Ein Bild vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (r) und seinem Erzfeind Fethullah Gulen.Foto: OZAN KOSE/AFP/Getty Images

Prediger Gülen: Erdoğan wird „wie Hitler und Stalin im Zorn enden“

Von 29. Januar 2020 Aktualisiert: 29. Januar 2020 17:19
In einem Interview wirft der in der Türkei als Staatsfeind geltende Islam-Prediger Fethullah Gülen Präsident Erdoğan vor, sein Land durch eine verfehlte Politik gegenüber Frauen und ethnischen Minderheiten zu schwächen – und die Syrienkrise ausgelöst zu haben.

In einem Interview mit der französischsprachigen Schweizer Sonntagszeitung „Le Matin Dimanche“, das in deutscher Sprache von der „Welt“ veröffentlicht wurde, hat der seit 1998 in den USA lebende Islam-Prediger Fethullah Gülen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan als „narzisstischen Tyrannen wie Hitler oder Stalin“ bezeichnet und ihm – wie den Genannten – ein „Ende im Zorn“ vorhergesagt.

Erdoğan und seine Regierung machen den heute 78-jährigen Gülen und das von diesem inspirierte, weltweit aktive „Hizmet“-Netzwerk für den gescheiterten Putsch einer Gruppe von Armeeangehörigen im Juli 2016 verantwortlich. Gülen weist jede Verantwortung für den Putschversuch zurück.

Bereits seit Ende des Jahres 2013 werden Gülen und seine Anhänger in der Türkei als Staatsfeinde betrachtet. Die Regierung in Ankara betitelt das Hizmet-Netzwerk seither als „Parallelstaat“ und „Fethullahistische Terrororganisation (FETÖ)“. Sie entließ hunderttausende Beamte unter dem Verdacht, Gülen nahezustehen und enteignete private Lerninstitute und Medien, die von Gülen-Anhängern aufgebaut wurden. Sogar im Ausland soll der türkische Geheimdienst vermeintlichen oder tatsächlichen Anhängern der Hizmet-Bewegung auf den Fersen sein.

Korruptionsvorwürfe als Ende eines Zweckbündnisses

Anlass waren damals Razzien infolge von Korruptionsvorwürfen, die sich auch gegen Minister der regierenden AKP und Verwandte des damaligen Premierministers Erdoğan gerichtet hatten. Das Gülen-Netzwerk, das in den 1990er und 2000er Jahren im privaten Bildungsbereich und im Staatsapparat der Türkei einen erheblichen Einfluss erlangt hatte, soll, so die Erzählung Erdoğans, den Staat unterwandert haben.

Die Korruptionsvorwürfe stellten demnach einen Missbrauch der Justiz dar, um sich für kurz zuvor getroffene Entscheidung der Regierung zu rächen, die Bildungseinrichtungen ins staatliche Schulsystem zwangseinzugliedern. Gegen die These vom vollständig inszenierten Korruptionsverdacht spricht jedoch, dass eine der mutmaßlichen Schlüsselfiguren, der lange Zeit in der Türkei ansässige iranische Geschäftsmann Reza Zarrab, später auch in den USA wegen des Verdachts auf Beteiligung an einer internationalen kriminellen Vereinigung ins Visier der Justiz geriet.

Noch in den 2000er Jahren hatte das vorwiegend in der Geschäftswelt und unter Akademikern präsente Gülen-Netzwerk und die eher populistische Erdoğan-Partei AKP zumindest ein gemeinsames Interesse verbunden: Der Einfluss der alten säkular-nationalistischen Eliten und des allmächtigen Militärs in der Türkei sollte zurückgedrängt werden. Der offizielle Beginn der Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU wurde zum Aufhänger, um einst im Zeichen des Kemalismus geschaffene autoritäre Elemente aufzubrechen, die sich vor allem gegen religiöse Milieus und ethnische Minderheiten gerichtet hatten.   

Restriktive Sprachpolitik

Auf die Symbiose angesprochen, die damals noch zwischen dem Gülen-Netzwerk und Erdoğans AKP geherrscht hatte, erklärte der Prediger:

„Die Hizmet-Bewegung hat nie eine enge Beziehung zu ihm gehabt. Erdogan schien unsere Vorstellungen von Demokratie zu teilen. Das ist alles. Er kämpfte für dieselben Dinge. Aber als er einmal an der Macht war, zeigte er ein völlig anderes Gesicht. Wir konnten das nicht unterstützen.“

Vor allem im Umgang mit der kurdischen Bevölkerungsgruppe in der Türkei wirft Gülen dem türkischen Präsidenten schwere Versäumnisse vor. Vor allem kritisierte er, dass die Kurden Restriktionen bezüglich des Gebrauchs ihrer Sprache ausgesetzt wären. In der ersten Hälfte der 2010er Jahre hatte es Erleichterungen beim Gebrauch der kurdischen Sprache vor Behörden, an Privatschulen und bezüglich des Betriebs von Radiosendern gegeben. Eine vollumfängliche Akzeptanz der Sprache und ihrer Verwendung gibt es jedoch bis heute nicht.

