Ein undatiertes Bild von Wladimir Iljitsch Ulianow (1870-1924), besser bekannt als Lenin (L), und Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili (1879-1953), besser bekannt als Joseph Stalin, in Nischni Nowgorod. (R) Porträt des britischen Schauspielers John Gielgud (1904-2000) als „Hamlet“.Foto: -AFP via Getty Images und Hulton Archive/Getty Images

Wie Stalin „Hamlet“ in der Sowjetunion absetzte – und was wir daraus lernen können

Von 17. Mai 2021 Aktualisiert: 17. Mai 2021 14:06
Wenn Angst in einer Gesellschaft um sich greift, wird Selbstzensur zur Normalität – und das ganz ohne gesetzliche Einschränkungen. Dass diese Art von Zensur genauso erdrückend und unterdrückend ist wie staatliche Verbote, zeigt schon die Geschichte.

William Shakespeares Theaterstück „Hamlet“ gilt für einige als die größte Geschichte, die je geschrieben wurde. „Hamlet“ hat alles: Geister, Schwertkämpfe, Selbstmord, Rache, Wollust, Mord, Philosophie, Glaube, Manipulation und ein klimatisches Blutbad, das eines Tarantino-Films würdig ist. Es ist ein Meisterwerk der hohen Kunst und der Sensationslust zugleich – das einzige Stück, das ich mir dreimal live angeschaut habe.

Natürlich mag nicht jeder „Hamlet“. Einer seiner Kritiker war der sowjetische Ministerpräsident Joseph Stalin. Stalins Hass auf das Stück ist fast schon legendär, teils auch, weil es unklar ist, warum genau Stalin das Stück hasste. Ganze wissenschaftliche Abhandlungen sind der Beantwortung dieser Frage gewidmet.

Der berühmte russische Komponist Dmitri Schostakowitsch deutete in seinen Memoiren an, dass Stalin das Stück als zu dunkel und potenziell staatsgefährdend ansah.

„[Stalin] wollte einfach nicht, dass die Menschen Stücke mit Handlungen sehen, die ihm missfielen“, schrieb Schostakowitsch. „Man weiß ja nie, was irgendeinem Verrückten in den Sinn kommen könnte.“

Stalin verbot das Stück jedoch nicht. Er ließ lediglich verlauten, dass er „Hamlet“ während einer Probe im Moskauer Kunsttheater – Stalins Lieblingstheater – missbilligte.

„Warum ist es notwendig, ‚Hamlet‘ im Kunsttheater aufzuführen?“, fragte der sowjetische Führer. Das war alles, was nötig war, so Schostakowitsch. „Jeder wusste von Stalins Frage an das Kunsttheater und niemand wollte es riskieren. Jeder hatte Angst“, bemerkte Schostakowitsch. „Und viele Jahre lang wurde ‚Hamlet‘ nicht auf der sowjetischen Bühne gezeigt.“

Angst und „Cancel Culture“

„Hamlet“ ist heute in den USA glücklicherweise sicher. Doch die momentane „Cancel Culture“ löschte viele Kunstwerke aus: Von den Büchern von Dr. Seuss und „Vom Winde verweht“ bis hin zu Disney-Filmen wie „Peter Pan“ und „Dumbo“.

Diese Kunstwerke werden nicht von staatlichen Zensoren verboten, sondern von Anbietern, Online-Shops und Verlagen zurückgezogen oder eingeschränkt. Die Begründung: Sie seien kulturell oder rassistisch unsensibel.

„Diese Bücher stellen Menschen auf eine Art und Weise dar, die verletzend und falsch ist“, hieß es seitens „Dr. Seuss Enterprises“ gegenüber „The Associated Press“, als das Unternehmen ankündigte, sechs Dr. Seuss-Bücher nicht mehr zu drucken. Dazu gehören „And to Think That I Saw It on Mulberry Street“ und „If I Ran the Zoo“ (beide nicht ins Deutsche übersetzt).

