Deutschland hat 78 Tage bis zum vollständigen Lockdown einfach verstreichen lassen

Von 18. Mai 2020 Aktualisiert: 21. Mai 2020 15:31
Obwohl auch die deutsche Bundesregierung infolge von Chinas Vertuschung nur begrenzte Informationen bezüglich der Corona-Pandemie zur Verfügung hatte, gab es Momente, in denen andere Entscheidungen einen Lockdown zumindest hätten entschärfen können.

Nach Wochen des Lockdowns im Zeichen der Corona-Krise kehrt in den meisten betroffenen Ländern zunehmend mehr Normalität zurück. Die Behebung des wirtschaftlichen Schadens steht erst am Anfang und es ist auch noch nicht absehbar, welche mentalen Folgewirkungen die Krise im Land und in der Welt insgesamt hinterlassen wird. Deutsche Medien waren sehr beflissen, anderen Regierungen Versagen im Umgang mit der Seuche zu attestieren, der deutschen Bundesregierung und Kanzlerin Angela Merkel hingegen ein erstklassiges Krisenmanagement.

Welche Informationsquellen hatte die Bundesregierung zur Verfügung?

Ein nüchterner Blick erkennt rasch, dass hier vor allem der Wunsch der Vater des Gedankens ist. Um die Qualität eines Krisenmanagements seriös beurteilen zu können, ist es zuallererst erforderlich, den Common Sense zu bemühen. Dieser legt vor allem zwei Grundannahmen nahe: Zum einen, dass es sich um ein „neuartiges“ Coronavirus handelt, das sich von Wuhan aus in die Welt verbreitete. Das bedeutet, man verfügt zwar über einen gewissen Grundstock an Erfahrungen und Grundlagenwissen über Coronaviren als solche – was das konkrete Neue anbelangt, ist man jedoch weitgehend ratlos.

Zum anderen ist es die in einer solchen Situation naheliegende Reaktion, diesem Informationsdefizit proaktiv gegenzusteuern und Risiken zu minimieren. Im Zweifel vorsichtig zu sein, liegt nahe, denn eine zu späte oder zu halbherzige Reaktion kann zu unkalkulierbaren Folgen führen. Wenn die Informationsquellen dann noch dünn gesät sind und deren Verlässlichkeit ungewiss ist, dann kommt der Informationsbeschaffung eine ganz besonders bedeutsame Rolle zu. Und deshalb muss, wer der deutschen Bundesregierung attestiert, eine so herausragende Bilanz im Umgang mit der Seuche aufzuweisen, auch die Frage bejahen können, ob diese im Anfangsstadium der Seuche die notwendigen Schritte veranlasst hat, um früh genug an belastbare Informationen zu gelangen.

Ob dies tatsächlich geschehen ist, daran mehren sich die Zweifel. Selbst die „Welt“ kommt zum Schluss, dass Chancen verpasst wurden. Was nicht zuletzt damit zu tun hatte, dass man sich leichtfertig auf Informationen verließ, die sich als unbrauchbar erwiesen.

78 Tage bis zum Auftritt der Kanzlerin

Deutschland gehörte dabei durchaus zu jenen Ländern, die das Potenzial gehabt hätten, frühzeitig zu reagieren – wie es etwa Taiwan tat, wo man schon im Dezember den nach der SARS-Krise Anfang der 2000er Jahre minutiös ausgearbeiteten Seuchenschutzplan zu aktivieren begann.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) hatte bereits in der zweiten Dezemberhälfte gerüchteweise zur Kenntnis genommen, dass in China Patienten infolge einer neuartigen Viruserkrankung behandelt würden. Am 31. Dezember wurde von einer „mysteriösen Lungenkrankheit“ berichtet, die dort aufgetreten sei. Staatliche Stellen, so hieß es, dementierten jedoch, dass es sich um einen neuen SARS-Ausbruch gehandelt habe. Einen Tag zuvor hatte der Whistleblower Li Wenliang seine Kollegen in Spitälern in Wuhan vor einer raschen Zunahme von Fällen einer mysteriösen Lungenkrankheit gewarnt, die in den Tagen zuvor zu verzeichnen gewesen seien.

