Der verdrängte Tod – von Herbert Ludwig

Von 24. November 2019 Aktualisiert: 24. November 2019 9:18
Ob sich die Existenz des Menschen nach dem Tode fortsetzt, ist die zentrale Frage jedes denkenden Menschen. Doch wie viele denkende Menschen gibt es noch, die diese entscheidende Lebensfrage nicht verdrängen?

„Die Kultur eines Volkes erkennt man daran, wie es mit seinen Toten umgeht.“ Perikles, 493-429 v. Chr.

Wie leer oder erfüllt sind die Toten-Gedenktage im November, wenn nach einer Statistik von 2017 in Deutschland nur noch 35 Prozent an ein Weiterleben nach dem Tode glauben? 37 Prozent glauben nicht daran, und 26 Prozent sind unentschieden.

Sind unsere Verstorbenen geistig lebendig; stehen sie mit uns in Verbindung und bilden mit uns eine höhere Gemeinschaft, die aber wegen unsrer materialistischen Beschränktheit nicht fruchtbar werden kann?

Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch schrieb noch 1945 unter dem Eindruck der 60 bis 70 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges ein Drama mit dem Titel „Nun singen sie wieder“, in dem er eine Gruppe erschossener Geiseln, die singend in den Tod gegangen waren, wieder als handelnde Personen auftreten lässt.

Singend versuchen sie, sich wieder bei den Lebenden bemerkbar zu machen und „sie dazu zu bringen, ein anderes Leben zu führen und sich miteinander zu versöhnen. Doch die Lebenden sehen den einzigen Trost darin, alles wieder aufzubauen wie zuvor und die Verstorbenen zu rächen.“ (Wikipedia)

Max Frisch geht davon aus, dass die Verstorbenen nach dem Tode eine höhere Lebensperspektive gewinnen, aus der sie nun das Leben auf der Erde betrachten und die Lebenden helfend beraten wollen. Doch diese können die Verstorbenen nicht wahrnehmen, sind völlig von ihnen und ihrer Welt abgeschnitten und verharren im Sumpf ihrer irdischen Leidenschaften und Beschränkungen, so dass es keinen Fortschritt gibt. Das ist die furchtbare Tragik.

Veränderung des Bewusstseins

Je weiter man in der Geschichte zurückgeht, umso selbstverständlicher ist für die Menschen die Existenz der Verstorbenen in einer unmittelbar angrenzenden geistigen Welt höherer Wesen, deren Anwesenheit geahnt, empfunden, ja hellsichtig wahrgenommen wurde. Diese instinktive Verbundenheit ging ganz offensichtlich im Laufe der geschichtlichen Entwicklung immer mehr zurück.

Nur in den Mysterien wurde sie für wenige Auserwählte durch eine strenge Einweihungsschulung bewahrt und zu besonderer Höhe und Klarheit gesteigert. Noch bis ins Mittelalter hinein erlebten viele Menschen mehr oder weniger traumhaft die reale Nähe der mit ihnen verbundenen toten Menschen. Doch seit Beginn der Neuzeit ist das Bewusstsein der Menschen im Allgemeinen völlig auf die Wahrnehmung der sinnlich-materiellen Welt reduziert.

Die Tatsache, dass sie keine körperlosen geistigen Wesen und Menschen wahrnehmen können, verleitet viele Menschen zu dem naiven, ahistorischen Schluss, also gebe es nichts Übersinnlich-Geistiges. Und zu der eigenen intellektuellen Beschränktheit gesellt sich der Hochmut, die Menschen seien früher noch in einem primitiven Aberglauben befangen gewesen.

Sie merken nicht, dass sie es selbst sind, die sich in einem Aberglauben befinden. Denn die Tatsache, dass die Menschen aller früheren Kulturen übereinstimmend höhere Wesen und Verstorbene erlebt und wahrgenommen haben, führt zu dem einzig logischen Schluss, dass sich folglich bis heute Wahrnehmung und Erkenntnis der Menschen verändert haben – ohne ihr Zutun, wie durch höhere pädagogische Lenkung.

