Die Ostsee als Abschussrampe: Die Weltraumrakete Tycho Brahe sollte am 5. September von der Ostsee aus nahe Bornholm gestartet werden. Der Versuch der dänischen Tüftler schlug fehl.Foto: Keld Navntoft/AFP/Getty Images

Ostsee in Gefahr

Von 6. September 2010 Aktualisiert: 6. September 2010 10:00

Das Badeparadies Ostsee war im Sommer dieses Jahres durch einen Algenteppich gefährdet und schreckte vorübergehend die Ostsee-Fans auf. Wird auch genug getan, um die Meeresqualität zu wahren?

Diese Frage treibt schon seit längerer Zeit auch andere um, denn die Begehrlichkeiten der Ostseenutzer drohen das gesamte System zu überladen, weil zu wenig in Zusammenhängen gedacht und geplant wird. So jedenfalls beschreibt Jochen Lamp, Leiter des Ostseebüros vom World Wildlife Fund (WWF), in einem zusammenfassenden Bericht vom 26. August die Ergebnisse von Forschungen und Befragungen im gesamten Ostseeraum.

„Es wird nicht vernetzt gedacht, egal wo man hinschaut“, sagt er dazu. „Da gibt es die regionalen Interessen etwa des Hafenausbaus und Konkurrenz zwischen den Städten, anstatt spezielle Standorte mit besonderen Aufgaben zu schaffen und miteinander zu verbinden. Kurzfristige politische Erfolge ebenso wie Interessen der Wirtschaft treiben die Ostseeanrainer an. Die Möglichkeit, für öffentliche Projekte, Gelder aus dem EU-Säckel zu bekommen, verlocken zu Bauvorhaben, die überdimensioniert sind. Da verpuffen nicht nur unsere Steuergelder, das betrifft auch die Zukunft des Meeres und seiner Anwohner.“ Der WWF fordert deshalb eine integrierte und umweltschonende Raumplanung für die gesamte Ostsee unter dem zutreffenden Namen Meeresmanagement.

Zu den untersuchten Wachstumsbranchen zählen Schifffahrt und Hafenausbau, Pipelinebau, Windenergie, Fischerei und Tourismus. Die Anzahl der Schiffe auf der Ostsee wird sich laut WWF bis 2030 voraussichtlich verdoppeln. Dabei zählt die Ostsee bereits jetzt zu den weltweit am stärksten befahrenen Meeresregionen und verkraftet bis zu 15 Prozent der Weltschifffahrt. Der Transport von Öl in Tankern hat sich allein in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Ein weiterer Anstieg bis auf 400 Millionen Tonnen Öl im Jahr 2030 wird prognostiziert. Mit dem zunehmenden Schiffsverkehr steigt auch das Unfallrisiko.

Der Sektor Offshore-Windenergie könnte seine Kapazitäten nach WWF-Angaben bis 2030 um 6.000 Prozent erhöhen, wenn alle bestehenden Pläne für Windfarmen umgesetzt würden. Ostseeweit würden dann 67 Windparks insgesamt ca. 25.000 Megawatt Strom erzeugen. Die etwa 150 Meter hohen Turbinen würden eine Fläche von 2.500 Quadratkilometern einnehmen. Der wachsende Platzbedarf der Windparks wird zunehmend in Konkurrenz zu Ansprüchen anderer Sektoren wie Fischerei, Schifffahrt, Tourismus, Kabeltrassen oder Pipelinebau stehen. Alle Aktivitäten haben Auswirkungen auf die Meeresumwelt.

Der Druck auf das Ökosystem der Ostsee erhöht sich durch mangelhafte Planung der Meeresnutzung. Es drohe eine hoffungslose Übernutzung, stellt der Bericht fest.

Was ist auch davon zu halten, wenn – wie Jochen Lamp berichtet – Tallinn in Estland seinen Hafenumsatz von 70.000 auf 300.000 Neuwagen im Jahr erweitern will bei einer Bevölkerungszahl von etwa 1,3 Millionen. Wer soll die vielen Autos kaufen, zumal der Nachbarstaat Russland seine eigenen Autoproduktionen hat?

„Prestigeobjekte und Großinvestitionen, die mit EU-Geldern subventioniert werden, und deren Folgekosten abgeschrieben werden oder den Kommunen zur Last fallen, sind keine Einzelfälle“, so Jochen Lamp. Nachhaltigkeit, die nur auf dem Papier steht, aber noch gar nicht umgesetzt oder von den Bürgern eingefordert wird, bleibt ein Schlagwort für Broschüren.

Zu seinem Erstaunen stellte Lamp bei vielen Gesprächen fest, dass sowohl in Ämtern als auch besonders bei Reedereien oder Windanlagenbau, ebenso wie bei Hafenanlagen oder Feriensiedlungen, selten ein wirkliches Verständnis für die Auswirkungen des eigenen Handelns vorlagen. Von Kenntnissen ganz zu schweigen.