Ob diese Kunstwerke kulturell unsensibel sind, ist eine subjektive Frage, ebenso ob „Hamlet“ ein moralisch staatsgefährdendes Stück ist. Nun gibt es Personen, die bestreiten, dass Dr. Seuss überhaupt ausgelöscht wird.

„Wir können darüber debattieren, ob es richtig war, dies zu tun, aber es ist wichtig, auf einige Punkte hinzuweisen“, schrieb der Filmkritiker Stephen Silver in der Zeitung „Philadelphia Inquirer“. 

„Die Entscheidung wurde von der Firma getroffen, die die Bücher besitzt und kontrolliert, nicht von der Regierung oder einem ‚Mob‘, der sie unter Druck setzte.“

Silver hat recht, wenn er meint, es gebe einen Unterschied zwischen staatlicher Zensur und Selbstzensur. Aber seine Behauptung, die Entscheidung sei ohne Druck gefällt worden, muss sorgfältig geprüft werden. (Mehr dazu weiter unten.)

Es gibt auf jeden Fall Unterschiede zwischen staatlicher Zensur und Selbstzensur, doch sind beide gefährlich, wie George Orwell anmerkte.

„Natürlich ist es nicht erwünscht, dass eine Regierungsbehörde irgendeine Zensurbefugnis hat … doch die größte Gefahr für die Gedanken- und Redefreiheit ist in dem Moment nicht die direkte Einmischung der [Regierung] oder irgendeiner offiziellen Stelle.“ 

„Wenn Verleger und Redakteure sich bemühen, bestimmte Themen nicht zu veröffentlichen, dann nicht, weil sie Angst vor Strafverfolgung, sondern vor der öffentlichen Meinung haben.“ 

„In diesem Land ist intellektuelle Feigheit der schlimmste Feind, dem ein Schriftsteller oder Journalist begegnen kann, und diese Tatsache scheint mir noch nicht die Diskussion erfahren zu haben, die sie verdient.“

Was Orwell damit sagen wollte, ist, dass die Angst vor der öffentlichen Meinung auch zur Zensur führen kann.

Um eins klarzustellen: Wir können nicht mit Sicherheit sagen, warum Verlage sich entscheiden, bestimmte Bücher von Dr. Seuss nicht mehr zu drucken. Genauso wie wir nicht mit Sicherheit wissen können, warum Spotify plötzlich 42 Episoden mit Joe Rogan aus dem Archiv entfernte. 

Doch es ist nicht abwegig zu vermuten, dass der Antrieb hinter der Löschung der heutigen Werke dem nicht unähnlich ist, was „Hamlet“ aus der Sowjetunion vertrieb: Angst.

Angst: Ein effektiverer Zensor als Verbote?

Stalins Absetzung von „Hamlet“ zeigte, dass staatliche Verbote nicht die einzige Möglichkeit sind, freie Meinungsäußerung zu unterdrücken – und auch nicht die effektivste. 

Wie Schostakowitsch bemerkte, war Stalins Fähigkeit, „Hamlet“ mit einem bloßen Wort abzusetzen, eine weit bessere Machtdemonstration als ein offizielles staatliches Verbot. 

Es bedurfte keines Gesetzes oder einer formellen Ankündigung. Alles, was es brauchte, war ein leises Wort und Angst – eine Emotion, mit der die Amerikaner heute vertraut sind.

Eine aktuelle Studie der liberalen Denkfabrik „Cato Institute“ zeigt, dass die Selbstzensur in den USA zunimmt: Zwei Drittel der Amerikaner geben an, dass sie Angst haben, ihre Gedanken in der Öffentlichkeit zu äußern, weil die „Woke“-Bewegung immer mehr das politische Klima dominiert.

Diese Ängste sind nicht unbegründet. Die Beispiele von Amerikanern, die gefeuert, gedemütigt und ruiniert wurden, weil sie auf der falschen Seite der „Woke“-Kultur standen, sind zahllos. 

Das Phänomen war der Grund hinter einem Brief, der im vergangenen Jahr im „Harper’s Magazine“ veröffentlicht und von Dutzenden führender Akademiker unterzeichnet wurde. Darin wurde das intolerante Klima verurteilt.