Erst jetzt ist der Mensch in seinem Bewusstsein völlig von den übersinnlichen Welten getrennt, sozusagen vollends aus dem Paradies vertrieben. Denn nur dadurch kann er zur Freiheit kommen. Solange noch Einflüsse aus einer höheren Welt ungefragt in sein Bewusstsein fließen und ihn so beeinflussen und bestimmen, ist er nicht frei. Und die bisher vergangenen fünfhundert Jahre der Neuzeit zeigen in allen Lebensgebieten eine intensive Entwicklung des abendländischen Menschen zur individuellen Freiheit.

Doch mit der eroberten Freiheit muss er wieder aus eigenem Willen die Verbindung zu den höheren Welten suchen, aus denen er stammt. Denn ohne deren Entwicklungsintentionen zu erkennen, driftet er immer mehr in Chaos und Zerstörung, wie die grauenvollen Kriege und sozialen Zustände der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart offenbar machen.

Die Fähigkeit, Verstorbene und höhere Wesen wahrzunehmen, ist aber nicht nur eine Sache weit zurückliegender Zeiten. Die Menschheit entwickelt sich nicht gleichmäßig in einer Linie. Was die abendländische weiße Menschheit hinter sich gelassen hat, wurde und wird in farbigen Völkern vielfach erst noch in der unmittelbaren Vergangenheit und Gegenwart durchgemacht. Oder sie befinden sich in einem langsamen schmerzhaften Übergangstadium.

Eine eindrucksvolle authentische Schilderung der Bewusstseinsverfassung seines eigenen Volksstammes gibt der Schwarzafrikaner Malidoma Patrice Somé in seinem Buch „Vom Geist Afrikas“, das auch zum Verständnis der Mentalität der Schwarzafrikaner sehr aufschlussreich ist.

Zwischen zwei Welten

Er wurde 1956 im Volksstamm der Dagara in der westafrikanischen französischen Kolonie Obervolta, dem heutigen Burkina Faso, geboren. Im Alter von vier Jahren wurde er von einem mit seinem Vater befreundeten französischen Jesuiten-Missionar gekidnappt und fünfzehn Jahre in einem Internat, weit weg von seiner Familie, aufgezogen und in den Fächern „des weißen Mannes“, in Geschichte, Geographie, Anatomie, Mathematik und Literatur unterrichtet. „Zusammen mit diesen Fächern wurde mir eine gute Dosis Christentum verabreicht, mit seinem leidenschaftlich zornigen Gott, der jeden Gläubigen zwingt, in dauernder Furcht vor ihm zu leben.“

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Im Alter von zwanzig riss er aus und kehrte zu seinem Volk zurück, musste aber feststellen, dass er mit seinem jetzigen intellektuellen Bewusstsein nicht mehr in die instinktiv geistige Naturverbundenheit der Stammesgemeinschaft passte.

Um wieder in sein Volk aufgenommen zu werden, machte er zusammen mit den 13-14-jährigen Jungens die wochenlangen Initiationsriten durch, die dazu führten, dass sie auf verschiedene Weise übersinnliche Erfahrungen außerhalb ihres physischen Leibes machten. Doch als er zweiundzwanzig war, forderten ihn die Ältesten des Stammes auf, in die Welt des weißen Mannes zurückzukehren und als Vermittler und Brücke zwischen beiden Kulturformen zu wirken.

Er studierte vier Jahre an einer von französischen Kolonialbeamten errichteten Hochschule des Landes und erwarb einen Magister in Soziologie, Literatur und Sprachwissenschaft sowie eine Promotion in Weltliteratur. Er erhielt ein Stipendium an der Sorbonne in Paris, wo er ein Diplom in Politikwissenschaft erwarb, ging dann noch in die USA und schloss an der Brandeis-Universität in Waltham/Boston ein weiteres Literaturstudium mit dem Dr. phil. ab. Er lebt jetzt in Amerika und gibt dort Kurse in afrikanischer Spiritualität.

