Die Maßnahmen wegen COVID-19 bringen auch die Schweinehaltung durcheinander.Foto: iStock

Hilferuf an die Politik: Wachsender Schweinestau droht in Tierschutzkatastrophe zu enden

Von 23. Oktober 2020 Aktualisiert: 23. Oktober 2020 19:49
Die Schweinehalter haben ein Problem: Viele deutsche Schlachthöfe mussten ihre Schlacht- und Zerlegekapazitäten schon vor Wochen reduzieren. Seither stauen sich die Schweine in den Ställen.

Aufgrund der Corona-Ausbrüche in einigen Schlachthöfen wurden die Schlachtungen zwischenzeitlich unterbunden oder reduziert. Weil die Tierhalter ihre Schweine nicht vermarkten können, stauen sich die Schweine seit Wochen in den Ställen. Das verursacht Zusatzkosten und massive Einkommenseinbußen bei den Landwirten. Wird der Schweinestau nicht zeitnah abgebaut, dann drohen sogar Notschlachtungen.

Zum Verständnis – Produktionszyklus Schweinehaltung

In der Schweinehaltung gibt es die Produktionsschritte Zucht, Ferkelerzeugung und Mast. Weil die Anforderungen in den einzelnen Bereichen hoch sind und von den Tierhaltern spezielle Kenntnisse erfordern, konzentrieren sich die meisten schweinehaltenden Betriebe in Deutschland auf ein oder zwei Produktionsschritte.

Mindestens zweimal im Jahr werden die Zuchtsauen im sogenannten Deckzentrum künstlich besamt. Für die Besamung sowie maximal vier Wochen danach werden die Sauen in sogenannten Kastenständen gehalten (Abb. A). Anschließend leben die Zuchtsauen in Gruppen (Abb. D). Der Bundesrat hat kürzlich beschlossen, dass die Sauen künftig bereits nach dem Absetzen in der Gruppe gehalten werden müssen.

Insgesamt dauert die Trächtigkeit etwa 115 Tage. Eine Woche vor dem Geburtstermin (Abferkeltermin) wird die Sau in die sogenannte Abferkelbucht gebracht (Abb. B), wo sie ihre Ferkel drei bis vier Wochen säugt. Danach kehrt sie zurück ins Deckzentrum. Der sogenannte Ferkelschutzkorb verhindert, dass die Muttersau ihre Ferkel versehentlich erdrückt. Künftig ist dies nur noch maximal fünf Tage um den Geburtszeitraum erlaubt.

Die Ferkel wiederum wachsen in Gruppen im sogenannten Flatdeck (Abb. C) heran. Ab der 12. Lebenswoche kommen sie dann in den Maststall, wo sie meist in Gruppen von 12 bis 45 Tieren in abgeteilten Buchten (Abb. D) gehalten werden. Nach etwa sechs Monaten haben die Mastschweine ca. 120 kg Lebendgewicht erreicht und sind schlachtreif.

Schweinestau

Wegen Corona-Ausbrüchen mussten viele deutsche Schlachthöfe ihre Schlacht- und Zerlegekapazitäten schon vor Wochen reduzieren. Erschwerend kommen die jüngsten Corona-Infektionen in zwei Großschlachthöfen in Niedersachsen hinzu.

Zusätzlich sorgt das Werkvertrag-Verbot ab 1. Januar 2021 bereits jetzt für einen Arbeitskräftemangel in den Schlachthöfen. Für Sonderschichten am Wochenende fehlt das Personal. Laut einer aktuellen Kalkulation stehen in Deutschland derzeit etwa 400.000 schlachtreife Schweine in der Warteschlange, was einer halben Wochenschlachtung in Deutschland entspricht.

Jede Woche kommen 70.000 bis 90.000 Schweine dazu. Wenn das so weitergeht, dann könnte sich bis Weihnachten ein Überhang von einer Millionen Schweine ergeben.

