SERIE: 15 Irrtümer über Atomkraft – Teil 8

Von 14. April 2006 Aktualisiert: 14. April 2006 22:29
Teil 8: Atomenergie kann das Weltklima nicht retten

GLOBAL 2000  weist nach: Atomkraft kann nur Bruchteil des weltweiten Energiebedarfs decken – echter Klimaschutz nur durch Energiesparen und Erneuerbare Energien möglich. Die UN-Rahmenkonvention zur Klimaänderung (UNFCC) stellt die Forderung, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel nachhaltig und umweltverträglich sein müssen. Dies ist bei der Atomkraft nicht der Fall. Bei der internationalen Klimakonferenz in Bonn im Juli 2001 wurde daher entschieden, dass Atomprojekte als Klimaschutzmaßnahme vom Kyoto-Protokoll ausgeschlossen sind. Das gilt zumindest für die erste Kyotoperiode bis 2012. Da aber bisher beim internationalen Klimaschutz die Erfolge auf sich warten lassen, ist zu befürchten, dass Atomkraft als Alibi-Lösung in der Klimaschutzdebatte wieder Aufschwung erhält.

Atomkraft produziert Treibhausgase

Das Hauptargument der Atomindustrie – bei der Erzeugung von Atomstrom werde kein CO2 emittiert – hat sich als falsch erwiesen. Eine Analyse des deutschen Öko-Instituts zeigt, dass durch die Verwendung fossiler Energie während der gesamten nuklearen Brennstoffkette mehr CO2 entsteht als bei der Nutzung Erneuerbarer Energien.

Die fossilen Brennstoffe werden vor allem beim Uranabbau und der Umwandlung des Uranerzes zu Kernbrennstoff benötigt. Dazu kommt: Atomkraftwerke produzieren üblicherweise nur Strom. In modernen Gaskraftwerken kann aber neben Strom auch Wärme erzeugt und genutzt werden. Vergleicht man nun eine Energiewirtschaft auf der Basis von Atomkraftwerken und eine mit  modernen Gaskraftwerken, schneidet die Atomkraft auch in diesem Vergleich schlecht ab. Es werden mehr Treibhausgase ausgestoßen.

Gehen die Uranvorräte in wenigen Jahrzehnten zur Neige und müssen dann geringerwertige Lagerstätten mit hohem Aufwand ausgebeutet werden, wird der CO2 Ausstoß in Zukunft sogar noch weiter steigen.

Atomkraft bleibt weit hinter dem weltweiten Energiebedarf zurück

Derzeit liegt der Anteil der Atomkraft am weltweiten Energieverbrauch bei knapp 3 Prozent. Der Beitrag der Erneuerbaren Energien zur Weltenergieversorgung liegt heute schon deutlich höher. Um in den nächsten 20 Jahren diesen Anteil zu halten, müssten etwa 280 neue AKWs gebaut werden, denn so viele müssen aus Altersgründen demnächst vom Netz. Das heißt: Alle 3-4 Wochen müsste ein neues AKW gebaut werden. Eine Verdreifachung der derzeitigen Energieproduktion aus Atomkraft bis 2050 würde nur zwischen 12,5% und 20% der notwendigen Reduktionen an Treibhausgasen bringen, aber auch einen Neubau pro Woche erfordern.

Allerdings würden dann die weltweiten Uranvorräte in weniger als 50 Jahren verbraucht sein. Der derzeit einzig bekannte Weg, um einen längerfristigen Beitrag zur Weltenergieversorgung leisten zu können, wäre die Entwicklung von so genannten Schnellen Brütern, ein Kernreaktortyp zur Strom- und Plutoniumerzeugung. Diese Technologie ermöglicht zwar eine bis zu 60-fach größere Brennstoffausnutzung, führt aber zu enormen Sicherheitsproblemen und Risiken im schwierigen Umgang mit hochgefährlichem Plutonium. Weltweit ist daher die Brütertechnologie praktisch aufgegeben worden.

Forcierung von Atomenergie steht im Widerspruch zu realem Energiebedarf

Der zukünftig größte regionale Energiebedarf wird in den Entwicklungsländern aufkommen. Selbst die Vertreter der Internationalen Atomenergieorganisation IAEO sprechen aber von Inkompatibilität der Kernenergie in den Entwicklungsländern, nicht zuletzt aufgrund der Infrastruktur, die für große und zentralisierte Anlagen häufig ungeeignet ist. Entscheidend auch: Atomkraftwerke produzieren Strom, nicht aber Wärme oder Treibstoffe. Benzin kommt nicht aus der Steckdose, Atomkraftwerke ersetzen kein Öl. Um uns vom Öl unabhängiger zu machen, brauchen wir etwas anderes: veränderte Mobilität, Erneuerbare Energien und Energieeffizienz.

