„So geht Propaganda – subtil und verführerisch“: Roger Letsch über „Polizeiruf 110“

Von 13. November 2018 Aktualisiert: 13. November 2018 18:16
Roger Letsch kann sich noch sehr genau erinnern, wie Propaganda zu DDR-Zeiten aussah. Viel zu plump, um den gewünschten Erfolg zu erzielen, stellt er fest. Subtil und verführerisch müsse sie seiner Meinung nach sein, um nachhaltig Wirkung zu erzielen, so wie im letzten "Polizeiruf 110".

Die Pionier-Organisation der DDR hatte für ihre blau/rot behalstuchten Knirpse wichtige Ämter zu vergeben, wozu neben dem Gruppenratsvorsitzenden, einer Art Dreikäsehoch-Staatsratsvorsitzenden auch ein Amt für Agitation und Propaganda gehörte: der Wandzeitungsredakteur. Das bedeutete, Kolumnen aus „Junge Welt“ oder „Neues Deutschland“ ausschneiden, schmissige Überschriften dazu basteln…irgendwas mit Kampf, Arbeiterklasse und deren Feinden, den Imperialisten, ging immer. Dazu Nägel, zwischen denen Zwirnsfäden Texte mit Bildern von Lenin, Pieck und Thälmann verbanden und das ganze möglichst flächenfüllend auf dem mit rotem Fahnenstoff bespannten Brett verteilen.

So geht Propaganda… Dachten Sie! So geht Propaganda nämlich nicht, was hingegen so ging, war verordnete politisch überfrachtete Schulpolitik der DDR, der sich die meisten Kinder zwar ergaben, jedoch nur die wenigsten einen inneren Bezug zur allgegenwärtigen, langweiligen Politiksülze hatten. Man nahm das so hin, wie man das Wetter hinnahm, zog die Kapuze über den Kopf und ließ den Regen vorüberziehen.

Das regelmäßige Bestücken der Wandzeitungen anlässlich revolutionärer Jubeltage wie dem 1. Mai oder dem „Tag der NVA“ geriet im Laufe des sich immer schleppender vollziehenden Sieges des Sozialismus ohnehin immer mehr ins Hintertreffen, bis in den Achtziger Jahren diese Bretter, welche die Schüler selbst bestücken UND deren Inhalte sie eifrig glauben sollten, nach und nach abgehängt wurden und verschwanden. Es war unterm Strich wohl doch alles etwas dick aufgetragen und jeder merkte das.

Heute wissen wir, dass Propaganda, wenn sie wirksam sein soll, niemals plump und belehrend, sondern subtil und verführerisch sein muss, sonst stößt sie sauer auf. Die Deutschen, denen in ARD und ZDF in jeder Nachrichtensendung vermittelt wird, wie gut es ihnen doch ginge und wie übel es um sie herum bestellt sei – von der Welt weiter weg, hinter den sieben Trump-Bergen und bei den sieben Salvini-Zwergen ganz zu schweigen – diese Deutschen haben jedoch in letzter Zeit immer öfter das Gefühl, dass in ihrer heilen Welt irgend etwas nicht ganz in Ordnung sein kann. Gerade weil immer wieder betont wird, dem wäre so. Nur die anderen, die würden langsam alle durchdrehen. Gefahr droht der Gegenwart nur, wenn die Gestaltung der Zukunft nicht in bewährten Händen bliebe. Ignorance is bliss!

Anders kann man die Leute nicht erziehen*

Das Leben ist zu kurz, um ihm auch noch Zeit für schlechte Fernsehserien abzuzwacken und aus diesem Grund habe ich in meinem ganzen Leben noch keine Folge „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“ gesehen. Da beide mit den Mitteln staatlich organisierter Zwangsbeglückung finanziert werden, sage ich mir zudem, dass man zwar mein Geld requirieren kann, aber nicht auch noch meine Zeit. Und wenn ich doch mal absichtsvoll ins Programm schaue, dann nicht zum Gucken, sondern zum Beobachten. Für den Polizeiruf „Für Janina” vom 11.11.2018, der im moralischen Rahmen der stattfindenden „Gerechtigkeits-los-wochos“ bei der ARD ausgestrahlt wurde, habe ich dank der ARD-Mediathek eine solche Ausnahme gemacht.

Vergessen wir mal die Handlung, ignorieren wir die Leistung der Schauspieler, die ohne erkennbaren Grund zwischen den Modi „Schlaftablette“ und „Speed“ hin und her springen und wenden uns der Ausstattung des Sets zu. Bei den Requisiten wird üblicherweise nichts dem Zufall überlassen, um den Schauspielern eine glaubwürdige Kulisse zu bieten. Ein Hamlet, der seine Monologe vom Smartphone abliest oder ein Ben Hur mit Armbanduhr kommen sicher nicht authentisch rüber! Was also dachten sich Regie und Set-Design, als die das Büro deutscher Polizisten nur so zupflasterten mit Symbolen einer verfassungsfeindlichen „Organisation“ wie der Antifa, „FCK…“ und„Atomkraft nein danke“-Aufklebern, vermummten Antifanten auf Plakaten und Flatterband der Marke „Atomkraft abschalten“. Antwort des 110-Social-Media-Teams: War schon immer so, gehört alles zur Rolle der Ermittlerin Katrin König, da machst nix dran.