Doch einmal im Jahr kehrt er für Wochen zu seinem Volk zurück, um seine Ältesten zu Hause sehen. „Nicht um sie zu besuchen, sondern um gereinigt zu werden. Nach mehreren Jahren dieser Praxis habe ich begriffen, dass ein Aufenthalt im Westen fast so ist, wie wenn man sich in hochradioaktiver Umgebung befände. Ohne diese periodische Reinigung könnte ich nicht leben.“

Die spirituelle Lebensauffassung der Dagara

Malidoma Somé hat noch eine einigermaßen intakte Stammeskultur erlebt, die sich aber auch in langsamer Auflösung befindet.

Die Welt des Übernatürlichen, Übersinnlichen, die alles Physische umgibt und durchdringt, ist für die Dagara so selbstverständlich, dass sie in ihrer Sprache gar kein Wort dafür besitzen. „Am nächsten kommt diesem Begriff noch unser Wort ´Yielbongura`, ´das Ding, das vom Wissen nicht gegessen werden kann`. Das Wort besagt, dass Leben und Kraft bestimmter Dinge auf ihrem Widerstand gegen das kategorische Wissen beruhen, das die Menschen heute allem überstülpen.“

Es entzieht sich also dem intellektuellen Verstandesdenken, das ja auch nur Begriffe der sinnlich wahrnehmbaren Wirklichkeit bildet und zur Verfügung hat.

„In der Realität des Westens existiert eine deutliche Kluft zwischen dem geistigen und dem materiellen, dem religiösen und dem profanen Leben. Eine solche Vorstellung ist den Dagara fremd. Für uns ist, wie für viele andere Stammeskulturen auch, das Übernatürliche Bestandteil des Alltags. Für einen Dagara ist das Materielle nur das Form gewordene Spirituelle. Das Profane ist Religion auf niederer Ebene – ein Ort der trägen Ruhe im Vergleich zur Hochspannung des religiösen und spirituellen Lebens. …
In der Dagara-Welt unterscheidet man auch nicht zwischen Realität und Imagination. Für uns besteht die engste Beziehung zwischen Gedanke und Wirklichkeit. Sich etwas vorzustellen, also die Gedanken stark darauf zu konzentrieren, kann dieses Etwas auch ins Dasein rufen. Menschen z.B., die das Dasein pessimistisch betrachten und immer das Schlimmste erwarten, erzeugen diese Realität im allgemeinen auch. Menschen dagegen, die erwarten, dass ihnen die Dinge zum Besten dienen, erleben die Welt meist auch so. Im Reich des Heiligen reicht dieser Zusammenhang sogar noch weiter. Denn was ist Magie anderes als die Fähigkeit, Gedanken und Energien so zu konzentrieren, dass sich Ergebnisse auf der sichtbaren Ebene einstellen? Die Weltanschauung der Dagara ist umfassend. Kann sich jemand etwas vorstellen, so besteht zumindest die Möglichkeit, dass es auch ins Dasein tritt.“

Die Realität der Verstorbenen

Ein entscheidendes Element einer harmonischen und gedeihlichen Kultur sieht er in einer lebendigen Beziehung der Lebenden zu den Verstorbenen. Diese stehen in der Welt der körperlosen geistigen Wesen den lebenden Menschen am nächsten und nehmen an ihrem Leben weiter den intensivsten Anteil. Es ist seine feste Überzeugung, dass die Unrast, die den modernen westlichen und verwestlichten Menschen umtreibt, ihre Wurzeln in einer gestörten Beziehung zu den Vorfahren hat. In vielen nichtwestlichen Kulturen stehen die Ahnen mit der Welt der Lebenden „in innigster und absolut lebensnotwendiger Beziehung. Sie halten sich immer bereit, um Rat, Belehrung und Kraft zu geben. Sie bilden einen Weg zwischen dieser Welt und der künftigen. Und am wichtigsten – ja am paradoxesten – ist, dass sie die Richtlinien für ein erfülltes Leben verkörpern – für alles, was wertvoll im Leben ist. Aus einer ungleichgewichtigen Beziehung zwischen den Lebenden und den Toten kann nur Chaos entstehen“ (S. 19-20).

