Spazieren und Demonstrieren: Von den Anfängen des 1. Mai

Von 1. Mai 2019 Aktualisiert: 1. Mai 2019 14:50
1890 feierte man zum ersten Mal den "1. Mai". Dieser von den Sozialisten ausgerufenen Kampf- und Feiertag wurde anfangs von Angst und Befürchtungen begleitet. Nicht ohne Grund. In den europäischen Großstädten kam es immer wieder zu Todesopfern.

„Die Polizei der ganzen Stadt und Umgebung wurde in der Praterstraße postiert, das Militär schussbereit in Reserve gehalten. Kaufleute ließen die eisernen Rollläden vor den Geschäften herunter, und ich erinnere mich, dass die Eltern uns Kindern streng verboten, an diesem Schreckenstag, der Wien in Flammen sehen konnte, die Straße zu betreten . . . Nichts geschah! Die Arbeiter marschierten mit ihren Frauen und Kindern in geschlossenen Viererreihen und mit vorbildlicher Disziplin in den Prater, jeder die rote Nelke, das Parteiabzeichen, im Knopfloch. Sie sangen im Marschieren die Internationale, aber die Kinder fielen dann im schönen Grün der zum ersten Male betretenen Nobelallee in ihre sorglosen Schullieder. Es wurde niemand beschimpft, niemand geschlagen, keine Fäuste geballt ….“

Dies schreibt Stefan Zweig in seinen Memoiren über den 1 . Mai 1890 in Wien. Alles verlief damals in Ruhe, fast so, als wäre es ein fröhlicher, unbeschwerter Frühlingsspaziergang gewesen. Doch zunächst sah es anders aus, nicht nur in Wien, sondern in allen europäischen Großstädten. Zu viel Angst, zu viele Befürchtungen prägten den ersten von den Sozialisten ausgerufenen Kampf- und Feiertag.

Mit Spannung fieberte damals Europa, das am Beginn der imperialistischen Eroberung Afrikas stand, dessen Wirtschaft in voller Blüte war, diesem Datum entgegen: Auf der einen Seite Kampfesmut, Enthusiasmus und der Versuch der internationalen Solidarität, diesen Maifeiertag an den Beginn einer neuen Zeit zu setzen; auf der anderen Seite Angst vor der sozialistischen Gewalt, vor revolutionären Umtrieben.

Eine der führenden Zeitungen Österreichs, die „Neue Freie Presse“, schrieb in ihrem Leitartikel zu diesem neuen Feiertag: „Der 1. Mai hat in einzelnen Kreisen der bedürftigen Bevölkerung fast eine mystische Bedeutung gewonnen: auf der Straße, im Wagen der Pferdebahn, in den Schenken werden die seltsamsten Äußerungen vernommen. Viele Leute glauben, der 1. Mai bringe den Moment, welcher sie von allen Leiden rettet, alle Verheißungen erfüllt, die kühnsten Hoffnungen in Wirklichkeit verwandelt, aber auch die Zügellosigkeit entfesselt.“

Es sollte ein Zeichen der internationalen Solidarität gesetzt werden

Dieser Artikel drückte die Stimmung vieler in Europa aus, die sich von dem Beschluss der im Juli 1889 gegründeten zweiten Internationale der Sozialistischen Parteien eine entscheidende politische Veränderung in Kontinentaleuropa erhofften. Dieser Kongress, der zur Erinnerung an den Ausbruch der Französischen Revolution 1789 in Paris tagte, beschloss, dass künftig der 1. Mai eines jeden Jahres in „allen Ländern und in allen Staaten“ ein Tag großer Kundgebungen sein soll, um die Wünsche und Forderungen der Arbeiterschaft deutlich zum Ausdruck zu bringen.

Es sollte ein Zeichen der internationalen Solidarität gesetzt werden. Inzwischen ist in den meisten Staaten der Welt, mit Ausnahme von Großbritannien und Irland, der 1. Mai gesetzlicher Feiertag. In Reaktion auf die  sozialistisch geprägte Arbeiterbewegung wurde der 1. Mai von Papst Pius XII. im Jahr 1955 zum Gedenktag an Josef des Arbeiters erklärt.

Doch wie so oft bei künstlich-verordneten Feiertagen, die nicht im Bewusstsein der gesamten Bevölkerung verankert sind, war der 1. Mai an vielen Orten ein Feiertag nicht zum Demonstrieren, sondern zum Spazieren und blieb dies bis heute!

Der  Arbeiterfeiertag zeigte oft herrlichen Sonnenschein, erblühte Bäume, Arbeiter im Sonntagsanzug mit Frau, Kind und Kinderwagen zogen friedlich ins Grüne. Dies war aber nicht ungewöhnlich. Knüpfte doch der 1. Mai an alte Frühlingsbräuche an, die ohnehin den Beginn des Wonnemonats Mai in festlichem Gewand sahen.

Ein doppeltes Gesicht

Dieser Tag hatte deshalb schon von Anfang an ein doppeltes Gesicht: Fest des Frühlings, Freude über die sprießende Natur und Kampftag für politische und soziale Forderungen. Diese sind es nun, die den neuen Feiertag in Konflikt, bewusst in Gegensatz mit der bestehenden politischen Ordnung bringen wollten: von den weißgekleideten sozialdemokratischen Mädchen mit Blütenkranz im Haar, die Plakate „Nieder mit der Reaktion“ in der Prozession mittragen, bis zum bewaffneten Krawall und Barrikadenbau erstreckt sich seine Geschichte. 