„Redakteure werden gefeuert, weil sie kontroverse Artikel veröffentlichen; Bücher werden wegen angeblicher Unechtheit aus dem Verkehr gezogen; Journalisten wird verboten, über bestimmte Themen zu schreiben; gegen Professoren wird ermittelt, weil sie im Unterricht literarische Werke zitieren; ein Forscher wird gefeuert, weil er eine von Experten begutachtete akademische Studie verbreitete; und die Leiter von Organisationen werden wegen Sachen entlassen, die einfach nur ungeschickte Fehler sind“, heißt es in dem Brief.

„Wir zahlen bereits den Preis in Form von größerer Risikoscheu unter Schriftstellern, Künstlern und Journalisten, die um ihren Lebensunterhalt fürchten, wenn sie von der allgemeinen Meinung abweichen oder einfach nur nicht mit genügend Eifer zustimmen“, so die Akademiker weiter.

Doch das Klima existiert nicht nur unter Schriftstellern und Akademikern, die Angst haben, bestimmte Meinungen zu vertreten. Sondern es existiert sogar in den Vorstandsetagen von Unternehmen, wobei Einzelpersonen unter Druck gesetzt werden, zu entscheiden, welche Kunst zulässig ist und welche Meinungen auf Plattformen geteilt werden dürfen.

In der Debatte auf der falschen Seite zu stehen, führt zur persönlichen Zerstörung. Es ist schlicht einfacher, damit einverstanden zu sein, „schädliche“ Kunst zu entfernen oder den Mitarbeiter zu feuern, der den Zorn des Twitter-Mobs auf sich gezogen hat.

„Die Menschen haben Angst, sie infrage zu stellen“, sagte Robby Soave vom Magazin „Reason“ in einem Interview mit John Stossel im vergangenen Jahr über „Cancel Culture“.

Wie in Orwells „1984“ muss man in der heutigen Kultur nicht einmal Gedankenverbrechen aussprechen, um verurteilt zu werden.

Dafür muss man nur Dr. Howard Bauchner fragen, der im März als Chefredakteur der prominenten medizinischen Zeitschrift „JAMA“ gefeuert wurde. Bauchners Verbrechen war, dass sein stellvertretender Chefredakteur während eines Podcasts im Monat davor die Existenz von strukturellem Rassismus infrage gestellt hatte.

„Struktureller Rassismus ist ein unglücklicher Begriff“, sagte Dr. Edward H. Livingston, der weiß ist. „Persönlich denke ich, dass es hilfreich ist, Rassismus aus dem Gespräch zu nehmen.“

„Jeder hatte Angst“

Sicher, im heutigen Amerika wird man nicht hingerichtet, wenn man sich dem Druck zur Selbstzensur von Kunstwerken nicht beugt. Das kann man von der Sowjetunion unter Stalin auch nicht sagen.

Dennoch weisen beide Fälle von Zensur eine Gemeinsamkeit auf: Die Angst. „Jeder hatte Angst“, sagte Schostakowitsch. Diese Worte gelten auch für diejenigen, die sich heute „Cancel Culture“ unterwerfen.

Damit will ich nicht beurteilen, ob die Werke von Dr. Seuss kulturell unsensibel sind, oder ob „Hamlet“ schädliche oder staatsgefährdende Themen enthält.

Damit will ich einfach nur sagen, dass Angst der treibende Faktor ist, wenn Kunstwerke verschwinden oder freie Meinung unterdrückt wird. Allein aus diesem Grund sollte man sich diesem Phänomen widersetzen.

Jonathan Miltimore ist der leitende Redakteur von FEE.org. Er schreibt für verschiedene US-amerikanische Publikationen.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf FEE.org veröffentlicht.

Dieser Artikel erschien im Original auf The Epoch Times USA unter dem Titel: How Stalin Canceled ‘Hamlet’ in the Soviet Union—and What It Can Teach Us about Cancel Culture (deutsche Bearbeitung von as)

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


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