Den meisten erwachsenen Dagara machen sich die Ahnen im ahnenden Gefühl und in Träumen bemerkbar, während die führenden Ältesten des Stammes durch esoterische Schulungen die Fähigkeit erworben haben, sie bewusst übersinnlich wahrzunehmen und mit ihnen zu kommunizieren; so auch sein bei allen hoch angesehener Großvater.

„Großvater wusste auch, wie man zur Leere spricht, oder besser: zu einem unsichtbaren Geisterpublikum. Bei den Dagara ist es so, dass man, je älter man wird, desto häufiger auf Geister und Vorfahren stößt. Hört man eine Person laut vor sich hinsprechen, redet man sie nicht an, weil sie mit Sicherheit gerade einen wichtigen Fall mit einem Geist oder Ahnen durchspricht. Aber diese Regel bezieht sich mehr auf heilige Älteste als auf Erwachsene im Allgemeinen. Wenn ich mit Großvater zusammen war, hatte ich immer das Gefühl, wir seien von mehr Wesen umgeben, als man zählen könnte. Wenn er merkte, dass ich einmal nicht zuhörte, wandte er sich wieder diesen unsichtbaren Wesen zu. Niemals schien er sich darüber zu ärgern, dass ich ihm nicht zuhörte“ (S. 40)

Aus der verehrungsvollen Verbindung mit den Ahnen, den Vorfahren, ergibt sich eine große Verehrung der Alten mit ihrer Weisheit, die bald zu den Verstorbenen gehören. Und es ergibt sich daraus eine große Liebe zu den Kindern, in denen vielfach wiedergeborene Ahnen gesehen werden.

„Es gibt eine enge Beziehung zwischen Großvätern und Enkeln. Die ersten Jahre verbringt ein Junge in der Regel nicht mit seinem Vater, sondern mit seinem Großvater. Was Großvater und Enkel verbindet – und daran hat der Vater keinen Anteil -, ist ihre besondere Nähe zum Kosmos. Denn der Großvater wird in kurzem dorthin zurückkehren, woher der Enkel gerade gekommen ist. Daher ist der Enkel der Überbringer von Nachrichten, die den Großvater brennend interessieren. Der Großvater veranlasst den Enkel auf alle Weise, ihm die Nachrichten von den Ahnen zu übermitteln, bevor das Kind sie wieder vergisst, was über kurz oder lang unweigerlich geschieht. Mein Großvater verschaffte sich diese Nachrichten mittels Hypnose. Er versetzte mich in Schlaf und fragte mich aus.

Aber diese Beziehung zum Enkel hat nicht nur für den Großvater Vorteile. Er muss nämlich die erhaltenen Nachrichten seinem Enkel weitergeben und sich dabei an die Regeln halten, die nur für Großväter und Enkel bestimmt sind. Er muss das neue Mitglied der Gemeinschaft mit den schweren Aufgaben vertraut machen, die auf der steinigen Straße des Lebens vor ihm liegen.

Für den Dagara ist jeder Mensch eine ´Inkarnation`, d.h. ein Geist, der einen Körper angenommen hat. Unsere eigentliche Natur ist geistig. Man kommt auf diese Welt, um bestimmte Aufgaben zu erfüllen. Eine Geburt ist nichts anderes als die Ankunft von jemandem, normalerweise eines Vorfahren, den jemand anders schon kennt, in dieser Welt, in der er wichtige Aufgaben zu übernehmen hat. Die Ahnen sind die eigentliche Lebensschule. Sie sind Träger der Weisheit, nach der sich die Menschen in dieser Welt richten sollen“ (S. 35-36).

