Warten auf die Evakuierung auf dem Airport in Kabul, 18. August 2021.Foto: -/AFP via Getty Images

Fatale Diplomatie und Geopolitik: Der Westen hat sich in die eigene Tasche gelogen

Von 22. August 2021 Aktualisiert: 23. August 2021 7:58
Das Schreckensszenarium für den Westen ist eine Allianz der Chinesen und Russen mit einem anti-westlichen Orient, zu dem auch die immer stärker werdende Regionalmacht Iran hinzustößt. Die NATO hat eine seiner schwersten historischen Niederlagen kassiert, erklärt der Osteuropaexperte Alexander Rahr.

Die USA, die NATO, die EU und der Westen – sie sind in Afghanistan kläglich gescheitert. Der Rückzug vom Hindukusch und das entstandene Desaster sind mit der schmachvollen Niederlage der USA in Vietnam vor einem halben Jahrhundert vergleichbar. Während Europa mit den direkten Folgen des verunglückten Afghanistan-Militäreinsatzes noch lange Zeit leben und jetzt nicht nur eine neue Flüchtlingswelle, sondern eine erhöhte Terrorgefahr befürchten muss, hat sich die Führungsmacht USA hinter den großen Teich zurückgezogen.

Der westliche Rückzug aus Afghanistan verdeutlicht ein weiteres Mal, dass die unipolare westliche Ordnung, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 30 Jahren entstanden war, zu Ende geht. Die multipolare Weltordnung ist Realität. Das vom Westen hinterlassene Vakuum im Mittleren Osten wird sehr schnell von China, Russland und den wiederkehrenden islamistischen Kräften gefüllt sein.

Die USA haben ihre strategische Wahl getroffen, den europäischen Verbündeten bleibt nichts anderes übrig als Washington weiter zu folgen. Amerika konzentriert sich künftig auf die Eindämmung Chinas und Russlands – die beiden Hauptrivalen im Kampf um die Erhaltung der pro-westlichen Weltordnung. Die Gefahr des Islamismus, das Entstehen eines neuen „Islamischen Staates“ im Mittleren Osten – schätzen die USA als zweitrangig ein.

Das Schreckensszenarium für den Westen ist eine Allianz der Chinesen und Russen mit einem anti-westlichen Orient, zu dem auch die immer stärker werdende Regionalmacht Iran hinzustößt. Die NATO hat eine seiner schwersten historischen Niederlagen kassiert. Künftige Gestaltungsmacht in Afghanistan wird die Schanghai Organisation für Zusammenarbeit (SCO) sein, in der Russland dominiert und die Agenda bestimmt und zu deren Mitglieder die Staaten Zentralasiens, China Indien, Pakistan und als Beobachter der Iran und die Türkei gehören.

Im Prinzip repräsentieren diese Länder das neue Eurasien, das der Westen stets ignoriert hat. Die SCO kann sich auf den militärischen Arm der Eurasischen Union – die Organisation des Vertrages für kollektive Sicherheit (CSTO), in der China kein Mitglied ist – stützen, die heute der wichtigste Schutzschild für die Staaten Zentralasiens vor der islamistischen Gefahr darstellt.

Die Katastrophe kann vermieden werden, wenn der Westen, nachdem er seine Wunden geleckt hat, sich wieder dem realen strategischen geopolitischen Denken zuwendet. Momentan scheint das Afghanistan-Debakel eher die europäische Innenpolitik zu beeinträchtigen: die Angst vor der Wiederholung der Migrationskrise von 2015 ist in den Gesichtern der Politiker, vor allem der deutschen, nicht zu verkennen.

Folgerichtiger wäre eine konstruktive Krisenprävention für den Mittleren Osten. Die Sicherheitslage ist prekär. Afghanistan ist nicht der einzige Staat in der Region, der in einem failed state oder einem neuen Kalifat enden könnte. Auch Syrien, Libyen, Jemen und der Irak bewegen sich in diese Richtung. Der Westen hat durch die Unterstützung der arabischen Revolutionen zur Destabilisierung der arabischen Welt beigetragen, nun muss er akzeptieren, dass seine allein auf liberale Werte orientierte Diplomatie fatal war. Der Westen hat sich in die eigene Tasche gelogen, indem er glaubte, die gesamte Welt mit seiner „besseren Moral“ stets beglücken zu können.

NATO und EU werden an einer Sicherheitskooperation mit der SCO und CSTO jetzt nicht mehr vorbeikommen. Allein auf eine Stärkung der EU-Zentralasien-Strategie zu setzen, funktioniert nicht mehr. EU und NATO brauchen einen neuen Ansatz der geopolitischen Zusammenarbeit mit allen konstruktiv denkenden Regionalmächten um den Brandherd Afghanistan herum, allen voran natürlich Russland und die Staaten Zentralasiens. Ansonsten wird das geflügelte Wort vom Hirntod der NATO weiter die Runde machen. Mit China und Iran wird die Kooperation unvorstellbar sein. Es geht um die Bekämpfung eines gemeinsamen Feindes: des auferstandenen Islamismus. Allein auf Pakistan als kommende Ordnungsmacht in Afghanistan zu setzen, wie es die Amerikaner und führende EU-Politiker fordern, hieße, den Bock zum Gärtner zu machen.

Bundeskanzlerin Merkel fährt Ende dieser Woche nach Moskau. Statt im Ukraine-Konflikt und damit im Ost-West-Konflikt zu verharren, sollte sie sich dem neuen Nord-Süd-Konflikt zuwenden. Wenn sie das nicht versteht, wird ihr Nachfolger im Kanzleramt die Sachlage neu überdenken müssen.

Wenn die Westen sich ganz aus der Zentralasien zurückziehen, ist China in wenigen Jahren in Mittelen Osten die neue Supermacht.

Zum Autor: Prof. Alexander Rahr gilt als einer der erfahrensten Osteuropa-Historiker, er ist Politologe und Publizist. Er ist Senior Fellow des WeltTrends-Instituts für Internationale Politik in Potsdam und Projektleiter beim Deutsch-Russischen Forum.  

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion