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Analyse

plus-iconOrbán im Wahlkampf

Trump stärkt Orbán im Krisenjahr - ein „finanzieller Schutzschild“ aus Washington

Erst stand Orbán an Trumps Seite – ein Bekenntnis, das vor den US-Wahlen noch riskant schien – jetzt steht Trump hinter Orbán. Der US-Präsident verspricht seinem ungarischen Verbündeten einen „finanziellen Schutzschild“. Ein Deal zur rechten Zeit: Orbán steckt mitten im wohl härtesten Wahlkampf seiner Amtszeit.

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US-Präsident Donald Trump und der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán während eines Treffens im Kabinettssaal des Weißen Hauses in Washington, D.C. am 7. November 2025.

Foto: Saul Loeb/AFP via Getty Images

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Lesedauer: 13 Min.


In Kürze:

  • Viktor Orbán traf sich Anfang November in Washington mit US-Präsident Donald Trump und erhielt dabei eine Ausnahmegenehmigung für die weitere Nutzung russischer Energieimporte.
  • Bei dem Treffen wurden mehrere wirtschaftliche Abkommen geschlossen – darunter das politisch brisanteste: ein von Washington zugesagter „finanzieller Schutzschild“ für Ungarn.
  • Nach Orbáns Darstellung soll diese Vereinbarung Budapest im Falle externer, auch spekulativer Angriffe finanziell absichern.
  • Selbst die von Brüssel wegen Rechtsstaatlichkeitsbedenken eingefrorenen EU-Mittel, so behauptet er, stellten dank des Schutzschilds kein Risiko mehr dar.
  • Im Vorfeld der Parlamentswahlen 2026 sieht sich der Regierungschef von mehreren Seiten unter Druck – und präsentiert das Abkommen daher als entscheidende Rückendeckung aus Washington.
  • Die genauen Details des Schutzschilds bleiben jedoch weiterhin offen.

 
„Wenn sich ein großer, durchtrainierter Mann hinter dich stellt, dann legt sich keiner mit dir an“, erklärte der ungarische Wirtschaftsminister Márton Nagy in dieser Woche, als er die Ergebnisse des Washington-Besuchs von Ministerpräsident Viktor Orbán erläuterte.
Als größten Erfolg seiner Gespräche mit Donald Trump am 7. November bewertete Orbán, dass die USA die Weiterführung russischer Energieimporte Richtung Ungarn genehmigten. Später enthüllte der Ministerpräsident, dass er mit dem US-Präsidenten eine Vereinbarung über einen „finanziellen Schutzschild“ getroffen habe.
„Sollte Ungarn von einem äußeren Angriff getroffen werden – etwa auf sein Finanzsystem –, so haben uns die Amerikaner ihr Wort gegeben, dass sie in diesem Fall die finanzielle Stabilität Ungarns schützen werden. Wenn unser Land einer solchen externen, spekulativen oder politischen Attacke ausgesetzt wäre, könnten wir mit einem amerikanischen finanziellen Schutzschild rechnen“, betonte Orbán nach seinen Gesprächen in Washington.
Minister Nagy kommentierte dies mit den Worten, Ungarn brauche einen großen Bruder – und wenn das nicht Brüssel sei, dann könne es Washington sein. Der genaue Inhalt der Vereinbarung zwischen Trump und Orbán bleibt bislang jedoch noch unklar. Auch das Weiße Haus hat sich noch nicht öffentlich zu den Plänen geäußert.
Doch schon die Tatsache, dass Orbán die Einigung verkündete und die ungarische Regierung erste Informationen veröffentlichte, hat politisch hohe Wellen geschlagen.

Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán mit US-Präsident Donald Trump im Kabinettssaal des Weißen Hauses am 7. November 2025 in Washington, DC.

Foto: Roberto Schmidt/Getty Images

Finanzielle Rückendeckung „praktisch ohne Grenzen“

Laut Orbán habe er von Trump das Versprechen eines Schutzschilds erhalten, „mit dem wir aus den USA praktisch unbegrenzte Finanzierungsmöglichkeiten haben – Mittel, mit denen wir jedes Brüsseler Geld ersetzen können“.
Im Zusammenhang mit möglichen Angriffen erklärte Orbán, man sollte dabei an Brüssel, aber doch nicht nur an Brüssel denken. Sollte „aus irgendeinem Winkel der Welt“ ein finanzieller Angriff auf Ungarn erfolgen – etwa auf den Wechselkurs oder die Kreditwürdigkeit des Landes –, stehe zur Abwehr solcher Attacken „amerikanische Unterstützung“ bereit.
Aus diesem Grund, so der Ministerpräsident weiter, müsse Ungarn dank der amerikanischen Rückendeckung künftig auf kein einziges wirtschaftliches Großprojekt von national strategischer Bedeutung verzichten – selbst dann nicht, wenn Brüssel weiterhin Teile der Ungarn zustehenden Fördermittel zurückhalte.
Die von der EU eingefrorenen Mittel stehen im Zusammenhang mit dem „Rechtsstaatlichkeitsverfahren“ gegen Ungarn. Während des Verfahrens wurden dem Land seit 2020 bereits Mittel in Höhe von mehreren Milliarden Euro vorenthalten. Brüssel begründet die Maßnahme mit dem Verdacht auf Verletzungen demokratischer und rechtsstaatlicher Prinzipien. Aus Sicht der ungarischen Regierung handelt es sich dabei um eine nicht enden wollende politische Attacke Brüssels.