Als sein Großvater im Sterben lag, sagte dieser zu seinem Vater, der in gewisser Weise sein Sorgenkind war:
„Es ist soweit. Ich lege das Los der Familie in deine Hände. Ich muss jetzt zwar gehen, doch werde ich immer hier sein. Vom Reich der Toten kann ich dir noch besser helfen als bisher. Ich werde sogar zugleich dort und hier sein, denn ich habe kein Fleisch mehr. … Lass mich dir nahe sein und mit dir zusammenwirken. Solltest du einmal nicht mehr weiter wissen, werde ich dir im Traum erscheinen und zu dir sprechen“ (S. 88, 89).

In seiner Initiation hatte Malidoma tiefgehende spirituelle Erfahrungen. So schildert er, dass er sich – wie im Tode – außerhalb seines Leibes befand:

„In diesem Moment hatte ich eine Offenbarung. Ich erkannte, dass das Licht, dem wir auf der Straße des Todes begegnen, unser Selbst ist, das sich auf dem Weg zu sich befindet. Ich begriff, dass Licht unser ursprünglicher Zustand ist, aber dass wir Menschen einander helfen müssen, während wir uns auf die Küsten des Lichts zubewegen. Viele Male müssen wir geboren werden und sterben, bis wir zu diesem Licht gelangen. Und zehntausend Jahre sind dabei wie ein Augenblick. Im Licht zu sein, bedeutet zu wissen, dass wir auch andere ins Licht hereinholen müssen. Die erleuchtete Seele kehrt voller Mitleid ins Leben zurück, um anderen Seelen auf deren Lebensreise zu helfen. …

Jetzt war es mir, als sähe ich eine lange Reihe vergangener Leben, beginnend in einer weit zurückliegenden Zeit. Und plötzlich fühlte ich mich mehr ich selbst denn je zuvor. …
Im Dorf gibt es ein Sprichwort: Beim Tod erleidet eine Welt einen Verlust, und eine andere feiert eine Geburt.“ (S. 383, 384, 385)

Das Sprichwort ist praktisch identisch mit dem Aphorismus des deutschen Romantikers Novalis (1772-1801), der aus der Morgenröte eines neuen spirituellen Denkens schrieb: „Sollte es nicht auch drüben einen Tod geben, dessen Resultat irdische Geburt wäre? Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn der Mensch stirbt, wird er Geist.“

Ausblicke

Natürlich kann es zur Überwindung des Materialismus kein Zurück zu der instinktiven Spiritualität alter Stammeskulturen geben, welche die abendländische weiße Menschheit bereits seit Jahrtausenden sukzessive hinter sich gelassen hat – auch für die Afrikaner selbst kann es keinen Weg zurück geben. Denn die Entwicklung zur individuellen Freiheit erfordert das Herauslösen aus der Fremdbestimmung durch die Stammes- und Sippengemeinschaften, sowie den Durchgang durch die völlige Reduktion des Bewusstseins auf die sinnliche Welt.

Mit dem so errungenen Ich- und Freiheitsbewusstsein muss aber auf höherer Ebene ein neuer Zugang zu den übersinnlichen Welten und der Sphäre der uns nahe stehenden Verstorbenen gesucht werden, wenn die Entwicklung nicht weiter blind in Chaos und Zerstörung abgleiten soll.

Rudolf Steiner, der einen dem modernen Bewusstsein angepassten Erkenntnisweg in die höheren Welten geltend macht, wies in einem Vortrag auf eine vorbildliche Tat Platos hin, die wieder aufgegriffen werden müsse. Plato hat ja Wesentliches, das er philosophisch darstellen wollte, in Form von Gesprächen des – da schon gestorbenen – Sokrates mit seinen Schülern entwickelt. Nun war Plato, wie er im „Phädon“ selbst andeutet, noch ein Eingeweihter der griechischen Mysterien, in denen die Verbindung mit den Verstorbenen gepflegt wurde. Daher sagt Rudolf Steiner: „Plato knüpft an den toten Sokrates an in seinen Schriften. Das ist nicht nur eine belletristische Einkleidung, sondern das ist mehr. Das ist … die Fortsetzung, der Nachklang dessen, was in den Mysterien gelebt hat, wo die Mysterienschüler hingeführt wurden zum Verkehr mit den Verstorbenen, die von der geistigen Welt weiterregieren die äußere sinnliche Welt.“