Erst 78 Tage später verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Blick auf die Corona-Krise: „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem Zweiten Weltkrieg gab es keine Herausforderung an unser Land mehr, bei der es so sehr auf unser gemeinsames solidarisches Handeln ankommt.“

Corona-Maßnahmen hätten früher begonnen und weniger invasiv ausfallen können

In einer gemeinsamen Recherche sind nun die „Welt am Sonntag“ und der Bayerische Rundfunk der Frage nachgegangen, ob die deutsche Regierung gemessen an den objektiven Möglichkeiten zum jeweiligen Zeitpunkt mit dem verfügbaren Informationsstand up to date war – oder ob man dabei halbherzig und naiv vorging, ohne Not zauderte und Warnungen ignorierte.

Das Fazit: 1. China hat wiederholt getäuscht. 2. Die Neuartigkeit des Virus hatte zwangsläufig eine Eigendynamik bezüglich der Einschätzungen von Wissenschaftlern zur Folge, die entsprechend mehrfach angepasst werden mussten. Klar sei aber auch: „Hätte man die Gefahr früher eindämmen können, wäre das massive Herunterfahren des Landes nicht notwendig gewesen.“

Es ist ex post immer leichter, darüber zu spekulieren, wann der richtige Zeitpunkt gewesen wäre, um welche Maßnahme zu treffen. Andererseits trafen manche Regierungen anderer Länder, die dafür zum Teil sogar heftige Kritik aus Deutschland, aber auch der WHO einstecken mussten, Entscheidungen, die sich wenig später als richtig erwiesen – jedenfalls so weit, dass andere ihrem Beispiel folgten.

An Taiwan kein Beispiel genommen

So hatte Taiwan bereits am 31. Dezember seinen Seuchenschutzplan in Geltung gesetzt. Anlass dafür war ein Beitrag in der Chatgruppe des nationalen Seuchenschutzzentrums CDC, dem ein Bildschirmfoto einer chinesischen Webseite angehängt war. Es handelte sich dabei offenbar um Enthüllungen des später verstorbenen Arztes und Whistleblowers Li Wenliang. Darin war die Rede von einer „neuen, SARS-ähnlichen Erkrankung“ und es lagen Kopien von Laborbefunden und einer Computertomografie-Aufnahme bei. Diese in Verbindung mit dem Begriff SARS ließ die Behörden in Taiwan hellhörig werden und veranlasste sie zum sofortigen Handeln.

Inwieweit der BND, der zu diesem Zeitpunkt bereits andeutungsweise über anormale Erscheinungen im Gesundheitswesen der Provinz Hubei im Bilde war, mit Stellen in Taiwan in Kontakt stand oder auf deren Expertise hätte zurückgreifen können, ist ungewiss. Im Kalten Krieg gab es eine intensive Kooperation zwischen den Militärgeheimdiensten beider Länder. Unabhängig von der Frage, wie die nachrichtendienstlichen Beziehungen zu Taiwan heute aussehen, lässt sich jedoch sagen, dass auch die Bundesrepublik Deutschland zumindest die erforderliche Zeit gehabt hätte, um eine umfassende und engmaschige Handlungsdirektive für den Fall einer drohenden oder zu erwartenden Pandemie nach dem Vorbild der Inselrepublik zu schaffen.

Immerhin staubte seit 2012 eine „Risikoanalyse Pandemie“ in den Regalen vor sich hin, auf die man beizeiten besser ein Blick geworfen hätte – dort wurde nämlich ein Szenario durchgespielt, das frappierende Ähnlichkeiten zur nunmehrigen Corona-Seuche aufwies. Die Modellrechnungen waren dabei sogar noch deutlich beängstigender als das dann im März verbreitete Worst-Case-Szenario mit angeblich drohenden Millionen Toten, das mit dem Segen des Robert Koch-Instituts (RKI) verbreitet wurde – „um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen“.