Schwere Zusammenstöße zeigt der 1. Mai 1891 in der französischen Industriestadt Fourmies. 70 Personen wurden bei Zusammenstößen mit der Polizei getötet oder verwundet. In Belgien und in ltalien sind ebenfalls bei den ersten  Maidemonstrationen Todesopfer zu vermelden. Für die Radikalen unter den Sozialisten wird die Maifeier zum Tummelplatz der Gewalt. Sie sollte für die zu bekämpfende Bourgeoisie zu einem „ungemütlichen Tag“ werden.

Der internationale Sozialistenkongress 1893 in Zürich machte die Gegensätze offenkundig. Die Radikalen beschimpften die Sozialdemokraten, sie wollten die Maifeier zu einem „Sechs-Uhr-Läuten verwandeln“, während doch an diesem Tag der Proletarier „bleich und zerlumpt, so wie er eben lebe, rebellierend demonstrieren müsse“. Die Geschichte zeigt, dass der 1. Mai nicht zum Instrument einer direkten Aktion wurde, nicht zur Revolution taugte, selbst 1929, am Ende der Weimarer Republik nicht, als die Kommunisten in Berlin versuchten, an diesem Tag eine Art Aufstand gegen die Stadtverwaltung zu inszenieren. In dieser Tradition steht Berlin seit Jahren. Es ist die Stadt schwerer Zusammenstöße mit der Obrigkeit, nun aber nicht der Arbeiter, sondern von Krawallmacher, Intellektuellen und Systemveränderern.

Wie Feiertage im Sinne des „Zeitgeistes“ verändert werden

Reichskanzler Adolf Hitler, Führer der Partei des Nationalen Sozialismus proklamierte den 1. Mai 1933 zum „Tag der nationalen Arbeit und Fest der Volksgemeinschaft“. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie Feiertage im Sinne des „Zeitgeistes“ verändert werden können – unter Beifall gerade derer, die nach dem Jubel zu leiden haben. Damals rief der sozialistischen Propagandaminister Goebbels dazu auf: „Ehret die Arbeit und achtet den Arbeiter. Bekränzt Eure Häuser und die Straßen der Städte und Dörfer mit frischem Grün und mit den Farben des Reiches. Deutsche aller Stände, Stämme und Berufe, reicht Euch die Hände. Geschlossen marschieren wir in die neue Zeit hinein.“

Der zu dieser Zeit noch nicht von den Nationalsozialisten übernommene Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB), eine der Hauptstützen der Sozialdemokratie am Ende der Weimarer Republik, sagte sich nun aufgrund des Bekenntnisses von Goebbels von der SPD los, um „der Zeit Rechnung zu tragen“, wie der Vorsitzende des ADGB, Leipart, an Hitler schrieb.

Vergessen waren alle demokratischen und freiheitlichen Glaubensbekenntnisse, es ging nur noch  um die Erfüllung der sozialen Aufgaben der Gewerkschaften, „gleichviel, welcher Art des Staatsregime ist“, wie Leipart Hitler mitteilte.

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Am 1. Mai 1933 marschierte der deutsche Arbeiter in einer Reihe mit den nationalen Sozialisten, die ihm zuvor feindlich gegenübergestanden hatten – so Hans Ulrich Thamer in seinem Buch über das Dritte Reich „Verführung und Gewalt“.

Reichskanzler Adolf Hitler sprach am 1. Mai 1933 auf der großen Kundgebung vor einer halben Million Menschen auf dem Tempelhofer Feld: „Es ist eine politische Not. Das deutsche Volk ist in sich zerfallen, seine ganze Lebenskraft wird für den inneren Kampf verbraucht. Die Millionen Menschen, die in Berufe aufgeteilt, in künstlichen Klassen auseinandergehalten worden sind, die, vom Standesdünkel und Klassenwahnsinn befallen, einander nicht mehr verstehen können, sie müssen wieder den Weg zueinander finden.“

Damit hatte Hitler ausgesprochen, was viele damals fühlten und erwarteten. Am nächsten Tag wurden die Gewerkschaftsbüros besetzt, das Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt und führende Gewerkschaftler verhaftet, darunter auch der Vorsitzende Leipart, der seine Organisation Hitler zugeführt hatte.

Nach dem Ende der Diktatur des Nationalen Sozialismus wurde dieser Feiertag vom Alliierten Kontrollrat als Feiertag in den vier Besatzungszonen bestimmt. Wie in den meisten osteuropäischen, kommunistischen Ländern, wurde  in der D“D“R die zentrale Maifeier in Ostberlin bis 1977 mit einer militärischen Parade eingeleitet.

Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland ist dieser Tag ein Datum, das der Verkündung arbeitspolitischer Forderungen an die Bundesregierung diente: kürzere Arbeitszeit, Mitbestimmung, Humanität des Arbeitsplatzes, Gleichberechtigung der Frau usw.

Da heute inzwischen die meisten Forderungen der Erwerbstätigen erfüllt sind, stellt sich die Frage nach dem Sinn dieses Tages. Auch wenn sich die Gewerkschaften und die linken Parteien darum bemühen, Demonstrationen und Kundgebungen, oft mit sehr spärlichen Teilnehmerzahlen, anzubieten, so ist der 1. Mai nur noch ein Tag der Erinnerung an den Weg der Arbeiterin und des Arbeiters von der Armut im 19. Jahrhundert zum weitverbreiteten Wohlstand in Deutschland und Verkündung von allgemein politischen Forderungen.

Über den Autor: Der 1947 in Bad Dürkheim geborene Hans-Jürgen Wünschel ist seit mehr als 20 Jahren akademischer Direktor des historischen Seminars der Universität Landau. Seit 2002 ist der Historiker außerdem Honorarprofessor der polnischen Universität Tschenstochau.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.