IS-Rückkehrer-Welle bei Sturz des „Kalifats“ erwartet: So warnen Sicherheitsexperten Europa

Falls das Territorium des IS zerschlagen wird, steht die Welt vor einem Problem: Tausende IS-Kämpfer werden fliehen – und viele davon ihre Heimatländer bedrohen. Die New York Times berichtete gestern ausführlich über das Szenario, dass schon in zwei bis drei Monaten Realität sein könnte.
Titelbild
Ein kurdischer Peschmerkga-Kämpfer mit Kurden-Fahne im irakischen Sindschar nach der Vertreibung des IS am 16. November 2015.Foto: John Moore/Getty Images
Epoch Times18. September 2016

Wenn die letzten großen Hochburgen des IS fallen – Mossul im Irak und Rakka in Syrien – wird dieser militärische „Erfolg“ Konsequenzen haben: IS-Kämpfer werden nach Westeuropa und in andere Länder flüchten und dort Sicherheit und Stabilität gefährden, zumal viele Länder in Sachen Terrorabwehr schlecht vorbereitet sind.

Die „New York Times“ berichtete gestern darüber, wie amerikanische und andere westliche Sicherheitsbeamte die derzeitige Lage einschätzen.

„Hunderte von abgebrühten Killern, die nicht auf dem Schlachtfeld sterben“ werden in die ganze Welt strömen, ist sich FBI-Chef James Comey sicher. Falls das „Kalifat“ des IS zerschlagen wird, wäre dieser Umstand voraussichtlich Thema Nr. 1 für die Arbeit des FBI in den nächsten fünf Jahren. Die US-Polizei arbeitet international mit ihren Agenten und anderen Geheimdiensten bei der Terrorabwehr zusammen. Und so kam auch der Tipp, der am Dienstag zur Verhaftung dreier Syrer in Deutschland führte, von einem US-Geheimdienst.

Seit Anfang 2014 sickerten bereits ehemalige IS-Kämpfer aus Irak und Syrien zurück nach Europa, doch bisher waren es relativ wenige. Diese haben jedoch schon Terrorzellen gebildet. Wenn nun ein Schwung von Rückkehrern durch den Zusammenbruch des Kalifats verursacht wird, verstärken diese die bestehenden Zellen. Außerdem versucht der IS, Europäer zu radikalisieren und für Anschläge in ihren Heimatländern zu benutzen.

Terror durch Rückkehrer“ ist eine Strategie, mit der der IS auch ohne sein Territorium weiterhin relevant bleiben will. Und die vielen Anschläge der vergangenen Monate, sowie ein IS-Aufruf, stützen diese These.

Europas Fortschritt bei Terror-Abwehr „sehr durchwachsen“

Laut CIA-Chef John Brennan hat sich der Informationsaustausch zwischen europäischen Geheimdiensten nach den Terroranschlägen von Paris und Brüssel zwar verbessert. Trotzdem sei der Grad des Fortschritts immer noch „sehr durchwachsen“, sagte er auf einer Konferenz diesen Monat.

IS-Rückkehrer verwenden verschlüsselte Kommunikation, die es zu knacken gilt. Ansonsten könnte es den Terroristen gelingen, sich mit bestehenden Terrorzellen zu verbinden und „unter dem Radar“ der Geheimdienste und Polizei zu bleiben, bis sie einen Anschlag verüben, sagt Dick Schoof, Anti-Terror-Koordinator der Niederlande laut „NYT“. Er schätzt: „Wenn sie [die IS-Rückkehrer] sich mit den Radikalen in Europa verbinden, wird das eine sehr angespannte Situation für unsere nationale Sicherheit.“

Laut seinen Angaben gibt es IS-Zellen in Großbritannien, Deutschland, Italien, der Türkei und anderen Ländern. Von 260 niederländischen Bürger, die nach Irak und Syrien gingen, befinden sich dort noch geschätzte 180.

Noch 2-3 Monate“ bis zum Sturz der Hochburgen

Amerikanischen Militärs schätzen, dass die Kämpfe um Rakka und Mossul bereits in den nächsten zwei oder drei Monaten toben könnten – und dann stünden Tausende IS-Leute vor der Entscheidung: Weiterkämpfen oder aufhören?