Blindes Vertrauen in die WHO

Am 8. Januar räumte das Regime in Peking erstmals ein, dass in Wuhan ein neuartiges Coronavirus am Start sei. Dafür, dass es eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt, will man aber keine Erkenntnisse haben. Das RKI nimmt zwar von der Infektion von 44 Menschen in Wuhan und einer dazu am 31. Dezember ergangenen WHO-Nachricht Kenntnis, vorerst bleibt es jedoch bei Reise- und Sicherheitshinweisen des Medizinischen Diensts der Lufthansa sowie – mehrfach ergänzt – des Auswärtigen Amtes. Das Regime in Peking ist jedoch eifriger damit beschäftigt, Ärzte aus Chatgruppen zum Schweigen zu bringen, als sich zur Zusammenarbeit mit ausländischen Partnern durchzuringen – wie den USA und Taiwan, die zu diesem Zeitpunkt schon dringlich um einen Termin vor Ort gebeten hatten.

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Zwar teilten am 9. Januar die Behörden in Peking der WHO die Gensequenz mit – und ließ sich mit Lobhudeleien überhäufen über die vermeintliche Schnelligkeit dieses Aktes. Man ging dennoch nicht von einer leichten Übertragbarkeit aus, wollte keine Modifikationen bei der Planung des chinesischen Neujahresfestes veranlassen und die WHO sah keinen weiteren Handlungsbedarf. Auch das Europäische Zentrum für Seuchenprävention (ECDC) meinte noch am 9. Januar, es gebe nur ein „geringes“ Risiko für Reisende und es sei auch kaum zu erwarten, dass die EU betroffen sein werde. Und die WHO übernahm ohnehin weitgehend ungeprüft die Verlautbarungen des vermeintlich so transparenten Regimes in Peking.

Was haben Merkel und Xi besprochen?

Erst am 20. Januar, nachdem sich die Seuche über Asien ausgebreitet hatte, signalisierte Machthaber Xi Jinping, dass es sich um eine gravierendere Seuche handeln könnte. Was sich damals schon zeigte: Anders als SARS 18 Jahre zuvor trat die Ansteckungsgefahr bereits auf, bevor die Symptome sichtbar wurden.

Deutschlands Bundesgesundheitsminister Jens Spahn verließ sich in dieser Phase vor allem auf die Angaben des RKI, dieses wiederum seinerseits auf die WHO und ECDC. Da diese von einem „milderen Infektionsgeschehen als bei der Grippe“ ausgingen, tat dies auch Spahn.

Über den Inhalt eines Telefongesprächs vom 22. Januar zwischen Kanzlerin Merkel und Machthaber Xi gehen die Darstellungen auseinander. Während das Bundespresseamt das Thema „Corona“ in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnte, schrieben KP-Propagandablätter, Merkel habe China für seine Bemühungen und seine Offenheit und Transparenz im Zusammenhang mit der Krankheit gewürdigt. Das Kanzleramt nahm dazu nicht weiter Stellung. Inoffiziell sei die Rede von Empathiebekundungen, aber nicht mehr. Am 23. wurde die Stadt Wuhan abgeriegelt, am 24. wurde COVID-19 in Frankreich diagnostiziert, drei weitere Tage später in Oberbayern beim in China produzierenden Unternehmen Webasto.

Die US-Regierung unter Präsident Donald Trump, die in deutschen Medien und von deutschen Politikern gerne als Negativbeispiel für den Umgang mit der Pandemie dargestellt wird, verhängte am 31. Januar einen Einreisestopp für Nicht-US-Bürger, die sich in den zwei vorangegangenen Wochen in China aufgehalten hatten. US-Bürger, auf die dies zutraf und die einreisten, mussten in Quarantäne. Im März, als sich die Seuche immer stärker in Europa auszubreiten begann, vollzog Trump diesen von der WHO jeweils scharf kritisierten Schritt auch mit Blick auf EU-Bürger.

Spätes oder problematisches Handeln bei Grenzschließung und Schutzausrüstung

Auch die Lufthansa und British Airways stellten den Flugverkehr nach China ein. Peking wollte Grenzschließungen jedoch verhindern – und konnte sich auf gleichlautende Äußerungen aus der WHO verlassen.

Der Februar erwies sich unterdessen als entscheidender Monat, der die Versäumnisse in Deutschlands und auch Europas Gesundheitsvorsorge offenlegen sollte und wahrscheinlich verhinderte, dass es zu einer frühen konsequenten Seuchenbekämpfung ohne Lockdown kommen konnte.

