„Einsamkeit ist die Folge unterdrückter Liebesbedürfnisse und der damit einhergehenden Gefühle“, so Franz Ruppert.Foto: iStock

„Corona“ aus psychologischer Sicht: „Führer“ als Mutter- und Vaterersatz-Figuren und Wahnsinnsprojekten (Teil 2)

Von 22. März 2021 Aktualisiert: 22. März 2021 15:46
„Vertrauen und gesunde Beziehungen können nicht auf Angst, Lügen, Täuschungen und Betrug aufgebaut sein“, erklärt der Psychologe Prof. Dr. Franz Ruppert. Was Mutterliebe, Wut, Narzissmus und Wahnsinnsprojekte wie „Alle Menschen auf dieser Erde impfen!“ oder „Das System ist alles, du zählst nichts“ damit zu tun haben, erklärt diese dreiteilige Serie.

Im zweiten Teil der dreiteiligen Serie „Corona“ aus psychologischer Sicht von Prof. Dr. Ruppert geht es um

  • Verliebtsein und Liebe
  • Mein Lieblingsverein
  • Lieben und Helfen
  • Gesellschaftliche Missachtung von realer Mutterliebe
  • Mythos Mutterliebe
  • „Führer“ als Mutter- und Vaterersatz-Figuren
  • Geld kann Mutterliebe nicht kaufen
  • Das System ist alles, du zählst nichts
  • Raubtierkapitalismus – ein Wirtschaftssystem ohne Liebe
  • Ist Narzissmus Selbstliebe?
  • Wahnsinnsprojekte
  • Auch Tyrannen und Mörder wollen geliebt sein

Am Ende kommt er zu diesem Fazit:

„An alle, zum Beispiel die in Zeiten von „Corona“ meinen, sie müssten mir etwas Gutes tun: Ich will Eure Masken, Tests und Spritzen nicht. Respektiert meine Grenzen und meinen Willen. Ich will, wenn dann reale Liebe, die aus Eurem Herzen kommt. Wenn Ihr mir das nicht geben könnt, so macht, was Ihr nicht lassen könnt, aber lasst mich in Frieden.“

Doch zunächst hier der zweite Teil seines Artikels (hier zum vorherigen Teil 1).

13. Verliebtsein und Liebe

Geliebt werden wollen ist auf die dauerhafte Bestätigung der eigenen Person gerichtet. Ich will, so wie ich bin, von einem anderen Menschen emotional angenommen sein. Eine partnerschaftliche Liebe zu einem anderen Menschen kann jedoch die Selbstliebe nicht ersetzen. Partnerschaften oder Freundschaften sind kein Ersatz, sondern nur ein Zusatz für die Liebe zu sich selbst.

Eine große Schwierigkeit für viele Menschen, mit dem Thema Liebe zurecht zu kommen, besteht darin, dass sie Liebe und Verliebtheit nicht richtig auseinanderhalten können. Verliebtheit ist ein sich aufgrund hormoneller Ausschüttungen periodisch in einem Menschen einstellender Zustand, paarungsbereit zu sein. Mit der Paarung hat dieser Zustand sein Ziel erreicht und flaut daher wieder ab.

Nach dem Abflauen des Verliebtheitszustandes kommen die darunter liegenden psychischen Realitäten in Bezug auf die Liebe wieder zum Vorschein. Dann gewinnt die psychische Dynamik der enttäuschten kindlichen Bedürfnisse nach Mutter- und Vaterliebe wieder die Oberhand und nimmt in einer Partnerbeziehung Fahrt auf. Mutter- und Vaterhass mischen sich in ein in den Beziehungsalltag, der intime Partner ist dafür die stets vorhandene Zielscheibe. Das Beziehungsleben wird zuweilen zur Wiederholung der Hölle, die man als Kind schon mit Vater und Mutter erlebt hat.

Menschliche Fortpflanzung kann auch völlig ohne Liebe geschehen. Sexuelle Lust alleine reicht dafür aus. Sogar aus einem Gewaltakt können Kinder entstehen.

