Die Wähler in Brasilien werden sich während der Präsidentschaftswahl im Oktober wohl die wichtige Frage stellen, wer das Land voranbringen kann. Am 13. August 2010 inspizierte der brasilianische Präsident Luiz Ignacio Lula da Silva ein Wasserkraftwerk in Rondonia, Brasilien.Foto: Ricardo Stuckert/AFP/Getty Images

Wer führt Brasilien zur wirtschaftlichen Blüte?

Von 29. September 2010 Aktualisiert: 29. September 2010 9:18
Wie für die meisten Entwicklungsländer stellt sich auch für Brasilien die wichtige Frage, wann das größte Wirtschaftswachstum erreicht werden kann. Für Brasilien gibt es einen einfachen höchst relevanten Vergleich: nämlich den zwischen der Zeit vor 1980 und der Zeit vor dem Neoliberalismus.

Von 1960 bis 1980 wuchs das Einkommen pro Kopf, das die Ökonomen als grundlegendsten Maßstab für den wirtschaftlichen Fortschritt in Brasilien ansehen, um etwa 123 Prozent. Von 1980 bis 2000 wuchs es um weniger als vier Prozent, aber seit 2000 um rund 24 Prozent.

Man sollte die Bedeutung dieses Paradigmenwechsels für die Wirtschaft nicht überbewerten. Denn es kommt natürlich nicht allein auf das Wirtschaftswachstum an. In einem Entwicklungsland ist es jedoch eine wichtige Voraussetzung für den sozialen Fortschritt, von dem die meisten Menschen gerne profitieren möchten.

Wenn Brasiliens Wirtschaft weiterhin so schnell wie vor 1980 gewachsen wäre, hätte es heute schon europäischen Lebensstandard zu bieten. Dann würden dort statt rund 50 Millionen nur sehr wenige arme Menschen leben. Fast jeder möchte heute einen weit höheren Lebens- und Bildungsstandard sowie eine bessere Gesundheitsversorgung genießen.

Wäre dies möglich gewesen? Absolut. Südkorea, das 1960 so arm wie Ghana war, wuchs bis 1980 so rasant wie Brasilien. Aber anders als in Brasilien brach dieses Wachstum nach 1980 nicht ein. Heute hat Südkorea das Pro-Kopf-Einkommen eines europäischen Landes.

Die Umsetzung der Politik der letzten 30 Jahre führte in Brasilien zu erheblich höheren Realzinsen, strengerer (und manchmal prozyklischer) Fiskalpolitik sowie weitgehenden Privatisierungen.

Die Inflationssteuerung durch die Zentralbank verlangsamte das Wachstum und führte zur regelmäßigen Überbewertung der Währung. Sie schadete ebenso dem Wachstum und der Entwicklung des Industrie- und Produktionssektors, denn Brasiliens Importe wurden zu billig und seine Exporte zu teuer.

Die Regierung verfolgte weitgehend nicht mehr die frühere Industriepolitik und Entwicklungsstrategie, die dem Land ein erfolgreiches Wachstum beschert hatten.

Brasilien wird als ein „BRIC“-Land (BRIC steht für Brasilien, Russland, Indien und China) bezeichnet, aber es unterscheidet sich von Russland, Indien und China. Von 1998 bis 2008 wuchs die russische Wirtschaft um 94 Prozent, die chinesische um 155 Prozent, die indische um 99 Prozent und die brasilianische um 39 Prozent.

Während Lulas Präsidentschaft gab es einige bedeutende Fortschritte. Das kumulierte BIP-Wachstum pro Kopf lag bei 23 Prozent gegenüber nur 3,5 Prozent während der Cardoso-Ära (1995-2002).

Bei Lulas Amtsantritt lag die gemessene Arbeitslosigkeit noch bei über elf Prozent und sank bis heute deutlich auf nur noch 6,9 Prozent. Nach Angaben der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika sank die Armutsquote von 2003 bis 2008 von 38,7 auf 25,8 Prozent.

Für die Wähler der Präsidentschaftswahl im Oktober, die sich um die wirtschaftliche Zukunft Brasiliens Sorgen machen, stellt sich unter anderem die große Frage, wer das Land voranbringen und die notwendigen politischen Maßnahmen ergreifen wird, damit Brasilien sein wirtschaftliches Wachstumspotenzial ausschöpft.

Wer wird sich den mächtigen privaten Interessen und den meisten großen Medien entgegenstellen, die sich solchen Veränderungen widersetzen? Denn vor allem der Finanzsektor begünstigt hohe Zinsen, langsameres Wachstum und eine überbewertete Währung.

Das wird kein leichter Kampf, aber sein Ausgang wird sich erheblich auf den Lebensstandard der großen Mehrheit der Brasilianer auswirken.

Mark Weisbrot ist Co-Direktor des Center for Economic and Policy Research in Washington, DC. Er schrieb zahlreiche Forschungsarbeiten über die Wirtschaftspolitik, vor allem über Lateinamerika und die internationale Wirtschaftspolitik.

Originalartikel auf Englisch: Who Will Allow Brazil to Reach Its Economic Potential?

 

 



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