Tierhalter Norbert Hüsing (Emsland), hat sich beim Landkreis selbst angezeigt und sagt:

Es ist ein tierschutzrechtliches Problem. Und das ist auch mental für mich nicht mehr in Ordnung.“

Dieser Schweinestau ist für die betroffenen Schweinemäster und Ferkelerzeuger katastrophal. Sie wissen nicht, wohin mit den Tieren.

Die Mäster bekommen ihre Ställe nicht frei, weil sie ihre Schlachtschweine nicht wie geplant verkaufen können. Die Plätze werden aber für die 12 Wochen alten Ferkel benötigt, damit die Aufzuchtplätze für die Ferkel aus den Abferkelabteilen frei werden.

Doch die tragenden Sauen stehen weiter zur Abferkelung an. Gegenmaßnahmen, wie beispielsweise weniger Besamungen, würden dieses Platzproblem bis zum Jahresende nicht bremsen. Kann der Schweinestau nicht schnell abgebaut werden, dann drohen Notschlachtungen. Eine enorme Tierschutzkatastrophe bahnt sich an.

Existenzängste

Bleiben die Tiere länger als geplant im Stall, dann muss der Mäster sie weiter füttern. Ein Schwein nimmt etwa 800 bis 1000 Gramm pro Tag zu. Umso mehr die Mastschweine zunehmen und sich vom optimalen Gewicht („Maske“) entfernen, desto höher sind die Preisabschläge. Die Tierhalter sind also doppelt gestraft: Ihnen entstehen einerseits zusätzliche Futterkosten und andererseits entgehen ihnen die Einnahmen.

Bereits im Juli hatte das übergroße Angebot durch den Rückstau die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) dazu veranlasst, ihre Leitnotierung für Schlachtschweine zu senken. Die Lage ist nach wie vor angespannt, weil sich für die verfügbaren schlachtreifen Schweine mit weiter zunehmenden Schlachtgewichten zeitnah nicht genügend Abnehmer finden.

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Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest verschärft die Situation, weil die Exporte in Drittländer vollständig weggebrochen sind. Der Schweinepreis (Preis pro kg Schlachtgewicht) ist von knapp zwei Euro Anfang des Jahres auf 1,27 Euro gesunken (Stand: 14.10.2020). Die Gewinnschwelle liegt bei 1,60 Euro. Die Halter machen derzeit mit jedem Schwein 20 Euro Verlust. Der schlechte Preis wird an die Ferkelerzeuger weitergegeben. Die Ferkelpreise sind auf 27 Euro eingebrochen (Stand: 9.10.2020). Vor Corona waren die Preise fast dreimal so hoch.

Die massiven Einnahmeausfälle kommen zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Das vom Bundesrat verabschiedete oben erwähnte Kastenstandverbot verlangt kostenintensive Stallumbauten von den Sauhaltern. Fraglich, wer ich das noch leisten können wird. Dazu kommen das Kastrationsverbot ab 1. Januar 2021 und das drohende Kupierverbot.

Was macht die Politik

Schnelle Hilfen, um den Schweinestau abzubauen, wird es durch die Politik nicht geben. Immerhin haben die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner sowie die Landesministerinnen Ursula Heiner-Esser (NRW) und Barbara Otte-Kinast (NDS) auf dem Krisengespräch am 9. Oktober entschieden, dass die Wochenendarbeit in der Fleischindustrie erleichtert wird, wenn es nachweislich Überhänge in den Ställen gibt.

Nicht hilfreich ist Klöckners Vorwurf, dass die Schweinehalter mitschuldig an der jetzigen Situation seien. Sie betonte, dass es angesichts der Corona-Pandemie falsch gewesen sei, nicht vorausschauend zu wirtschaften und die Schweineställe bis auf den letzten Platz zu belegen.

Dem kann entgegengehalten werden, dass die jetzt schlachtreifen Schweine im März geboren und im vergangenen November gezeugt wurden. Im März betonte die Ministein noch, dass die deutsche Landwirtschaft systemrelevant ist.

Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner erklärte am 23. März 2020:

In der jetzigen Lage hat die Aufrechterhaltung der Lebensmittelversorgung höchste Priorität. Den Betrieben, die das gewährleisten, greifen wir mit den heutigen Beschlüssen unter die Arme. Dafür habe ich mich in den Verhandlungen massiv eingesetzt. Ihr Funktionieren ist entscheidend für uns alle – mit den durchgesetzten Maßnahmen wollen wir ihre Arbeit erleichtern. Und geht es um die Sicherung der aktuellen Versorgung der Bevölkerung. Und darum, die anstehende Ernte 2020 zu gewährleisten. Die Lebensmittelversorgungskette ist systemrelevant!“

Erstes „Branchengespräch Fleisch“ Ende Juni

Bereits Ende Juni hatten die drei CDU-Ministerinnen die Kapazitätsengpässe in den Schlachthöfen auf dem ersten „Branchengespräch Fleisch“ diskutiert. Das Ergebnis war, dass die Landwirte ihre Tierbestände zeitlich befristet reduzieren sollten, um dadurch den Druck zu verringern.

Der Berufsstand sei gefordert, freie Stallkapazitäten zu identifizieren und zu nutzen. Gleichzeitig sollten Berufsstand und Schlachtwirtschaft freie Kapazitäten von Schlachtstätten im In- und Ausland nutzen.

Mittlerweile dürfen die geschlossenen Schlachthöfe mit eingeschränkter Kapazität weiterarbeiten. Aus Sicht der Branche reicht das aber nicht aus. Sie fordern, dass die Schlachtkapazitäten unter Einhaltung des Gesundheitsschutzes wieder voll ausgelastet werden, um den Schweinestau abzubauen.

Die Wochenendarbeitserlaubnis wird dagegen eher kritisch gesehen, weil wegen des anstehenden Verbots der Werkarbeit einerseits nicht genügend Personal zur Verfügung stehe und die Sondergenehmigungen für Wochenenden oder Feiertage andererseits lediglich eine aufschiebende Wirkung habe, da sich der Freizeitausgleich in die kommende Woche verlagere.

Die zuständigen Ministerinnen haben angekündigt, sich spätestens in eineinhalb Monaten wiederzutreffen, und bis dahin von den landwirtschaftlichen Verbänden hören wollen, welchen Beitrag die Landwirtschaft zum Management der Corona-Situation leisten wird. Voraussichtlich werde die Corona-Lage in der Fleischindustrie noch neun bis zwölf Monate andauern.

Mein persönliches Fazit

Wir steuern auf eine gigantische Tierschutzkatastrophe zu, wenn die Politik nicht zeitnah handelt und die Schlachtkapazitäten wieder erhöht. Ein Abbau des Schweinestaus ist unbedingt notwendig – bevor es zu spät ist und die Tiere notgeschlachtet werden müssen.

Sehr viele Schweinehalter stehen vor dem wirtschaftlichen Aus. Der ganzen Branche droht ein radikaler Strukturbruch.

Wenn das passiert, werden wir künftig den Großteil unseres Schweinefleischs aus dem Ausland importieren müssen, wo wir keinerlei Einfluss auf die dortigen Haltungsbedingungen haben. Wer will das?

Deshalb benötigen die betroffenen Betriebe angesichts der massiven Einkommenseinbußen durch Schweinestau und Afrikanische Schweinepest dringend finanzielle Unterstützung vom Staat. Die Bundesregierung hat jetzt die Gelegenheit zu zeigen, was ihr die „Systemrelevanz“ der heimischen Landwirtschaft wert ist.

Zum Autor: Niklas Frohn studierte Agrarwissenschaften, Agrarökonomie und Agribusiness in Wien und an der TU München. Er betreibt die Webseite Agropolit-x, wo dieser Artikel zuerst erschien. Seine Familie musste ihren Winzerbetrieb aus wirtschaftlichen Gründen aufgeben.

 

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.