Plato entwickelte also nach Auffassung Rudolf Steiners die Dialoge des Sokrates mit dessen Schülern aus dem unmittelbaren übersinnlichen Kontakt mit dem verstorbenen Sokrates selbst. Diese Idee, sich aus der Verbindung mit verehrten Verstorbenen inspirieren und befruchten zu lassen, müsse wieder aufgegriffen werden.

Malidoma Somé schrieb, dass für die Dagara „die engste Beziehung zwischen Gedanke und Wirklichkeit besteht.“ Das ist so. Wir denken subjektiv den Gedanken, sein Inhalt aber hat eine objektive Beziehung zu dem Gegenstand, den er gedanklich repräsentiert. Wenn wir an einen mit uns verbundenen Verstorbenen denken, ihn uns vorstellen, wird dieser Gedanke von ihm wahrgenommen und empfunden, vor allem wenn er mit warmem, hingebungsvollem Gefühl durchdrungen ist. Und wenn wir in dieser Weise Fragen an ihn richten, können wir nach einer gewissen Zeit in unserem Gedankenleben Antworten von ihm empfangen. Rudolf Steiner weist darauf hin, dass diese Antworten besonders morgens kurz nach dem Aufwachen erlebt werden können. Wir müssen nur lernen, innerhalb unserer Gedanken diejenigen, die von uns selbst gedacht sind, von denen zu unterscheiden, die von dem Verstorbenen stammen, die uns sozusagen gekommen sind. Das bedarf natürlich einer längeren Übung und inneren Aufmerksamkeitsschulung.

Auch der Schweizer Dichter Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898) war ganz von der Notwendigkeit eines Verkehrs mit den Verstorbenen durchdrungen. In einem Gedicht lässt er die Toten die Lebenden daran erinnern, dass sie vielfach das ernten, was von ihnen, den Toten, zeit ihres irdischen Lebens gesät worden ist. Nach ihrem Tode bleiben sie aber Teil der Menschheit und nehmen weiter mit tiefstem Interesse Anteil an den menschlichen Zielen. Doch sie haben sich in der nachtodlichen geistigen Welt zu höheren Gesichtspunkten durchgerungen und gültige geistige Gesetze erkannt, von denen das irdische Leben bestimmt wird. Von dieser Perspektive aus können sie mit helfendem Rat dienen, wenn die Lebenden in der richtigen Weise die Verbindung zu ihnen suchen.

Chor der Toten

Wir Toten, wir Toten sind größere Heere
Als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere!
Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten,
Ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten,
Und was wir vollendet und was wir begonnen,
Das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen,
Und all unser Lieben und Hassen und Hadern,
Das klopft noch dort oben in sterblichen Adern,
Und was wir an gültigen Sätzen gefunden,
Dran bleibt aller irdische Wandel gebunden,
Und unsere Töne, Gebilde, Gedichte
Erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte,
Wir suchen noch immer die menschlichen Ziele –
Drum ehret und opfert! Denn unser sind viele!

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Für nachdenkliche Erkenntnissucher zur Ergänzung:

Der Bericht des George Ritchie von der Rückseite des Lebens

Zuerst erschienen auf FASSADENKRATZER

Herbert Ludwig ist Buchautor und Betreiber des Blogs Fassadenkratzer.wordpress.com. Er veröffentlicht dort in möglichst regelmäßiger Folge von ca. 10 – 14 Tagen Aufsätze von sich oder Geistesverwandten zu Themen des Zeitgeschehens, in denen versucht wird, exemplarisch nach der tiefer liegenden Wahrheit zu suchen.

 

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.