Industrieregion Donezk
Ukraine: Steht die strategisch wichtige Stadt Pokrowsk kurz vor dem Fall?
Eine strategisch und symbolisch wichtige ukrainische Stadt in Donezk könnte kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Laut russischen Medien hätten die russischen Streitkräfte bereits alle Zufahrtswege aus Pokrowsk blockiert. Kiew wies dagegen zuletzt russische Angaben zurück, wonach die Stadt bereits umzingelt sei.

Eine Straße in der Region in Donezk.(Symbolbild).
Foto: Trabalik/iStock
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Noch hält Pokrowsk den russischen Truppen stand. Doch die sowohl für Kiew als auch Moskau strategisch und symbolisch wichtige Stadt in der ukrainischen Industrieregion Donezk steht womöglich kurz vor dem Fall. Was über die aktuelle Lage in Pokrowsk bekannt ist:
Strategische Lage
Vor Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 lebten in Pokrowsk etwa 60.000 Menschen. Heute ist die Stadt weitgehend verwaist.
In der Region Donezk fanden bereits einige der verlustreichsten Schlachten des Krieges statt, etwa in den Städten Bachmut, Mariupol und Awdijiwka. Russland führte 2022 in den Regionen Donezk, Luhansk, Cherson und Saporischschja umstrittene Referenden durch und erklärte sie anschließend im September 2022 zu Teilen seines Staatsgebiets.
Die Einnahme von Pokrowsk wäre ein erheblicher Sieg für Moskau. Fällt die Stadt an die russische Armee, würde dies Moskau den weiteren Weg in die Region ebnen – bis hin zum ukrainischen „Festungsgürtel“ von den Städten Slowjansk und Kramatorsk im Norden bis nach Druschkiwka und Kostjantyniwka weiter im Süden.
Laut Igor Kimakovsky, dem Berater des Chefs der Volksrepublik Donezk, hätten die ukrainischen Truppen „ihre letzte Chance verpasst, Pokrowsk zu verlassen, da die russischen Streitkräfte alle Zufahrtswege aus der Stadt blockiert haben“. Dies sagte Pokrowsk gegenüber der russischen Nachrichtenagentur „Tass“. Demnach sei die letzte Route ist nun „vollständig unter unserer Kontrolle“, sagte er.
Wichtiges Logistikzentrum für die Ukraine
Pokrowsk liegt auf einem Versorgungsweg für die ukrainische Armee. Die Bergbaustadt ist daher für die logistische Versorgung der Verteidigungstruppen von entscheidender Bedeutung. Doch auch aus wirtschaftlicher Sicht will Kiew die Stadt unbedingt halten: Denn dort befindet sich die einzige Kokerei unter ukrainischer Kontrolle.
Sollte die Stadt fallen, wäre dies auch ein schwerer Verlust für die ukrainische Rüstungsindustrie. Denn das aus Kohle erzeugte Koks ist für die Stahlproduktion unverzichtbar.
Seit mehr als einem Jahr erbitterte Kämpfe
Seit mehr als einem Jahr versucht die russische Armee, die Stadt einzunehmen. Kiew wies zuletzt russische Angaben zurück, wonach Pokrowsk bereits umzingelt sei. Allerdings seien mehrere hundert russische Soldaten bereits in die Stadt eingedrungen. Bei einer Pressekonferenz Ende vergangener Woche sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass es „in drei Tagen 220 Angriffe auf Pokrowsk“ gegeben habe.
In einem Bericht vom 7. November berichtet die Nachrichtenagentur „Tass“ von einem ukrainischen Kriegsgefangenen, namens Dmitri Newmjewako. Dieser habe enthüllt, dass die kommandierenden Offiziere in Kiew den Soldaten befohlen hätten, Zivilisten zu erschießen, falls diese versuchen sollten, sich den Soldaten an der Frontlinie in Pokrowsk zu nähern. In einem vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Video erklärte Newmjewako, die Lage auf dem Schlachtfeld sei so, dass sich ukrainische Soldaten kaum bewegen könnten, ohne sofort unter Beschuss zu geraten.
Am vergangenen Wochenende gab Kiew zudem die Entsendung von Spezialtruppen in die Region bekannt. Selenskyj besuchte zudem Truppen eines Korps nahe der umkämpften Stadt und kündigte an, dass alles getan werden solle, um die Stadt unter ukrainischer Kontrolle zu halten.
Möglicher Auswirkungen auf den Kriegsverlauf
Russland könnte Militärexperten zufolge nach einer möglichen Einnahme von Pokrowks versuchen, „den Druck von Osten nach Westen über das Gebiet der Region Dnipropetrowsk entlang des Flusses Wowtscha“ zu erhöhen. „Dadurch könnten sie den nördlichen Teil der Region Saporischschja erreichen“, sagte Oleksiy Kopytko vom Center for Military-Political Investigations der Nachrichtenagentur AFP.
Aus Sicht des unabhängigen russischen Militäranalysten Alexander Chramtschichin könnte die Einnahme der Stadt Russland „einen Durchbruch verschaffen“.
Kopytko sieht angesichts des bevorstehenden Winters auch mögliche praktische Vorteile für die russische Armee. „Es ist besser, den Winter in einer Stadt zu verbringen und zu überstehen auch wenn sie zerstört ist (…) als auf freiem Feld“, sagte er. Auch würde die Stadt mehr Schutz vor Drohnen bieten.
Gelingt Moskau die Eroberung, wäre dies einer der bedeutendsten Gebietsgewinne seit der russischen Einnahme von Awdijiwka im Februar 2024.
Herber Rückschlag für Ukraine
Die ukrainische Armee ist trotz westlicher Militärhilfe sowohl in ihrer Truppenstärke als auch beim Material unterlegen. Für das Land wäre der Verlust von Pokrowsk ein herber Rückschlag.
Kiew könnte zudem in Erklärungsnot zu seiner Verteidigungsstrategie in Pokrowsk geraten. So hatte der renommierte Militärblogger und ukrainische Soldat Juri Butusow kürzlich die Ankunft der Spezialeinheiten in der „halb eingekesselten“ Stadt kritisiert. Die Entsendung der Truppen „in ein offenes Gebiet in einer Todeszone, im vollen Blickfeld feindlicher Drohnen“ nannte er in Onlinediensten eine „taktisch verfehlte Entscheidung“.
Auch für das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Selenskyj und US-Präsident Donald Trump wären die Folgen einer militärischen Niederlage der Ukraine in Pokrowsk ungewiss. Mehrere Initiativen Trumps, den Krieg zu beenden, liefen bisher ins Leere. (afp/il)
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