Für Männer ist mit dem Sexualakt ihr Job in puncto Fortpflanzung ohnehin getan. Frauen hingegen haben ohne Liebe keine Freude an ihren Kindern. Zu ihrer Fruchtbarkeit als Frau muss Mutterliebe hinzukommen, sonst wird das Muttersein für sie und ihr Kind zum Desaster. Diese Mutterliebe muss auch stärker und anders sein als die Liebe zu irgendeinem anderen Menschen, sei es zur eigenen Mutter, zu einem Mann oder einem anderen Kind, das sie bereits geboren hat. Wenn eine Frau Angst vor dem Vater ihres Kindes hat und sich ihm unterwirft, ist das für sie und ihr Kind eine Katastrophe. Sie kann dann weder sich noch das Kind vor der Zudringlichkeit, Übergriffigkeit und Gewalt ihres Mannes schützen.

Für Männer ist das Vatersein eine Chance, ihre eigene Liebesfähigkeit, die auch jeder Mann qua Menschennatur in sich trägt, weiter zu entwickeln und aus ihrer instinktiven Konkurrenzorientierung herauszuwachsen. Sie können so lernen, dass sexuelle Lust kein Ersatz für ihr Bedürfnis ist, als Mann, so wie man ist, geliebt zu werden. Sie können auf diese Weise auch begreifen, dass man einen anderen Menschen nicht besitzen kann – weder eine Frau noch die eigenen Kinder. [Franz Ruppert (2020). Liebe. Lust und Trauma. Unterwegs zu gesunder sexueller Identität. München: Kösel Verlag.]

In den Liebesliedern und -gedichten, in denen es scheinbar um einen Partner geht, geht es in der Tiefe eigentlich um die Sehnsucht nach Mama: Ohne dich bin ich nicht lebensfähig, ist mein Leben leer und grau …

Als kleiner Tipp am Rande für jene, die sich nach Partnerschaft und Ehe sehnen: Heirate niemanden, der noch nicht mit sich selbst verheiratet ist – also sich selbst nicht bedingungslos liebt.

14. Mein Lieblingsverein

Nicht gestillter Hunger nach Mutterliebe sucht sich seine Ersatzobjekte in der Außenwelt. In meinem Fall war es ein Lieblingsverein, dem ich ab dem 9. Lebensjahr bis hinein in mein spätes Erwachsenenalter die ewige Treue geschworen habe.

Fanatisch habe ich zu diesem Fussballclub gehalten und alles aufgesogen, was über ihn berichtet wurde. Was allerdings dazu geführt hat, dass ich nicht nur bei seinen Siegen in Euphorie geraten und mit Stolz geschwellter Brust meinen Spielkameraden und imaginären inneren Begleitern begegnet bin.

Bei seinen Niederlagen war ich entsprechend zutiefst enttäuscht und deprimiert. Solche Liebesillusionen können auch gegenüber Lieblings-Musiker, Filmstars oder Gurus gelebt werden. Näher hinzusehen, was das in Wahrheit für Menschen sind, empfiehlt sich dabei nicht.

15. Lieben und Helfen

Wohin mit meiner Liebe, vor allem, wenn ich sie nicht auf mich selbst richten darf, weil das angeblich egoistisch ist?

Viele Menschen, die nicht bei sich sind, haben das dringliche Bedürfnis, anderen helfen zu müssen. Das ist ebenfalls ein großer Irrtum, das dies auf Dauer gut gehen kann. Was ich einem anderen Menschen anbiete, wenn ich nicht in meiner Selbstliebe bin, können letztlich nur meine eigenen Liebestrauma-Überlebensstrategien sein.

Entsprechend enttäuscht oder sogar zornig bin ich, wenn ein anderer Mensch meine Hilfsangebote und damit meine doch gut gemeinte Liebe nicht annimmt. Mit Überlebensstrategien kann man einen anderen Menschen aber nur dann beglücken, wenn dieser auch nicht mehr will, als zu überleben, um nicht mit seinem Schmerz des abgelehnten und ungeliebten Kindes konfrontiert zu werden.

Überlebenshilfe, sei es von den eigenen Eltern, von Lehrern, von Ärzten, vom Staat, wird einem von solchen Menschen und Institutionen meist aufgedrängt, oft sogar aufgezwungen. Und man gilt dann als undankbar, vielleicht sogar unsozial, wenn man solche übergriffigen Formen von Hilfe ablehnt, die stets mit dem Preis der Abhängigkeit bezahlt werden muss.

