Wie ein Fünfjähriger seinen chinesischen Eltern beibringt, weihnachtlicher zu werden

Von 20. Dezember 2009 Aktualisiert: 20. Dezember 2009 1:20

„Was? Gestern Nacht war Nikolaus?“ Ich blickte auf den Kalender, 7. Dezember, Sonntag. „Ja, der Schuh sollte in der Nacht von Samstag auf Sonntag vor die Tür gestellt und mit Süßigkeiten gefüllt werden“, sagte Sandra weiter, meine deutsche Freundin am anderen Ende des Telefons. Meine Kinder, Siegfried (5) und Victoria (bald 3), spielten in einem anderen Zimmer. Siggi hat an diesem Wochenende schon mehrmals vom Nikolaus geredet und sich etwas von diesem lieben älteren unsichtbaren Mann gewünscht. Was nun? Wenn er nichts bekommt, wird er am Montag mit Sicherheit fragen, warum alle anderen Kinder etwas bekommen haben und nur er nicht, und ob er wohl ein unbraves Kind ist. Brav ist er die meiste Zeit. Also soll er auch etwas bekommen.

Ich blickte auf meinen Mann, der genau so ahnungslos war, wann der Nikolaus kommen sollte. Er sagte schnell entschlossen: „Bring die Kinder zum Mittagschlaf, ich geh was holen. So bekommen sie nach dem Mittagschlaf etwas vom Nikolaus.“ Gesagt, getan. Zum Glück waren wir vormittags wegen des verkaufsoffenen Sonntags viel unterwegs, so dass die beiden Kinder müde waren. Schnell sind sie eingeschlafen, nachdem sie ins Bett gekrochen sind.

Inzwischen hat mein Mann zwei große rote Stoffschuhe und etliche Süßigkeiten gekauft. Nach dem Mittagsschlaf ging es bei uns heiß her. Die Kinder jubelten mit strahlenden Augen als sie die ganzen Süßigkeiten sahen.

Im Nachhinein lernten wir, dass man echte Schuhe dafür benutzen kann, nein es ist besser zu sagen, dass der Nikolaus gerne ein Paar sauber geputzte Schuhe mit Süßigkeiten füllen würde. Das werden wir im nächsten Jahr als Anlass benutzen, die Kinder zum Schuhputzen zu bewegen, so wie es in vielen deutschen Familien der Fall ist.

Noch vor drei Jahren haben wir Weihnachten so gut wie nie gefeiert. Die Festtage haben wir lediglich benutzt, um uns mit Freunden zu treffen oder eine Reise zu machen. Bei unseren deutschen Freunden haben wir auch ab und zu die vorweihnachtliche Atmosphäre genießen können, aber eben nur als Außenstehende.

Als Siegfried drei Jahre alt wurde, also vor zwei Jahren, durften wir nicht mehr Außenstehende bleiben. Denn im Kindergarten hat er angefangen, einiges mitzubekommen: Weihnachtsbaum und Weihnachtslieder. Vor zwei Jahren haben wir den ersten Weihnachtsbaum in unserem Leben gekauft, einen künstlichen, etwa 50 Zentimeter hoch, mit einigen kleinen Dekorationen darauf, weil Siggi fortsetzend fragte: „Wo ist UNSER Weihnachtsbaum?“ Ja klar, im Foyer des Kindergartens steht jedes Jahr ein mittelgroßer Weihnachtsbaum, auch bei seinen Kita-Freunden zuhause sah er immer wieder ihren eigenen Weihnachtsbaum.

Letztes Jahr haben wir zwei Adventskalender jeweils für Siggi und Vicky und eine Pyramide gekauft. Ehrlich gesagt, das Wort „Adventskalender“ habe ich auch erst vor einem Jahr gelernt – von meinem Sohn! Als eine, die in Deutschland 12 Jahre gelebt hat und als Dolmetscherin tätig ist, finde ich es manchmal lustig, wie mein Wortschatz aufgebaut ist. Ich kann mich mit Menschen über Politik und Wirtschaft rege austauschen, aber manche ganz simple Worte, die im Alltag von Deutschen täglich gebraucht werden oder sehr gängig sind, kenne ich hingegen nicht. Das Word „Müsli“ z.B. habe ich erst vor ein paar Jahren gelernt, als ich mit einem deutschen Freund zusammen gefrühstückt habe. Davor hatte ich noch nie Müsli gegessen.

Dieses Jahr haben wir eigentlich auch einen Adventskranz kaufen wollen, weil Siegfried immer wieder sagte: „Wir sollen einen Adventskranz haben.“ Aber wegen der Kerzenlichter wollten wir doch ein, zwei Jahre warten, bis die Vicky größer wird und die Kerzen nicht aus Versehen umstößt.

Eine Fensterlichtdekoration mit einem roten Weihnachtsmann auf dem gelben Mond hängt schon seit Tagen bei uns am Fenster. Zwischen zwei Lampen im Wohnzimmer schweben silberne Kügelchen, die mit einem Seil zusammengebunden werden.

Auch auf dem Weihnachtsmarkt vor dem Roten Rathaus haben wir anhand der nachgestellten Szene der Geburt Jesu unseren Kindern Siggi und Vicky diese berühmte Weihnachtsgeschichte erklärt, auf Chinesisch natürlich. Wir achten schon sehr darauf, dass die Kinder die chinesische Sprache beherrschen. Immerhin leben fast alle Verwandten von uns in China. Es kommt natürlich nicht nur auf die Sprache an, aber wenn die Kinder kein Chinesisch, oder kein gutes Chinesisch sprechen, ist die Verbindung zwischen ihnen und den Verwandten in China halb gebrochen.

Danach hat mein Mann zuhause den Kindern auch ein Bilderbuch über die Wandmalerei in der Kirche im Vatikan gezeigt und die biblischen Geschichten erzählt. Wir sind keine Christen, sondern wir praktizieren die buddhistische Glaubensrichtung Falun Gong. Aber mein Mann als Reiseleiter für chinesische Touristen kennt die meisten, wenn nicht alle, Geschichten aus der Bibel, sodass er seinen Gästen etwas davon erzählen kann. Außerdem denken wir, wenn wir, einschließlich der Kinder, schon mal in Deutschland wohnen, dass wir versuchen sollen, diese Gesellschaft besser kennenzulernen, was die Kultur, Tradition, Religion, Kunst usw. betrifft. Das ist auch eine Art Respekt gegenüber einer anderen Kultur, finden wir. Das erkennt man auch an den Namen unserer 100 Prozent chinesisch aussehenden Kinder mit dunklen Haaren und Schlitzaugen: Siegfried und Victoria.

Wird irgendwann das am erfolgsreichsten integrierte Kind mit ausländischer Herkunft in Deutschland gewählt? Siegfried sollte doch einer der aussichtsvollsten Kandidaten sein, schon allein vom Namen her. Er hat ja schon ein paar Tage vor seiner Geburt, als mein Mann, der sich im Germanistikstudium vom Nibelungenlied faszinieren ließ und auf diesen uralten germanischen Namen kam, einen großen Vorsprung gewonnen im Vergleich zu anderen ausländischen Kindern, die Peter, Lukas oder Thomas heißen.

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