Britischer Historiker Niall Ferguson über Merkel, Trump und Thunberg

Von 23. Januar 2020 Aktualisiert: 23. Januar 2020 17:12
Als "taktisch brillant, aber strategisch ein Desaster" werde Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Geschichtsbücher eingehen, meint Historiker Niall Ferguson in der "Welt". Sie kenne die Geschichte nicht und habe in der Europa- und Migrationspolitik versagt.

Der bekannte britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson, der in den USA unter anderem in Harvard und an der Stanford University lehrt, hat Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel eine höchst durchwachsene Regierungsbilanz attestiert. Die Bundeskanzlerin wird heute im Rahmen des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos eine Rede halten.

Ferguson wirft Merkel in einem Interview mit der „Welt“ Geschichtsblindheit vor. Die „liberale Weltordnung“ mit der „multilateralen Weltordnung“, die sie ständig beschwöre, sei nicht, wie sie es darstelle, nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden, sondern wäre eine „Erfindung der 1990er- und vielleicht noch 2000er-Jahre“. Es habe sie nur für kurze Zeit nach dem Fall der Mauer gegeben, davor sei Kalter Krieg gewesen.

Der grassierende Antiamerikanismus in Deutschland, dem Merkel selbst in einer „schockierenden Rede“ im Vorjahr in Harvard Ausdruck verliehen habe, sei eine direkte Folge dieser historischen Ahnungsarmut: „Stellen Sie sich mal vor, Trump hätte eine solche Rede an einer deutschen Universität gehalten und einen deutschen Regierungschef derart angegriffen. Haben die Deutschen überhaupt eine Idee darüber, warum sie in einer Demokratie leben? Denken die Deutschen wirklich, dass die Demokratie wie von Zauberhand über sie kam, oder dass die UN das verfügt hat? Diese kognitive Dissonanz ist höchst verstörend,“ so Ferguson.

Nicht die „große Europäerin“, als die sie sich darstellt

Merkel, so Ferguson, sei nicht einmal die „große Europäerin“, als die sie sich gerne inszeniert. Ihre Kanzlerschaft sei vielmehr auch in dieser Hinsicht ein „kolossaler Ausfall“. Es seien nicht nur das europäische Projekt und die politische Integration zum Erliegen gekommen, Merkel lasse in Schicksalsfragen konsequent jene Führungsstärke vermissen, die man noch von einem Helmut Kohl erwarten konnte.

Ferguson führt die Griechenland-Politik an. Er hält eine stärkere fiskalische Integration für die Konsequenz einer Währungsunion und deshalb sei es erforderlich gewesen, den Griechen in der Krise zu helfen. Tatsächlich habe Merkel die Hilfe verzögert, damit Unsicherheit erzeugt und „so konstruiert, dass sie den Schock für Europas Süden vervielfacht haben“.

Die gravierendste Fehlleistung Merkels habe jedoch die Flüchtlingskrise mit sich gebracht. Der britische Historiker begründet seine Einschätzung wie folgt: „Erst hat Deutschland die Migration komplett ignoriert und hat den Sturm der arabischen Revolution nicht wahrgenommen. Dann hat das Land so getan, als sei das die Schuld anderer Nationen. Und als die Flüchtlingskrise plötzlich da war, hat die Bundesregierung eine totale Kehrtwende gemacht. Die sozialen und gesellschaftlichen Folgen sind bis heute zu spüren.“

Habeck wäre eine Option als Kanzler, „wenn die Deutschen kein Wachstum wollen“

Merkel werde eines Tages als „taktisch brillant, aber strategisch ein Desaster“ in die Geschichtsbücher eingehen. Sie habe potenzielle Rivalen rechtzeitig identifiziert und unschädlich gemacht, ihre Popularität maximiert und „den Deutschen ein paar gute Jahre mit Rekordbeschäftigung beschert“. Sie habe zusammen mit ihrem langjährigen Finanzminister Wolfgang Schäuble jedoch dem europäischen Projekt Schaden zugefügt und durch ihre „sture Haltung“ gegenüber dem ehemaligen britischen Premier David Cameron den Brexit mitverursacht. Merkel habe, so Ferguson, „große Schuld auf sich geladen“.

Angesprochen auf mögliche bessere Alternativen für die Zukunft erklärt Ferguson: Jens Spahn würde die „visionäre Kraft“ aufweisen, die Deutschland brauche. Über einen möglichen Kanzler Robert Habeck sagt der Historiker: „Wenn die Deutschen kein Wachstum wollen, dann wäre das eine Möglichkeit. Aber ihnen sollte klar sein: Es kann keine grüne Agenda ohne Wachstum geben.“

Deutschland als künftiges „Japan ohne Kohäsion und Stabilität“

In Anbetracht der demografischen Entwicklung und der „seltsamen Ideen“ rund um eine angebliche Stimulus-Wirkung des „Green Deal“, die in Deutschland keine nennenswerte Gegenwehr erfahre, rechnet Ferguson damit, dass das Land zu einem zweiten Japan werden könnte – vergreist, mit geringem Wachstum, aber immerhin ohne Inflation. Allerdings werde es einen großen Unterschied ausmachen, dass Deutschland im Unterschied zu Japan ein Migrationsproblem habe und die Politik instabiler werde.

Deutschland werde also in etwa zum „Japan minus die Kohäsion und minus die Stabilität“.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.
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