Beim Helfen auf der Basis gesunder Selbstliebe weiß ich hingegen, dass jeder Mensch nur sein eigenes Leben gut führen kann. Keiner kann das für den anderen tun und ihm diese Verantwortung abnehmen. Ich kann ihm lediglich eine wachstums- und regenerationsförderliche Umwelt anbieten. Das ist schon sehr viel.

16. Gesellschaftliche Missachtung von realer Mutterliebe

Die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden, ist das größte psychische Kapital von uns Menschen. Moderne Gesellschaften untergraben jedoch systematisch die Fähigkeit von Frauen, reale, d.h. vor allem körperliche Mutterliebe zu fühlen, zu zeigen und ausreichend Zeit für ihre Kinder zu haben. Bereits während der Schwangerschaft und in den Geburtsprozessen geraten die meisten Frauen unter ein medizinisches System der Überwachung und Kontrolle, das ihre eigen Fähigkeiten gering schätzt und sie und ihren Körper zu Objekten zahlloser medizinischer Begutachtungen und Interventionen macht.

Auch nach der Geburt ihres Kindes wird Frauen heutzutage in den reicheren Ländern flächendeckend die frühe Fremdbetreuung ihrer Kinder als moderne Bildungsmaßnahme angeboten. Mütter und Kinder werden einander immer mehr entfremdet. [Michael Hüter (2018). Kindheit 6.7. Ein Manifest. Norderstedt: Books on Demand.]

Mütterlichkeit wird an staatliche und private Institutionen delegiert, was nicht funktionieren kann, mögen die dafür angeheuerten Erzieherinnen noch so engagiert in ihrem Beruf sein.

Hinzukommt ein hohes Maß an sexualisierter Gewalt, das viele Frauen bereits während ihrer Kindheit und Adoleszenz erleben. Auch das untergräbt ihre Fähigkeiten, gut in ihrem Körper verankert zu sein, dessen Urbedürfnisse zu fühlen, um ihren lebendigen weiblichen Organismus einem Kind als Lebens- und Liebesgrundlage anbieten zu können.

Wie beschrieben führt zudem der in vielen Männern über ihren Mutterhass entstandene Frauenhass zu einem Krieg der Geschlechter und zur generalisierten Geringschätzung von Frauen.

17. Mythos Mutterliebe

So entstehen ganze Gesellschaften, in denen die Mutterliebe eher als eine Vorstellung und Liebesillusion denn als real gelebte Mutterliebe existiert. Die Frauen in solchen Gesellschaften haben entsprechend irreale Vorstellungen von einem Traummann, von Wunschkindern und einer heilen Familie.

Sie basteln daran mir hohem Eifer und persönlichem Einsatz. Was sie aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte daran hindert, dass ihre Träume in Erfüllung gehen und mit großer Regelmäßigkeit scheitern, wollen sie nicht so gerne wissen. Das würde ja ihre Urängste und ihren Urschmerz anrühren.

Der Wunsch nach einem eigenen Kind mag dann zwar durchaus bestehen, doch wie steht es um die reale Fähigkeit, Mutter zu sein und konkret Mutterliebe zu geben? Viele „Wunschkinder“ müssen daher den Liebesillusionen und Trauma-Überlebensstrategien ihrer liebesgehemmten Mütter zu Diensten sein.

Deshalb ist es ein Tabubruch, wenn ich so direkt den Finger in die Wunde der Mutterliebe lege. Die meisten Menschen reagieren darauf zunächst mit Ärger und Wut und wollen diese für sie schmerzhafte Wahrheit nicht wissen und wehren sie ab.

Auch ganze Fraktionen des Feminismus befinden sich in einem Abwehrkampf gegen real gelebte Mütterlichkeit, die ihnen vermeintlich als zu primitiv und die Frauen diskriminierend erscheint, weil Mutterliebe sie auf das bloße Muttersein festlege und vom sonstigen gesellschaftlichen Leben und dessen Mitgestaltung ausschließe.

Dabei können Frauen gar nichts Besseres für eine Gesellschaft tun, als psychisch gesunde Kinder heranwachsen zu lassen. Was ist dagegen ein Beruf oder Job, den man nur um des Geldes willen macht? In dem auch eine Frau gezwungen ist, fremden Interessen zu dienen? Wie viele Menschen auf dieser Erde üben tatsächlich eine Arbeitstätigkeit aus, die sie auch machen würden, wenn sie dafür kein Geld für ihren Lebensunterhalt bekämen?