Obwohl China mit Abstand Weltmarktführer im Bereich der Schutzmaskenherstellung ist und es sich dabei, wie NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann sagte, um einen „Cent-Artikel“ handelte, spendete das Auswärtige Amt sogar im Rahmen gleich zweier Hilfslieferungen Material, das in weiterer Folge in Deutschland knapp wurde. Erst am 4. März erließ der gemeinsame Krisenstab von Bundesinnen- und Bundesgesundheitsministerium unter dem Eindruck der Klagen von Ärzten und Rettungspersonal ein Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung.

Weder Deutschland noch die EU hatten zuvor die Gefahr kommen sehen, dass die Schutzausrüstung in Europa knapp werden könnte. In Italien führte dies dazu, dass unter dem Eindruck einer sich unkontrolliert ausbreitenden Seuche, die zu dramatischen Szenen in Krankenhäusern führte, das Regime in Peking seine Maskendiplomatie betreiben konnte. „Vor Corona gab es nie eine politische Diskussion, solche Lager anzulegen“, erklärte Laumann zur Problematik knapper Schutzausrüstung in Deutschland und Europa – in Italien führte dies zu einer Welle des Unmuts in Richtung Berlin und Brüssel.

Vorerst nur „Aussteigekarten“

Bevor die Winterferien und die Karnevalssaison anbrachen, kamen die bekannten Mediziner Clemens Wendtner und Christian Drosten bei der Untersuchung der Laborwerte des infizierten Webasto-Mitarbeiters zu der Einschätzung, das Virus übertrage sich schnell und sei absolut gefährlich – wie es zuvor auch schon der Hallenser Virologe Alexander Kekulé vermutet hatte. Er hatte frühzeitig Maßnahmen an Flughäfen gefordert und vor „chinesischen Verhältnissen“ gewarnt.

Dass die Winterferien mit Aufenthalten in bekannten Wintersportorten wie Ischgl oder der Karneval mit der „Kappensitzung“ von Gangelt im rheinischen Landkreis Heinsberg schon bald zu entscheidenden Drehscheiben zur Verbreitung der Corona-Seuche über Europa werden würden, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch kaum jemand.

Spahn erachtete die „sehr zurückhaltende“ Weitergabe von Informationen aus China für einen Anlass zum Argwohn. Dennoch wollte auch er noch Mitte Februar – auch um Kompetenzgerangel mit den Ländern zu vermeiden – vorerst lediglich minimalinvasive Maßnahmen wie „Aussteigekarten“ für Reisende aus Risikogebieten in Kraft setzen.

Auch in Abstimmung mit dem RKI hieß es aus dem Ministerium, ein Mundschutz biete „keine hinreichende Evidenz“ bezüglich der Verhinderung einer Ansteckung Gesunder. Händewaschen sei wichtig, Grenzschließungen hingegen kein Thema.

Kekulé hatte Lockdown schon im Februar angeregt

Das Bundesgesundheitsministerium zögerte noch Ende Februar, als es um eine Absage der Internationalen Tourismusmesse ITB in Berlin ging, die Innenminister Horst Seehofer gefordert hatte. Insgeheim wusste man jedoch, dass eine solche Entscheidung – die am Ende vonseiten der Veranstalter selbst erfolgte – eine Kettenreaktion ins Rollen bringen würde, an deren Ende auch Fußballspiele, der Schulunterricht oder Volksfeste ausfallen würden. Kekulé hatte bereits im Februar zu einem zweiwöchigen Lockdown geraten. Ende Februar sprach sich selbst Angela Merkel noch dafür aus, nicht alle Veranstaltungen abzusagen.

Noch wenige Tage vor dem tatsächlichen Lockdown hieß es vonseiten der Bundesregierung, man solle „Fake-News“, in denen von der Einschränkung des öffentlichen Lebens die Rede sei, keinen Glauben schenken. Zeitgleich veranlassten Nachbarländer wie Österreich oder Tschechien weitreichende Maßnahmen. Wenige Tage später war der Lockdown auch in Deutschland da – mit all seinen gravierenden Folgen.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.