Schützt der „große Bruder“ Orbán in den bevorstehenden Wahlen?

Eine weitere Bedeutung des von Trump angeblich zugesagten „Schutzschilds“ wird dann deutlich, wenn man den Zeitpunkt der Vereinbarung berücksichtigt. Die Zurückhaltung von EU-Mitteln ist für Ungarn zwar kein neues Phänomen, doch die politische Lage für Orbán ist derzeit besonders kritisch.
In Ungarn finden die nächsten Parlamentswahlen im April 2026 statt. Der seit 2010 ununterbrochen regierende Ministerpräsident befindet sich laut Umfragen vor dem bislang wohl härtesten Wahlkampf seiner Amtszeit. Die im vergangenen Jahr rasch erstarkte Oppositionspartei Tisza liegt laut Umfragen zuweilen Kopf an Kopf mit Orbáns rechtskonservativer Partei Fidesz.
Tisza vertritt erklärtermaßen eine EU-konforme Linie in jenen Fragen, in denen Orbán regelmäßig ein Veto einlegt oder sich gegen den Brüsseler Mainstream stellt – etwa beim Thema EU-Beitritt der Ukraine.
Im April 2025 erklärte Oppositionsführer Péter Magyar, der Vorsitzende von Tisza, er könne im Falle eines Wahlsiegs alle eingefrorenen EU-Mittel freisetzen. „Ungarn wird wieder ein stolzer und verlässlicher NATO-Verbündeter sein. Ungarn wird wieder ein vollwertiges Mitglied der Europäischen Union sein“, sagte er damals.
Seine Partei versteht sich selbst als konservativ, zugleich auch ideologiefrei, liberal und entschieden pro-EU. Als Ex-Ehemann der früheren Justizministerin stammt Magyar aus Orbáns innerstem Machtzirkel. Im Europäischen Parlament haben er und seine Parteikollegen sich der Europäischen Volkspartei (EVP) unter der Führung von Manfred Weber (CSU) angeschlossen – einer Fraktion, deren Verhältnis zu Orbán seit Jahren als angespannt gilt.

Der ungarische Oppositionsführer Péter Magyar schwenkt die ungarische Flagge während einer Anti-Regierungsdemonstration in Budapest, Ungarn, am 26. März 2024.

Foto: Ferenc Isza/AFP via Getty Images

Mit Blick auf den bevorstehenden Wahlkampf erklärte Wirtschaftsminister Nagy am 10. November in Anspielung auf Trumps „Schutzschild“: „Wir spüren, dass auch Brüssel im Wahlkampf mitmischt. Ein Teil unserer Gelder ist eingefroren – das ist eine Form von Druck. […] Wir bekommen unser Geld nicht. Wenn ich es so betrachte, dann handelt es sich um einen finanziellen Angriff gegen uns, den wir abwehren müssen.“
Im Oktober 2024 erklärte Orbán, die Europäische Kommission versuche, seine Regierung zu stürzen und in Budapest eine „Marionettenregierung“ einzusetzen. Ein „Angriff” aus Brüssel wird auch gerade in diesem Licht interpretiert.

Ein möglicher Angriff aus der Ukraine?

Unmittelbar nach dem Abkommen zwischen Trump und Orbán reagiert der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Er erklärte, er werde „einen Weg finden, damit kein russisches Öl mehr nach Ungarn gelangt“ – eine deutliche Anspielung darauf, dass die ungarische Regierung zwar eine Ausnahme von den US-Sanktionen erhalten habe, das russische Öl jedoch immer noch über ukrainisches Territorium nach Ungarn transportiert wird.
Der Kommunikationsdirektor der ungarischen Regierungspartei, Tamás Menczer, kommentierte Selenskyjs Aussage mit den Worten: „Das lässt sich einfach übersetzen – die Ukrainer haben bereits dreimal jene Pipeline bombardiert, die das russische Öl nach Ungarn bringt, die ‚Druschba‘-Leitung.“ Nach Menczers Einschätzung sei Selenskyjs jüngste Erklärung eine Anspielung auf einen möglichen erneuten Beschuss der Pipeline.

Ungarns Premier Viktor Orbán mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Budapest im November 2024.

Foto: Ferenc Isza/AFP via Getty Images

Selenskyj hatte Anfang September darauf hingewiesen, Orbán solle sein Veto gegen die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine aufheben. Zugleich verwies er auf die „Freundschaft zwischen Ungarn und der Ukraine“ – ein Hinweis, der auch auf den Namen der Pipeline anspielt, denn „Druschba“ heißt Freundschaft auf Russisch.
Der von Trump zugesagte finanzielle Schutzschild könnte somit auch in einem solchen Angriffs-Szenario an Bedeutung gewinnen. Besonders deshalb, weil laut der ungarischen Regierung ohne russisches Öl die Energiesicherheit des Landes ernsthaft gefährdet wäre,  da die Treibstoffpreise in diesem Fall in die Höhe schießen würden.