Überdüngung

Phosphat und Nitrateinträge aus der Landwirtschaft sind weiterhin die Quelle Nr. 1 für die Überdüngung der Ostsee, heißt es in dem Lagebericht des WWF. Seit 1990 gab es für Stickstoff bereits eine Absenkung um 30 Prozent, für Phosphor gar um 45 Prozent. Wenn die Ostseeanrainer die Empfehlungen des Ostseeaktionsplanes befolgen, wird sich die Einleitung von Stickstoff aus den Flüssen gegenüber heute nochmals leicht reduzieren, bei Phosphor um etwa ein Drittel.

Dennoch ist hier aufgrund der über Jahrzehnte angesammelten Düngestoffe im Meeresboden und der sehr langen Verweildauer des Wassers mit seinen Nähr- und Schadstoffen keine Entwarnung angesagt. Wegen des großen Einflusses der Landwirtschaft auf den Meeresbereich muss dieser in die Trendanalysen mit einbezogen werden. Denn der Wasseraustausch in der Ostsee findet nur alle 30 bis 35 Jahre statt. Der einzige Zu- und Abfluss liegt am Skagerak.

Pipelines und Kabel

Bis 2013 werden etwa 3.800 Kilometer Kabel und Pipelines auf dem Ostseegrund liegen. Hiervon ist die im Bau befindliche Ostseepipeline mit 1.200 Kilometern Länge das größte Bauwerk. Es werden noch einmal mehr als 2.000 Kilometer neue Leitungen in den nächsten 20 Jahren erwartet. Die Pipelines stellen vor allem während der Bauphase einen Eingriff dar, da der Meeresboden verändert wird und nährstoffreiches Sediment in den Wasserkörper gelangt, das die Überdüngung anheizt. In Betrieb beanspruchen diese Leitungen Sicherheitskorridore, in denen nicht geankert werden darf.

Erst Umweltschutz – dann Badeurlaub.Erst Umweltschutz – dann Badeurlaub.Foto: Sean Gallup/Getty Images

Touristische Nutzung

Die Ostsee ist eine stark wachsende Tourismusdestination. Es ist anzunehmen, dass die Zahl der Übernachtungen wie in der letzten Dekade weiter stetig ansteigt. Allein im Kreuzfahrttourismus wird mit einer Steigerung von heute etwa fünf Millionen Passagieren auf etwa 20 Millionen im Jahr 2030 gerechnet. Für den Wassersport sind Steigerungsraten von sechs Prozent jährlich zu erwarten. Und falls nicht schnellstens die entsprechenden Abwassereinleitungsregeln verschärft werden, werden sowohl der Kreuzfahrttourismus als auch die Sportboothäfen zu einer erhöhten Überdüngung beitragen.

Obwohl die Touristen unzerstörte Landschaften suchen, geht Tourismusentwicklung immer mit Landschaftsverbrauch durch Verbauung und Infrastruktur einher. Auch wenn die Entwicklung derzeit nicht zu quantifizieren ist, gehen Infrastrukturprojekte wie die Fehmarnbeltquerung, die Saaremaa-Brücke in Estland und die Entwicklung neuer Marinas oft zu Lasten von Naturlandschaften. Auch die städtischen Ballungsräume dehnen sich auf die Küstenräume aus.

Naturschutz

Auch wenn bereits etwa zehn Prozent der Ostseefläche formal unter Schutz stehen, sind diese von einem guten, effektiven Management noch weit entfernt. Hierfür ist es nach Einschätzung des WWF notwendig, dass etwa 30 Prozent der Ostseefläche vorrangig für Meeresschutzgebiete gesichert werden, sodass ein Netzwerk von Lebensräumen entsteht, das dauerhaft eine gesunde Meeresumwelt sichert. Sie dienen nicht nur dem Erhalt der Natur selbst sondern erneuern die Wasserqualität, die Fischbestände und den Erholungsraum.

Was können Bürger tun?

Der Lebens- und Siedlungsraum Ostsee wird von etwa 90 Millionen Menschen bewohnt. Als Teil von Europa verfügt der Ostseeraum über relativ hohen Wohlstand, gut qualifizierte Bürger und hohe wirtschaftliche und politische Stabilität. All dies gepaart mit hohem Umweltbewusstsein sind vielversprechende Voraussetzungen. Gleichzeitig entstehen jedoch Begehrlichkeiten nach noch stärkerer Ausnutzung der letzten Ressourcen und Potenziale; dies verstärkt die Bedrohung für die Meeresumwelt. Fasst man alle Zukunftstendenzen zusammen, so erkennt man, dass die Ostsee, wie wir sie heute kennen, niemals ausreichen würde, um diese Ansprüche zu befriedigen, heißt es im Bericht des WWF.

Auf die Frage, was denn der einzelne Bürger tun könne, um vernetzte Planungen zu unterstützen, empfiehlt Jochen Lamp: „Schreiben Sie doch mal an Ihre Landtags- oder Bundestagsabgeordneten eine E-Mail oder einen Brief – die bekommen gar nicht so viel Post. Fragen Sie nach, was in Ihrem Namen und mit Ihren Steuergeldern gemacht wird, damit Umweltschutz kein leeres Wort bleibt und Sie auch morgen noch in der Ostsee baden können.“

www.wwf.de



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