Der Prediger hatte sich 2013 hinter die Friedensverhandlungen gestellt, die vonseiten der türkischen Regierung mit dem inhaftierten Chef der terroristischen PKK, Abdullah Öcalan, geführt wurden, ehe sie 2015 abgebrochen wurden. Die PKK hatte zuvor zwei türkische Polizisten getötet, woraufhin die türkische Armee eine Großoffensive gegen Stellungen der linksextremen Organisation eingeleitet hatte. Regierungsnahe Kreise hingegen machen Hizmet-Anhänger in der türkischen Justiz dafür verantwortlich, dass 2012 der mächtige Geheimdienstchef Hakan Fidan von der Staatsanwaltschaft vorgeladen wurde, nachdem Geheimgespräche mit der PKK bekannt geworden waren.

US-Verfassung zum Vorbild nehmen

Im Interview mit Le Matin Dimanche erklärte Gülen, Erdoğan habe die Chance verpasst, in der Volksgruppenpolitik jene Reformen weiterzuführen, die bereits in den 1980er Jahren vom 1993 im Präsidentenamt verstorbenen liberal-konservativen Ministerpräsidenten Turgut Özal vorbereitet worden waren:

„Erdogan ist nicht auf der gleichen Wellenlänge wie ich. Der türkische Ex-Präsident Turgut Özal hatte als Premierminister einen Teil des Problems gelöst, indem er kurdische Minister in sein Kabinett aufnahm, ebenso wie Sozialdemokraten und Vertreter anderer politischer Strömungen. Ich glaube, dass mehr Freiheiten gewährt und die kurdische Sprache in den Schulen erlaubt werden sollte.“

Gülen vertrat die Auffassung, nur ein stärker dezentralisierter Staat könnte perspektivisch die Funktionsfähigkeit des türkischen Gemeinwesens gewährleisten. Ankara solle sich dabei die Vereinigten Staaten zum Vorbild nehmen: „Sollte es eines Tages eine Reform geben, würde ich dazu raten, sich an der US-Verfassung zu orientieren, die den Bürgern große Freiheiten gewährt.“

Auch was die Teilhabe der Frau am gesellschaftlichen Leben betrifft, wirft Gülen der Regierung Erdoğan vor, hinter ihren Möglichkeiten zurückzubleiben. Der Prediger, der als theologisch konservativ gilt, aber für einen Islam eintritt, der in eine pluralistische Gesellschaft passt, meint, das „patriarchalische Modell“ stelle einen „Rückschritt gegenüber der Geschichte der Anfänge des Islam“ dar:

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„Frauen müssen überall ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Wenn eine Frau Richterin oder Pilotin werden will, sollte nichts sie aufhalten.“

Gülen für EU-Beitritt der Türkei

In der Außenpolitik wirft Gülen der türkischen Regierungspolitik der vergangenen zehn Jahre vor, versagt zu haben. An der Eskalation des Krieges in Syrien treffe Erdoğan eine Mitschuld, weil dieser versucht habe, sich der muslimischen Welt als starker Mann zu präsentieren. Sein Versuch, den syrischen Präsidenten Bashar al-Assad zu stürzen, sei ein fataler Irrweg gewesen:

„Er wurde zum Mörder, indem er einen unrealistischen Aufstand unterstützte. Er hat eine große Verantwortung bei allem, was passiert. Tausende von Toten, Millionen von Flüchtlingen, all diese schrecklichen Dinge. An seinen Händen klebt eine Menge Blut. […] Ich hatte gesagt, dass man einen Prozess der schrittweisen Demokratisierung in Syrien unterstützen müsse und, falls erforderlich, Assad dabei helfen, für ein oder zwei Amtszeiten Präsident zu bleiben, wobei sichergestellt werden muss, dass jede Volksgruppe, egal ob Mehrheit oder Minderheit, im Parlament vertreten ist. Aber sie haben meinen Rat einfach ignoriert.“

Erdoğans Außenpolitik sei, so Gülen, eher von Machiavellismus bestimmt denn von Überzeugungen. Vor diesem Hintergrund seien sowohl seine Drohungen gegenüber der NATO als auch sein Kokettieren mit Russland und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit zu betrachten. Selbst die Annäherung an die Muslimbrüder sei taktischer Natur. Sobald diese an Einfluss verlören, würde Erdoğan auch sie fallen lassen.

Die durch ihr Verbot in der Türkei geschwächte Hizmet-Bewegung werde, so Gülen, als humanitäre Stiftung weiterarbeiten und ein „Modell der sozialen Harmonie, des gegenseitigen Respekts, der Toleranz und der Vielfalt verteidigen“. Die Türkei, so Gülen, müsse ihre Beziehungen zur NATO und zu Europa aufrechterhalten. Seine Bewegung werde „immer für eine Annäherung an die Europäische Union kämpfen, weil wir von ihr lernen und profitieren können“.