Vermutlich, so die Einschätzung, wird es Menschen geben, die sich von der Terrormiliz ganz abwenden und künftig ins normale Leben zurückkehren werden. Aber nicht wenige dürften weiterhin eine Bedrohung darstellen.

„Wenn die Kurden, Iraker oder Amerikaner kommen, wird niemand der Letzte im Territorium sein wollen“, sagt Peter Neumann vom Kings College London (Direktor des „Internationalen Zentrums zur Erforschung von Radikalisierung und politischer Gewalt“).

Falls den Kämpfern bewusst werde, dass der IS nicht mehr gewinnen kann, „wird eine Mehrheit zuerst in die Türkei zurückkehren und dort zur Instabilität beitragen“, so Neumanns Prognose. „Viele werden dann versuchen, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Andere werden in andere Konfliktgebiete umziehen.“

Europa, Ägypten, Tunesien

Europäische Länder sind nicht die einzigen, die mit einer Rückkehrer-Welle konfrontiert sind. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian warnte diesen Monat davor, dass IS-Kämpfer nach Ägypten oder Tunesien fliehen könnten, falls sie aus ihrer libyschen Hochburg Sirte vertrieben werden.

„Sie verschwinden nicht“, so Le Drian. „Es wird ein neuer Gefahrenherd auftauchen.“

Sympathisanten reisen kaum noch ins Kalifat

Bemerkenswert ist laut NYT der Umstand, dass die Zustrom von Ausländern in die IS-Gebiete abgenommen hat. Waren es früher 2.000 pro Monat, so sind die Zahlen nun seit einigen Monaten nur noch ein Bruchteil dessen, berichten westliche Geheimdienstler laut dem Medium. Einerseits wird die Entwicklung dem Umstand zugeschrieben, dass die einzelnen Länder ihre radikalisierten Bürger stärker beobachten und an der Ausreise hindern – andererseits hat der IS Territorium und damit Attraktivität verloren.

Doch noch ein Punkt ist sehr wichtig: Der IS erwartet Rückschläge auf dem Schlachtfeld und hat dementsprechend seine Strategie angepasst. Potenziellen Rekruten aus Europa und Nordafrika wird nun geraten, zu Hause zu bleiben und dort „Dschihad“ zu betreiben. Das Argument lautet, sie seien nützlicher als Angreifer und Selbstmordattentäter in ihren Heimatländern.

IS ruft Anhänger zum „Dschihad“ in ihren Ländern auf

In einer Audio-Botschaft vom 21. Mai erklärte der IS-Sprecher Abu Muhammad al-Adnani, dass die Organisation zu ihren Wurzeln als Guerilla-Rebellen zurückkehren werde. Darin steckte laut „NYT“ das implizite Eingeständnis, dass die Terrormiliz ihre Stützpunkte in Syrien und dem Irak verlieren wird, jenes selbstausgerufene „Kalifat“ dass sie von Al-Qaida und anderen Terrorgruppen unterschieden hatte.

Adnani wiederholte mehrmals die Aufforderung an IS-Sympathisanten, in ihren Ländern zu bleiben und dort „die Feinde anzugreifen, wo und wie auch immer möglich“. Adnani soll mittlerweile bei einem Drohnenangriff getötet worden sein.

Wieviele IS-Kämpfer sind noch im Kriegsgebiet?

Laut US-Geheimdiensten haben sich seit 2011 geschätzte 42.000 Kämpfer aus mehr als 120 Ländern dem IS in Irak und Syrien angeschlossen oder dies zumindest versucht – darunter 260 Amerikaner und 7.600 Bürger westlicher Länder.

Die Schätzungen, wie viele sich noch im Kriegsgebiet aufhalten, variieren stark. Es können 10.000, aber auch 30.000 sein. Mit ihrer jüngsten Militäroperationen entlang der syrischen Grenze schloss die Türkei nahe Dscharablus den letzten großen Korridor, auf dem der IS Kämpfer aus und nach Syrien schleuste.



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