Nun muss man kein Linksextremist oder ein Antifa-Erzengel wie Frau Stokowski sein, um etwas gegen Nazis zu haben. Vorausgesetzt, es handelt sich tatsächlich um solche und nicht einfach um die neudeutsche Sammelbezeichnung nichtlinker Selberdenker, die sich unter anderem in den Geschmacksrichtungen Klimaleugnernazis, Antifeminazis, Dieselnazis, Meinungsnazis und Nazinazis (AfD) und Seehofer wie die Karnickel zu vermehren scheinen und umso zahlreicher werden, je lauter der Kampf gegen sie beschworen wird und je großzügiger das Geld dafür fließt. Man könnte annehmen, es handele sich hier um ein dem Kobra-Effekt ähnliches Paradoxon.

Dass sich Polizeibeamte jedoch in ihren Diensträumen zu grünen Kampfthemen wie Atomkraft äußern, ist zunächst mal sehr unwahrscheinlich. Schließlich ist es angesichts einiger noch laufender AKWs ausgerechnet die Polizei, die die erforderlichen „großen Sicherheitsanfragen“ erstellt, die jeder bestehen muss, um überhaupt Zugang zu sensiblen Bereichen eines solchen Kraftwerks zu erhalten – und das ist auch gut so! Ich kann mit Sicherheit sagen, dass Fesselkunststücke auf den Gleisen bei Gorleben oder „Atomkraft nein danke“ Aufkleber bei der Erlangung einer Sicherheitsfreigabe eher hinderlich sind. Die Polizei verhält sich im echten Leben zum Glück doch noch etwas professioneller, als sich das ein deutscher Drehbuchschreiber ausdenken könnte.

Gute und schlechte Sturmmasken

Völlig befremdlich mutet es hingegen an, wenn eine Ermittlerin ihr Büro geradezu vollpflastert mit Symbolen einer Organisation, die wenig bis nichts übrig hat für Polizisten. Abgesehen natürlich von Steinen, Gehwegplatten, Stahlkugeln, Pfefferspray und Mollis, die von der Antifa bei zahlreichen Demos großzügig als Sachspende an die Beamten verschickt werden.

Man könnte vermuten, dass es eine gewisse Unvereinbarkeit gibt zwischen dem Dienstauftrag der Polizei, das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, und der Bestrebung der Antifa, dieses Gewaltmonopol in Anarchie aufzulösen. Die selbstgewählte Büro-Deko, die man der Figur König hier gönnt, ist also im besten Fall eine ziemlich heftige Inkonsistenz in der Drehbuchreihe. Wenn König etwa in der Serienfolge davor („In Flammen“) Ermittlungen gegen eine vermummte, vorgeblich rechtsextremistische Entführergestalt führt, aber eine vermummte, linksextremistische Antifagestalt auf dem Poster an ihrer Tafel ihr in der nächsten Folge schon wieder ihr Herz wärmt, sollten die Drehbuchschreiber der Profilerin König ernsthaft überlegen, ob sie dieser den richtigen Beruf verpasst haben.

Oder, um es mit den Po-ethischen Worten der feinsahnigen Fischlein zu sagen, deren Fan die Kommissarin laut Drehbuch und Ausstatter auch ist: „Niemand muss Bulle sein!“

Das stimmt zweifellos. Aber bei Krimiserien gibt es andere Maßstäbe an die Konsistenz und Plausibilität von Motiv, Gelegenheit, Physik und psychischer Ausstattung aller handelnden Figuren, als bei „Bugs Bunny“ oder „Prinzessin Lillifee“. Propaganda fällt in einem Krimi sehr viel schneller auf. Die Wahrscheinlichkeit, in einem deutschen Polizeibüro auf ein Plakat der Antifa zu treffen, ist geringer als die, ein signiertes Porträt einer bestrapsten Hillary Clinton in Trumps Büro an der Wand zu finden! Und nein, eine Dartscheibe zählt in beiden Fällen nicht.

Das sollten die Produzenten, Regisseure und Drehbuchautoren bei ARD und ZDF spätestens seit den G20-Riots in Hamburg wissen. Gutes und Schlechtes hatte dieser Polizeiruf zu bieten. Gut ist, dass ich nun weiß, warum ich diesen ideologisch überladenen Käse nicht gucke. Schlecht: ich bezahle immer noch dafür.

* O-Ton aus einem Interview von „Leichte Fahne Litschie-Tee”: „Wir würden kein Festival spielen, wo Frei.Wild spielt oder gespielt hat. Wir spielen auch in keinen Läden, wo Frei.Wild schon gespielt hat. Es ist so marginal, natürlich denkt man sich „Okay, das wäre der perfekte Laden.“ Wir machen uns schon sehr viele Gedanken darüber und es gibt auch fast gar nicht 100% coole Läden. Und da ist es auch toll, dass das Booking bei Audiolith da unsere Wünsche respektiert. Es gibt auch Festivals die uns Buchen wollten, wie Wacken, und da können wir nicht spielen, weil da dann teilweise Bands spielen wo wir sagen „ey nee“. Und ich glaube anders kann man Leute nicht erziehen.“ [Anmerkung: Die Fischlein haben indes kein Problem, ihre Sahne genau wie Frei.Wild auf Amazon gegen kapitalistische Währung zu verkaufen. Erziehung ist wohl doch Glückssache, da geht es Musikern wie Polizeiruf-Ermittlern. Gesinnung hingegen ist von Dauer, die überlebt jede Zahlung und steht den Verantwortlichen wie eine Wandzeitung ins Gesicht geschrieben.]

Zuerst erschienen auf dem Blog von Roger Letsch unbesorgt.de

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Zur Person: Roger Letsch, Baujahr 1967, aufgewachsen in Sachsen-Anhalt, als dieses noch in der DDR lag und nicht so hieß. Lebt in der Nähe von und arbeitet in Hannover als Webdesigner, Fotograf und Texter. Sortiert seine Gedanken in der Öffentlichkeit auf seinem Blog unbesorgt.de.

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