Lehrerin und Schülerinnen mit Kopftuch.Foto: iStock

Hotpants nein – Kopftuch rein: Neue Schulordnung in der Schweiz erhitzt die Gemüter

Von 20. August 2019 Aktualisiert: 20. August 2019 17:07
Eine neue Schulordnung in der Schweizer Stadt Gossau lässt die Wogen hochgehen. Darin finden sich erstmals Vorschriften zur angemessenen Bekleidung an öffentlichen Schulen. Diesen zufolge sollen Hotpants oder Miniröcke künftig nicht erlaubt sein, Kopftücher aus religiösen Gründen schon. In den sozialen Medien wettern Nutzer nun, diese Regelung bewirke eine „Islamisierung“.

Die Stadt Gossau im Schweizer Kanton St. Gallen bekommt erstmals seit 2001 wieder eine neue Schulordnung. Dies berichtet das örtliche „Tagblatt“. Eigentlich, so könnte man denken, ein Vorgang mit lediglich lokaler Relevanz.

Dennoch kochen soziale Medien über ob der geplanten Neuregelung in der 17 000-Seelen-Stadt, die noch der Billigung durch das Parlament bedarf – bei Nutzern aus dem gesamten deutschen Sprachraum. Stein des Anstoßes ist insbesondere Artikel 7 des Dokuments. Dort geht es um die Frage der Bekleidung für Schüler und Lehrer an öffentlichen Schulen, die bislang nicht in dieser Form geregelt war – sondern für die es bislang nur eine eigene Regelung aus dem Jahr 2011 gab.

„Die Schule legt Wert auf eine gepflegte Erscheinung und saubere Kleidung“, heißt es dort. Nicht erlaubt seien „aufreizende, provozierende oder angstmachende Bekleidung“. Kopf- und Handbedeckung müssten ebenfalls beim Betreten des Schulzimmers abgenommen werden. In diesem Zusammenhang gilt jedoch eine Einschränkung: Das Tragen von Kopfbedeckungen aus religiösen Gründen ist ausdrücklich von dieser Bestimmung ausgenommen.

Ähnliche Regeln gelten auch für Lehrer. Diese, so heißt es in der Vorlage des Stadtrats, müssten sich „im Verhalten, in der Bekleidung und der allgemeinen Erscheinung ihrer Vorbildfunktion bewusst“ sein. In den Erläuterungen wird auf den Dresscode für Verwaltungsmitarbeiter verwiesen.

„Kopfnüsse und Ohrfeigen“

In der Konsequenz bedeutet das: Wer mit Hotpants oder blutrünstigen Death-Metal-T-Shirts die Schule betreten will, dem wird der Einlass verweigert. Das Tragen einer Kippa oder – was mit Blick auf die Bevölkerungsstruktur häufiger vorkommen wird – eines Kopftuchs hingegen wird nicht beanstandet.

Vor allem letzteres hat die Gemüter einiger Social-Media-Nutzer in Wallung versetzt.

Auf Twitter zetert Alexander Müller, nach eigenen Angaben „rechter Freigeist und Agnostiker“:

Die Entwicklung ist eindeutig. Da wird religiösen Moralvorstellungen gehuldigt und das in einem angeblich säkularen Staat. Ein Kopftuch kann auch provozieren!“

Felix Epper stößt ins gleiche Horn und schildert Kindheitstraumata, die vor sein geistiges Auge treten:

Als ich im erzkatholischen #Gossau noch die Schule besuchte, hing der Gekreuzigte an jeder Wand und Nonnen erteilten uns Religionsunterricht. Dazu Kopfnüsse und Ohrfeigen. Bald sind wir wieder dort… #Unterwerfung“

Marcel Guggl meint auf Facebook:

Hotpants gehören nicht in die Schule, richtig. Aber Kopftücher genau so wenig!“

Schulratspräsident Urs Blaser rechnet jedoch damit, dass die Vorlage, die der Schulrat in Zusammenarbeit mit den Schulleitern ausgearbeitet habe, problemlos das Parlament passieren werde. Bis Ende des Jahres, so meint Blaser zum „Tagblatt“, werde sie stehen.

Bundesgericht urteilte pro Kopftuch – Gossau erlebte 2015 „Rassismus“-Skandal

Was das Thema „Kopftuch“ anbelangt, hätte der Schulrat vor dem Hintergrund gefestigter Rechtsprechung zur Glaubens- und Gewissensfreiheit keinen großen Spielraum gehabt. Im Jahr 2012 stellte im Kanton Thurgau das Verwaltungsgericht mit Blick auf einen Fall an einer Schule in Bürgen fest, die zwei 14-jährigen muslimischen Schülerinnen das Tragen des Hijabs untersagt hatte, dass „keine ausreichende rechtliche Basis für ein Kopftuchverbot“ bestehe und das Handeln der Schule unverhältnismäßig gewesen sei. Das DTJ berichtete damals darüber.

Im Jahr 2015 urteilte das Bundesgericht, dass ein Kopftuchverbot für Schülerinnen an einer öffentlichen Schule jedenfalls einen unzulässigen Eingriff in die Glaubens- und Gewissensfreiheit darstelle – zumindest in höheren Klassenstufen.

In Gossau hatte im gleichen Jahr ein Fall für böses Blut gesorgt, als eine Lehrerin an einer Sekundarschule damals drei Schweizer Jugendlichen verbot, im traditionellen „Edelweißhemd“ zum Unterricht zu erscheinen. Die „Basler Zeitung“ berichtete. Die Hemden, so die Begründung, seien „rassistisch“ und würden den Schulbetrieb stören. Lehrerverbände distanzierten sich anschließend von der Aktion der Lehrerin.

Der Lehrerdachverband LCH veröffentlichte später ein Dokument zur Kleidungsordnung an Schulen, das den Grundsatz festschrieb: „Was den Unterricht nicht stört, soll erlaubt sein.“ Die neue Gossauer Schulordnung versuchte nun, diesem Rechnung zu tragen.


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