Da auch der Mutterhass in solchen Gesellschaften tabuisiert wird, fließt dieser in sämtliche gesellschaftliche Strukturen hinein. Jeder, der mir nicht passt, mich zurückweist, mich nicht ausreichend anerkennt, meinen Überlebensstrategien im Wege steht, meine Weltanschauung nicht teilt, ist in Gefahr, diesen Hass abzubekommen. Frustrierte Mutterliebe und daraus entstehender Mutterhass führt dazu, die Welt in Gut und Böse, in Freund und Feind einzuteilen und damit die Grundlagen für Mord und Totschlag in einer Gesellschaft zu legen.

18. „Führer“ als Mutter- und Vaterersatz-Figuren

So kommt es schließlich, dass die meisten Mitglieder in solchen Gesellschaften in ihren realen Liebesbedürfnissen tief frustriert sind. Sie leiden nahezu alle unter einem Mangel an Mutter- wie Vaterliebe. In ihren Überlebensstrategien sind sie dadurch fast nur am Außen orientiert, müssen nach permanenten Ablenkungen von ihren psychischen Schmerzen suchen und sind in ihren Verlassenheitsängsten und im Dauerstress ihrer Beziehungsgestaltungen gefangen.

Solche Menschen leben reaktiv, d.h. sie reagieren nur auf das, was von Außen auf sie zukommt. Sie müssen immerzu etwas abwehren, sich rechtfertigen, beschwichtigen, dass es nicht so gemeint sei, was sie sagen und tun. Sie beklagen sich und klagen an. Sie verwirren mit ihren Aktionen andere und sind selbst verwirrt. Manchmal wissen sie noch nicht einmal, ob sie Mann oder Frau sind.

Aus ihren Liebesillusionen heraus versteigen sie sich immer wieder in neue Liebeswahnsysteme – in sämtlichen gesellschaftlichen Sphären. Der Partner, die eigenen Kinder, Freunde, Chefs, Kunden, Wähler … alle werden mehr oder weniger unbewusst durch die Brille der eigenen frustrierten Elternliebe-Erfahrung gesehen. Ablehnung, Gleichgültigkeit, Gewalterfahrungen und Hass – alles wird im jeweiligen Kontext unbewusst blind reinszeniert. So erwarten wir uns von Menschen Schutz und Sicherheit, die in Wahrheit Täter gegenüber unseren Grundbedürfnissen sind. Wir kennen das ja schon aus unserer Familie.

Insbesondere auf gesellschaftliche Führungskräfte, auf Lehrer, Vorgesetzte, Ärzte oder Politiker werden wie wild Mutter- wie Vaterprojektionen gerichtet, statt solche Menschen nur als diejenigen zu sehen, die uns hilfreich durch unser Leben begleiten könnten, wobei die Verantwortung für unser eigenes Lebensglück immer bei uns selbst bleibt.

Kein Wunder, dass sich dann solche Menschen, von denen wir wie kleine Kinder unser Wohl und Wehe abhängig machen, auch in die Vorstellung hineinsteigern, sie wären als die kleinen und großen Führer und Vorbilder für unser Leben zuständig. Sie werden, entsprechend narzisstisch vorgeprägt durch ihre eigene Kindheit, dann immer dominanter und übergriffiger, je mehr von ihnen erwartet und ihnen der Freibrief dazu erteilt wird.

Sie behandeln uns letztlich wie unmündige Kinder, statt sich gemäß ihrer eigentlichen Aufgabe, als unsere Dienstleister schlicht dem Allgemeinwohl verpflichtet zu sehen. Was wir schon in unserer Familie an Zurückweisung unserer Bedürfnisse erdulden mussten, erleben wir dann auf gesellschaftlichem Niveau erneut.

Wenn Frauen mit einem riesigen Mutterliebe-Defizit Politikerinnen werden und Machtpositionen erobern, sind sie für die Bevölkerung keinen Deut anders und besser als liebesfrustrierte Männer. Auch sie beherrschen das Manipulieren, Kontrollieren und Sprüche wie „Wir müssen uns noch mehr anstrengen und den Gürtel enger schnallen und Opfer bringen!“ ebenso gut wie Männer. Auch sie leben ihren Mutter- wie Vaterhass verdeckt an der gesamten Bevölkerung aus. Bei Wahlen steht uns immer nur „das kleinere Übel“ zur Auswahl.