Was bisher über den Schutzschild bekannt ist

Péter Ákos Bod, der frühere Präsident der Ungarischen Notenbank, äußerte sich skeptisch zu dem angeblichen Schutzschild. „Man weiß nicht, worum es in dieser Vereinbarung genau geht – technische Details wurden nicht offengelegt“, sagte er gegenüber „Radio Free Europe“. Unabhängige Bestätigungen für die Vereinbarung liegen zudem bislang nicht vor.
Der Wirtschaftswissenschaftler erklärte außerdem, er könne nicht nachvollziehen, weshalb eine solche Vereinbarung überhaupt notwendig sei, da „keine Bedrohung am Horizont“ erkennbar sei, die sich nicht auch mit den 48 Milliarden Euro Devisenreserven der Ungarischen Nationalbank bewältigen ließe. „Es gibt also kein Problem – und wenn es doch eines gäbe, warum wenden wir uns dann nicht an den Internationalen Währungsfonds?“, fragte er.
Wirtschaftsminister Nagy äußerte sich bislang am ausführlichsten zum genauen Inhalt des Schutzschilds – über dessen politische Symbolik hinaus. Nagy betonte am 10. November, das Ziel des Abkommens bestehe darin, die ungarische Wirtschaft und den Forint vor potenziellen spekulativen Angriffen und finanziellem Druck zu schützen. Dabei handle es sich nicht um ein Rettungspaket, sondern um ein mehrstufiges Finanzinstrumentarium, das Stabilität gewährleisten solle.
Zu den Einzelheiten erklärte der Minister, die technischen Verhandlungen seien bereits im Gange – derzeit werde die konkrete Struktur des Instruments präzisiert. Nagy wies zudem darauf hin, dass es für einen EU-Mitgliedstaat grundsätzlich von Vorteil sei, Sicherheit durch eine Swap-Vereinbarung mit der Europäischen Zentralbank und durch EU-Finanzmittel zu erlangen.
Da dies für Ungarn momentan keine realistische Option sei, müsse das Land den finanziellen Schutz von anderen, starken Staaten suchen, sagte Nagy.

Zwischen Brüssel, Washington und Peking: Orbáns Abhängigkeiten

Zwar konnte Budapest durch rechtliche Zugeständnisse an die EU einige eingefrorene EU-Mittel wieder freisetzen, doch der Druck auf die Regierung blieb in den vergangenen Jahren bestehen. Beobachter sehen darin einen zentralen Grund für Orbáns strategische Öffnung nach Osten, insbesondere gegenüber China. Laut einer Analyse des französischen Magazins „Regard sur l’Est“ gilt Ungarn heute als Pekings engster Verbündeter innerhalb der Europäischen Union.
Diese Bindung zeigt sich in milliardenschweren Krediten chinesischer Großbanken, über die die Regierung wenig öffentlich Rechenschaft abgelegt hat, sowie in Infrastrukturprojekten wie der Eisenbahnlinie Budapest–Belgrad, die über Chinas Neue-Seidenstraßen-Initiative finanziert werden. Einigen Experten zufolge könnte allein die Rückzahlung dieser Kredite Jahrhunderte dauern.

Chinas Staatschef Xi Jinping mit Viktor Orbán vor einer Begrüßungszeremonie in der Budaer Burg in Budapest am 9. Mai 2024.

Foto: Vivien Cher Benko/Pool/AFP via Getty Images

Mit Blick auf die globalen Machtverschiebungen könnte Trumps „finanzieller Schutzschild“ daher eine weitere Dimension einnehmen. Der US-Außenminister Marco Rubio erinnerte im Februar in einem Interview mit dem US-Onlinemedium „Breitbart“ daran, dass Russland faktisch in eine Abhängigkeit von China geraten sei. Eines der erklärten Ziele der neuen Trump-Regierung sei es nun, Moskau aus Pekings Griff zu befreien.
Während die USA also versuchen, Russland aus der Umklammerung Pekings zu lösen, könnte die jüngste Vereinbarung mit Orbán auch als erster Schritt gewertet werden, Ungarn aus seiner chinesischen Abhängigkeit zu befreien. In diesem Punkt könnten sich die Interessen Brüssels und Washingtons sogar unerwartet decken – denn ein Teil der Kritik von der EU-Führung an Budapest zielt auf dessen enge Bindung mit Peking.
Mária S. Szentmagyari ist eine ungarische Juristin mit deutschen Wurzeln und lebt im Grünen unweit von Budapest. Mit Leidenschaft und großem Interesse an geopolitischen Zusammenhängen berichtet sie für Epoch Times über die aktuellen Entwicklungen in Mittel- und Osteuropa, der Ukraine, Russland und dem Nahen Osten. Die Kommentare unter ihren Artikeln liest sie mit besonderer Neugier.

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