produkt wie zum Produktionsmittel wurde.“

Minkmar hat erfreulicherweise eine Erzählung parat, die den Weg aus diesem Dilemma weist. Identität solle demnach darin bestehen „auf der Höhe der Zeit“ zu sein. Keine Nostalgie mehr mit Blick auf die Zeiten Konrad Adenauers oder Helmut Schmidts, Dankbarkeit dafür, dass nicht mehr der Adel, die Armee oder die Kirche den Ton angeben, sondern die demokratischen Parteien – und so Zuversicht tanken für die „Arbeit an neuen Verhältnissen“.

Als Veganer das Fleisch-Grillen erklären

Dass diese um den Abschied vom Verbrennungsmotor, um „mehr Europa“ und bloß keine Beanstandungen an „Wintermärkten“ oder Vorgaben über „gerechte Sprache“ kreisen dürfte, versteht sich von selbst.

„Das Neue, die Welt und die Anderen sind derzeit wie bedrohliche Schatten unter deutschen Betten“, weiß Minkmar zu diagnostizieren.

Es nutzt aber nichts, unter der Decke zu bleiben, dann und wann für Minimalskandale hochzuschrecken – es ist längst Zeit, sich etwas vorzunehmen und Identität zu denken, als Bürger einer Kommune, einer Region, als Deutscher und Europäer.“

Die deutsche Identität der Zukunft würde Minkmar zufolge augenscheinlich in der bereitwilligen Annahme und freudigen Umsetzung aller Gesellschaftsentwürfe bestehen, die fortschrittliche Intellektuelle zu ersinnen vermögen. Diese würden der Bevölkerung dann auch helfen, auseinanderzuhalten, welche Debatten legitim wären und welche lediglich „lächerliche Minimalskandale“.

Alexander Wallasch erachtet auf „Tichys Einblick“ Minkmars Nabelschau seinerseits als „gelungenen Witz“. Dieser äußere sich in dieser selbst, wenn Minkmar „im Richard-David-Precht-Gestus die Frage stellt: ‚Wer sind wir?‘, wo er selbst gar nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist und woher er die Kühnheit nimmt, als Veganer den Menschen am Grill erklären zu wollen, wann das Fleisch zu drehen sei“.

Eine politische Partnerin, der sich Minkmar verbunden fühlt, wird ebenfalls nicht mehr im bisherigen Umfang für die praktische Umsetzung dieses Konzepts zur Verfügung stehen. Über sie schrieb Minkmar auf Twitter:

„Sarah Wagenknecht ist eine besondere Persönlichkeit, eine Intellektuelle in der Politik. Frank Schirrmacher schätzte sie, bat sie um Texte für das @FAZ_Feuilleton. Für den Politzirkus ist es schade und hoffentlich gut für sie.“

Quelle: https://www.epochtimes.de/meinung/analyse/wo-political-correctness-und-islamisierung-gar-nicht-existieren-der-spiegel-versucht-sich-am-thema-der-identitaet-a2823411.html