19. Geld kann Mutterliebe nicht kaufen

Die unterdrückte Mutterliebe macht gierig. Sie befördert ein unstillbares Immer-mehr-haben-wollen. Weil vieles, was jemand haben und besitzen will, Geld kostet, entsteht so eine Gier nach Geld. Wenn ich Geld habe, dann kann ich mir anscheinend alle meine Wünsche erfüllen – auch das ist eine große Illusion. Liebe und damit tiefes Lebensglück sind nicht käuflich zu erwerben.

Niemand kann sich mit Geld Mutterliebe kaufen. Wenn man diese in seiner Kindheit nicht in ausreichendem Maße fühlen konnte, ist sie um kein Geld der Welt zu bekommen.

Daher wird von vielen Menschen, das meiste Geld, das sie haben, für Trauma-Überlebensstrategien verpulvert. Das geschieht im Kleinen bei jedem Einzelnen von uns und das geschieht auch im großen Stil auf institutioneller und staatlicher Ebene. Mangel und Überfluss gehen so Hand in Hand.

Selbst in den reichen Industrieländern sind die meisten Menschen nicht wirklich glücklich und haben Angst vor Verarmung. Der Geldreichtum mag wachsen, die Geldbesitzer schrumpfen auf dem Weg seiner Vermehrung eher in ihrer inneren Größe als das sie in ihrer vollen Würde erwachsene Männer und Frauen würden.

Je mehr Geld sie haben und in ihren Berufen umsetzen, desto geldgieriger und skrupelloser werden sie. Sie rauben sogar den Armen noch ihr letztes Hemd. Sie gehen für noch mehr Geld sogar über Leichen.

20. Das System ist alles, du zählst nichts

Identifikationen im Außen. Er lebt dann im Wir-müssen- statt im Ich-will-Modus. Zu leben bedeutet fortan im Kampfmodus zu sein gegen sich und andere. Übergriffigkeit und Ausbeutung der Liebesbedürfnisse und -fähigkeiten anderer sind darin eingeschlossen.

So entstehen gesellschaftliche Systeme, die sich über den einzelnen Menschen stellen und scheinbar bedeutsamer und wichtiger sind als er. Der Einzelne muss solchen Systemen dienen, deren vermeintlich „objektiven“, angeblich wissenschaftlich ermittelten Gesetzmäßigkeiten gehorchen, statt, wie es sinnvoll wäre, dass solche Bildungs-, Gesundheits-, Kultur-, Wissenschafts-, Wirtschafts- oder Politiksysteme für sein gutes Leben sorgen würden. Was für ein vermessener Anspruch!

Ungeliebte Kinder akzeptieren solche Systeme, weil sie ihnen die Wahrheit ersparen, den Schmerz des Ungeliebtseins von der eigenen Mutter zu fühlen.

Daher werden solche Systeme von den zahllosen Opfern mütterlicher Ablehnung mit viel Einsatz am Leben gehalten. Macher und Mitmacher sitzen hier in einem Boot und sind sich insgeheim einig, nicht am eigenen Schmerz zu rühren. Stattdessen leben wir dann gemeinsam unseren Geschwisterneid und Mutterhass an anderen aus, die qua unserer willkürlichen Definitionen vermeintlich nicht zu uns gehören.

In diesen infantilen und traumatisierten Gesellschaften haben nur wenige Menschen eine Vorstellung davon, wie ein auf Liebe gegründetes Zusammenleben in Beziehungen, Familien oder insgesamt in der Gesellschaft aussehen könnte. Die meisten wissen, was sie nicht wollen und ihnen nicht wirklich behagt.

Was sie hingegen wollen, dafür fehlt der Mehrheit, die gelernt hat, die eigenen Urbedürfnisse zu unterdrücken, die Vorstellung und die Sprache. Sie verlängern ihren Pessimismus in die Zukunft: Die Welt ist und bleibt schlecht! Da gibt es keine Hoffnung auf Besserung.

In solchen traumatisierten Gesellschaften ist es daher schon ein großer persönlicher Fortschritt, seinen Erfolg nicht länger im Außen, in Partnerschaft, Familie, Geld und Macht zu suchen, sondern darin, endlich Ich zu werden und selbstverantwortlich für die eigenen Lebensbedürfnisse einzutreten.