Terror-Risiko Atomkraft

Um eine Ausweitung des Anteils der Atomkraft auf das Dreifache zu erreichen, würden Atomkraftwerke auch in Ländern gebaut werden, die bisher auf Atomkraft verzichten. Damit steigt auch das Risiko, dass Länder mit unsicheren politischen Verhältnissen über die so genannte friedliche Nutzung der Atomkraft an atomwaffenfähiges Material kommen. In der Geschichte finden sich dafür ausreichende Belege, wie Iran und Nordkorea. Gleichfalls steigt das Terrorrisiko: Atomkraftwerke selbst stellen mögliche Ziele für Terrorangriffe dar, aber es besteht auch das Risiko, dass spaltbares Material durch Terrorgruppen entwendet und für den Bombenbau („schmutzige Bomben“) verwendet wird. Illegaler Handel mit radioaktiven Stoffen aus dem nuklearen Brennstoffzyklus stellt bereits heute ein schwerwiegendes Problem dar.

Festhalten an Atomkraft behindert Entwicklung umweltfreundlicher Maßnahmen

Zukünftige Investitionen in Kernenergie verzögern Investitionen in Effizenzmaßnahmen und behindern nachhaltige und ressourcenschonende Lösungen, wie beispielsweise Wind, Sonne, Biomasse und Ausbau der Geothermie. Die zentrale Struktur von Großkraftwerken, wie sie eben bei Atomkraft besteht, ist ineffizient. Vor allem weil die Abwärme zu einem großen Teil verloren geht. Die Energiewende hin zu kleineren effizienteren Einheiten mit der Nutzung der Kraft-Wärme-Kopplung und dem ambitionierten Ausbau der Erneuerbaren Energien werden gebremst, während in die „Modernisierung“ völlig veralteter Atomreaktoren investiert wird. Jeder Euro, der in Atomkraft investiert wird, könnte bis zu 10mal mehr CO2-Einsparung bringen, wenn er in Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz fließen würde!

Besonders bedenklich: Die scheinbare Energieschwemme, die die Atomkraft verspricht, fördert den Ausbau einer energieintensiven Infrastruktur in der Wirtschaft und rückt die eigentlichen Instrumente im Kampf gegen den Treibhauseffekt – Energieeffizienz und Erneuerbare Energien – aus dem Blickfeld. Und zögert ihren Einsatz um Jahrzehnte hinaus. Wird die Energie knapp, müssen Privathaushalte, Staaten und Industrie radikal und unter hohen Kosten umsteuern.

Die Lösung: Erneuerbare Energien und Energieeffizienz

Die prognostizierten Energieverbrauchssteigerungen sind nicht unabänderlich: Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, Energie effizienter zu nutzen. Energetisch sehr ineffizient sind etwa Stromheizungen und die Bereitstellung von Warmwasser mit Strom. Allein für diese beiden Bereiche werden in Österreich 5 TWh pro Jahr benötigt, das entspricht 5 Donaukraftwerken in der Größe von Freudenau. Durch Senkung des Standby-Verbrauchs, Energiesparlampen und effiziente Geräte könnten 20–30% des Haushaltsstromverbrauchs wirtschaftlich eingespart werden. Und in der Industrie sind es durch optimierte Nutzung von Elektromotoren ebenfalls 20–30% des Strombedarfs.

Erneuerbare Energien aus Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Erdwärme sind heimische und sichere Energieträger. Verbunden mit Effizienzverbesserung und Stromeinsparung sind sie die umweltfreundliche und wirtschaftliche Lösung für die Energieprobleme der Zukunft. Und sie schaffen Arbeitsplätze und stützen die heimische Wirtschaft.

Silva Herrmann, Energiereferentin GLOBAL 2000

Informationen im WWW unter http://www.global2000.at/

 

Serien-Überblick

ROHSTOFF URAN

 

 

  • Teil 1: Begrenzte Uranressourcen – die Lüge von der unendlichen Atomkraft
  • Teil 2: Uranabbau – Rohstoff mit Umweltfolgen
  • Teil 3: Uran – Waffenfähiges Material in Zeiten des Terrors

 

DIE TECHNOLOGIE

 

 

  • Teil 4: Europas gefährlichste Reaktoren
  • Teil 5. AKW Temelin: Traurige Geschichte von 100 Unfällen
  • Teil 6: Milliarden Euro Steuergelder – Atomenergie kostet
  • Teil 7: Atomforschung kassiert – Erneuerbare bleiben auf der Strecke
  • Teil 8. Atomenergie kann das Weltklima nicht retten
  • Teil 9: Weltweite radioaktive Verseuchung
  • Teil 10: Atomstromimporte in atomfreie Staaten

 

ATOMMÜLL

 

 

  • Teil 11: Atomare Verseuchung in Österreich: Damals und heute!
  • Teil 12: Atommüllager rund um Österreich und weltweit
  • Teil 13: Atommülltransporte und Wiederaufbereitung
  • Teil 14: Die größten Atomunfälle: Von Hiroshima bis Tschernobyl
  • Teil 15: Tschernobyl-Tag: Die Opfer der Tschernobylkatastrophe heute


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