21. Raubtierkapitalismus – ein Wirtschaftssystem ohne Liebe

Das Wirtschaftssystem, dass auf Privatbesitz und Geldvermehrung aufgebaut ist, der „Kapitalismus“, reißt derzeit weitere monetäre, nationale, rechtliche, religiöse, familiäre, moralische und ethische Schranken nieder, welche Menschen vor Ausbeutung, Verarmung und Verelendung schützen.

Die gigantische Konzentration von materiellem und finanziellem Besitz in den Händen einiger superreicher Einzelpersonen, Megakonzerne, Kapitalfonds und Stiftungen und die scheinbar schrankenlosen Möglichkeiten der IT-Technologie erlauben es diesen, sich alles und jeden zu kaufen, um noch mehr Besitz und Vermögen an sich zu reißen.

Der einzelne Mensch ist nur ein Mittel zum Zwecke, ein Objekt, dessen Bedürfnisse und Geist beliebig manipulierbar erscheinen, dessen Arbeitsvermögen bis zur Erschöpfung ausgesaugt werden kann, dessen Körper zur Verfügung zu stehen hat für alles, womit Geld verdient werden kann.

Die Akteure dieses Systems kalkulieren eiskalt strategisch. Sie handeln ohne Mitgefühl. Sie lügen, betrügen, manipulieren und töten ohne mit der Wimper zu zucken. Sie erpressen sich auch gegenseitig und berauschen sich mit Sex und Drogen, um ihre emotionale Abgestumpftheit und Lieblosigkeit nicht zu spüren.

22. Ist „Narzissmus“ Selbstliebe?

Es gibt eine psychiatrische Diagnose, die sich „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ nennt. Als ihre Merkmale werden aufgelistet:

  1. Hat ein grandioses Gefühl der eigenen Wichtigkeit (zum Beispiel übertreibt die eigenen Leistungen und Talente; erwartet, ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden).
  2. Ist stark eingenommen von Fantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe.
  3. Glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder angesehenen Personen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder nur mit diesen verkehren zu können.
  4. Verlangt nach übermäßiger Bewunderung.
  5. Legt ein Anspruchsdenken an den Tag (das heißt übertriebene Erwartungen an eine besonders bevorzugte Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen).
  6. Ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch (das heißt zieht Nutzen aus anderen, um die eigenen Ziele zu erreichen).
  7. Zeigt einen Mangel an Empathie: Ist nicht willens, die Gefühle und Bedürfnisse anderer zu erkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren.
  8. Ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn/sie.
  9. Zeigt arrogante, überhebliche Verhaltensweisen oder Haltungen.

Menschen, die solche Eigenschaften zeigen, wollen offenbar im Mittelpunkt stehen und bewundert werden. Warum? Weil sie es psychisch dringend nötig haben! Weil sie sich ohne die beständige Bewunderung von anderen Menschen klein und unbedeutend fühlen. Weil sie sich sonst ihres Daseins schämen.

Nach meinen Erfahrungen sind das vor allem Kinder, die von ihrer Mutter nicht gewollt sind und sich dafür schämen, dass es sie überhaupt gibt. Diese Daseinsscham im Verhältnis zur eigenen Mutter soll dann durch Macht, Geld, Ruhm und Glanz kompensiert werden. Auch von ihrem Vater haben sie meist die Botschaft erhalten, klein und dumm zu sein und ihm nicht das Wasser reichen zu können.

„Narzisstisch“ veranlagten Menschen gelingt es durchaus, sich in andere Menschen einzufühlen. Dieses Sich-Einfühlen ist jedoch berechnend und manipulativ. Solange der andere mitspielt und die eigenen narzisstischen Bedürfnisse befriedigt, geht das für eine Weile gut.

Aber es kommt mit Sicherheit der Moment, an dem das narzisstische Hochgefühl in Ablehnung und blanken Hass umschlägt, sobald der verdrängte Urschmerz aus der Mutterbeziehung wieder nach oben drängt. [Hans-Joachim Maaz (2012). Die narzisstische Gesellschaft. Ein Psychogramm. München: C.H. Beck.]

23. Wahnsinnsprojekte

Der Grundirrtum einer solchen Überlebensstrategie für eine traumatisierende Elternbeziehung besteht in der Vorstellung: Wenn ich nur wichtig genug für andere bin, dann bin ich es auch für Mama und Papa wert, da zu sein und geliebt zu werden. Da auch viele andere kompensatorisch für ihren Mangel an Elternliebe nach Ansehen und Erfolg streben, werden sie als Konkurrenz erlebt und aus dem Feld zu drängen versucht.

So kann eine ganze Gesellschaft leicht ein Haifischbecken narzisstisch gestörter Menschen werden, die ihren Mitmenschen aus ihrer kindlichen Scham und Not heraus ihre grandiosen Projekte verkaufen und aufdrängen wollen. Solche Projekte sind meist größenwahnsinnig und übersteigen leicht die Grenzen des Vorstellbaren („Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt!“ „Alle Menschen auf dieser Erde impfen!“).

Mit Vorliebe erfinden narzisstisch gestörte Menschen Narrative von Tod und Verderben, in denen sie als die Retter erscheinen, welche die Menschheit vom Bösen („Dem Teufel!“), von Feinden („Die Russen!“), von finsteren Mächten („Die Terroristen!“) oder Krankheit und Seuchen („Die Pest!“ „COVID!“) befreien.

Bei näherer Betrachtung sind solche, oft auch schnell wechselnde, Narrative, die mit scheinbar genialen und grandiosen Ideen die Lösung aller Probleme versprechen, oft nichts als heiße Luft. Leider können sie real Millionen von Menschen ins Verderben reißen, sofern ein Narzisst und seine Clique nur die Macht- und Geldmittel zur Verfügung haben, seine Wahnsinnspläne zu verwirklichen. Für „Narzissten“ sind reale Menschen nur die Statisten in ihrem Kopfkino. Es kommt ihnen nur auf die Masse ihrer Bewunderer an, nicht auf deren wirklichen Bedürfnisse.

Nicht nur die Kinder aus Herrscherdynastien, in denen es meist ebenso an echter Mutter- wie Vaterliebe fehlt wie bei den sogenannten kleinen Leuten, toben ihren Narzissmus in vielen Varianten aus. Auch Menschen, die aus ärmlichen Verhältnissen kommen, haben die Vorstellung, es würde ihnen besser gehen, wenn sie zu den Reichen, Mächtigen und Berühmten gehörten.

Sie sind daher leicht von denen zu verführen und zu kaufen, die über die entsprechenden Macht- und Finanzmittel verfügen. So kommen immer wieder Leute aus einfachen Verhältnissen ganz nach oben ins Rampenlicht der Weltpolitik. Sie werden dort zu den gefügigen Marionetten der eigentlich Mächtigen und Reichen.

Man sollte sich deshalb die Frage stellen, ob man seine Arbeitskraft und damit seine kostbare Lebenszeit in den Dienst eines Narzissten oder eines narzisstischen Narrativs stellen möchte, welches sich eine Gruppe von Menschen ausgedacht hat. Was habe ich davon, der Wasserträger von Narzissten zu sein? Will ich, dass ihr Glanz auf mich abfärbt?

Was ist mit meinem eigenen Glanz? Manche Menschen kommen in ihrem Leben vom Regen in die Traufe. Kaum sind sie der Tyrannei ihrer traumatisierten Eltern entronnen, finden sie sich in einem Arbeitsleben mit einem tyrannischen Chef oder in Gesellschaften mit politischen Diktatoren wieder.

Weil es so viele von ihren Müttern und Vätern emotional nicht gelöste Menschen gibt, sind die meisten der heutigen Gesellschaften infantile Gesellschaften.

24. Auch Tyrannen und Mörder wollen geliebt werden

So werden aus ehemals liebevollen kleinen Menschenwesen leider auch viele große Menschen, die nach dem Motto leben: Wenn ich schon nicht geliebt werde, sollen die anderen zumindest in Angst und Schrecken vor mir leben und sich vor mir in Acht nehmen müssen.

Sie trainieren sich eine feindselige Haltung an und legen sich Machtmittel und Waffen zu, mit denen sie andere bedrohen, unter ihre Kontrolle bringen und gegebenenfalls töten können. Wer sein eigenes Lebensglück nicht findet, neidet anderen deren Glück und kann es nicht ertragen, dass sie sich gut und geliebt fühlen.

Wollen solche Menschen also nicht geliebt werden?

Auch in diesen Fällen ist das Urbedürfnis, von der eigenen Mutter geliebt zu werden, nur von zahllosen Überlebensstrategien und Verstrickungen mit den mütterlichen Traumata überlagert. Hinzukommen noch die vielen lieblosen und gewalttätigen Väter mit ihren zahllosen psychischen Wunden. Auch die eiskalten Tyrannen und Diktatoren auf dieser Welt wollen im Grunde ihres Herzens geliebt werden.

Sie wollen deshalb sogar für immer im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Sie wollen bewundert und für ihre vermeintlich großartigen Leistungen für ihr Volk oder sogar die gesamte Menschheit anerkannt werden. Daher können sie sich nur schwer von der Macht wieder trennen, sobald sie sich diese einmal erobert haben.

Im Grunde wollen sie Liebe und Zuneigung mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Gewalt erzwingen. Ähnlich wie Kinder das schon auf dem Pausenhof machen, die Geschenke an andere Schüler verteilen, um sich beliebt zu machen, kaufen sie sich Journalisten, Minister und Berater, die sich wegen ihrer Abhängigkeit nicht trauen, ein unschönes Wort über sie zu verlieren. Das ist ein im Grunde ein leicht zu durchschauendes Spiel.

Tyrannen und Diktatoren setzen auf Abhängigkeit. Sie wollen, dass andere Menschen von ihnen politisch, wirtschaftlich, sozial und psychisch abhängig sind. Sie erpressen sie mit den entsprechenden Dossiers, die sie über ihre Kontrahenten anlegen.

De facto sind aber auch sie psychisch abhängig von anderen Menschen. Alleine, ohne den Kampf mit anderen, sind sie innerlich leer, weil sie ihre eigenen Urbedürfnisse und damit ihre positiven Emotionen abgespalten haben. Sie können sich selbst nicht mehr fühlen und müssen sich beständig mit äußeren Erlebnissen anfüllen. Im Kampf mit ihrem Volk oder der gesamten Menschheit wiederholen sie den aussichtslosen Kampf um die Liebe ihrer Mutter. Alle Tyrannen scheitern früher oder später in diesem Kampf. [Franz Ruppert (2018). Wer bin Ich in einer traumatisierten Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta Verlag.]

Sie erreichen auf diesem Wege das genaue Gegenteil dessen, was sie sich heimlich wünschen. Niemand liebt sie ehrlich. Liebe lässt sich nicht mit Gewalt erzwingen, weder mit Gewalt gegen andere und noch mit Gewalt gegen sich selbst. Das funktioniert nicht.

Solche Versuche bedeuten nur permanente Anspannung, Wut, Aggression, Dauerstress, Krankheit und Tod für einzelne Menschen wie für ganze Kollektive. Wer diesen Irrtum nicht erkennt, macht sich und seine Mitmenschen chronisch unglücklich. Die Geschichte der Menschheit zeigt diese Fehleinschätzung in tausenden von Facetten und auch unsere Jetzt-Zeit macht dies mit aller Deutlichkeit klar.

Der Frühwaise Adolf Hitler (geb. 1889) verlor seinen Vater mit 11 und seine Mutter mit 17 Jahren. Bis zu seinem Selbstmord im Jahre 1945 hatte er ein Porträt seiner Mutter auf dem Schreibtisch seines „Führer“bunkers stehen.

Wenn solche in ihrem Liebesbedürfnis schwer gekränkten Menschen nur einmal die Erfahrung machen könnten, wie einfach es ist, dass die Herzen der Menschen ihnen zufliegen, wenn sie offen und authentisch ihre Gefühle zeigen! Wenn auch sie ihren Liebes-Urschmerz zum Ausdruck bringen. Dann würden sie merken, dass es all dieses Riesenaufwands, den sie betreiben, um sich selbst und andere Menschen zu versklaven, gar nicht bedürfte.

Fortsetzung: Teil 3 und Schluss

Prof. Dr. Franz Ruppert, Psychologischer Psychotherapeut und Professor für Psychologie, beschäftigt sich seit dem Jahr 2000 vor allem mit Psychotraumatologie. Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit in München ist er auch Autor mehrerer Bücher, die in viele andere Sprachen übersetzt wurden: Webseite.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.

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