Logo Epoch Times

Meinung

Annekatrin Mücke

Zerrissenes Land: Wahl zwischen Kommunistin oder Sohn eines Wehrmachtsoffiziers

Chile galt einst als das sicherste Land Lateinamerikas. Dem ist nicht mehr so. Sicherheit ist zum Wahlkampfgespräch Nummer eins geworden, dicht gefolgt vom Thema Immigration. Am Sonntag fanden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Unsere Autorin hat das Land bereist und selbst Kontakt mit Kriminalität gemacht.

top-article-image

2019 prägten heftige Proteste das Land. Steuert Chile nun auf eine extreme Regierung zu?

Foto: Mario Dávila/Agencia Uno/dpa

author-image
Artikel teilen

Lesedauer: 14 Min.

Es ist mehr als 25 Jahre her, als ich zum ersten Mal in Chile war. Ich begleitete damals einen guten Freund, der in Chile lebte. Wir fuhren mit dem Auto rund 3.000 Kilometer von der Atacama-Wüste im Norden bis nach Puerto Montt im Süden.
Auf der Panamericana, die den gesamten amerikanischen Kontinent von Alaska bis nach Feuerland durchläuft und somit auch die wichtigste Verbindung für das mehr als 4.000 Kilometer lange Chile ist. Trotzdem reihte sich auf der einspurigen Straße ein riesiges Schlagloch an das nächste, wir mussten unaufhörlich qualmende Lkw überholen.
Hotels gab es eigentlich nur in Santiago, selbst im idyllischen Valparaiso fanden wir kein Quartier, alles wirkte ziemlich ärmlich, jedenfalls aus der zugegebenermaßen überheblichen, europäischen Sicht.

Chile liegt auf der westlichen Seite Südamerikas.

Foto: Dimitrios Karamitros/Vector Map of Chile with Major Cities – Editable Illustration

„Ein völlig verändertes Land“

Als ich im Oktober erneut nach Chile kam, fand ich ein völlig verändertes Land vor. In Santiago bestaunte ich den höchsten Wolkenkratzer Südamerikas, den 300 Meter hohen Gran Torre Santiago, erbaut von einem deutschstämmigen Geschäftsmann.
In jeder noch so kleinen Stadt fand sich spontan ein annehmbares Hotel, oft waren es wirklich ausgefallene Behausungen – vom Ökohotel ganz aus Holz direkt am Pazifik über kunstvoll dekorierte Villen in Valparaiso bis hin zum mondänen Art-Déco-Palast samt Casino in der zauberhaften kleinen Stadt Santa Cruz.
Die Atacama-Wüste, einer der trockensten Orte unseres Planeten, überraschte uns nicht nur mit einem Blütenmeer – ein Wunder, das die Natur hier nur alle paar Jahre geschehen lässt -, sondern auch mit ausgedehnten Windparks und Solarfeldern.

Blumen bedecken die Atacama-Wüste in der Nähe von Copiapo in Chile. Das Phänomen tritt nur auf, wenn seltene, starke Regenfälle die Blumen zum Blühen bringen.

Foto: Matias Basualdo/AP/dpa

Das Mobilfunknetz ist besser ausgebaut als in Deutschland, und die Panamericana ist nun fast überall eine zweispurige Maut-Autobahn. Die meisten Menschen waren offen und freundlich, ja sogar fürsorglich. Fast täglich wurden wir aufgefordert, auf unsere Sachen achtzugeben, weil überall Kriminelle unterwegs seien.
Diese freundlichen Hinweise benötigten wir allerdings nicht mehr, denn schon am zweiten Tag wurde meinem Mann beim Spaziergang durch Santiago das Handy aus der Hand gerissen. Kriminalität scheint eines der größten Probleme Chiles zu sein.

„Seguridad“ dominiert den Wahlkampf

So jedenfalls wirkte der Wahlkampf für die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen vom Sonntag, den wir allerorten beobachten konnten. Auf Plakaten und Flyern, im Fernsehen und Radio ging es immer wieder um die „Seguridad“, die Sicherheit.
Jede Partei hat dem organisierten Verbrechen den Kampf angesagt. Überall ist schwer bewaffnete Polizei zu sehen, in fast jedem Geschäft, auch in Supermärkten, stehen private Sicherheitsleute mit schusssicheren Westen und Helmen.

In Chile patrouillierten Sicherheitskräfte an der Küste.

Foto: Manuel Lema Olguin/Agencia Uno/dpa

Ein Anblick, der befremdet. Zumal Chile immer als eines der sichersten Länder auf dem Kontinent galt. Es gehörte aufgrund seiner geografischen Lage nie zu den Transitländern für Drogen in Richtung USA, hatte also auch nicht mit kriminellen Kartellen zu kämpfen wie Brasilien, Kolumbien oder Venezuela. Doch das scheint sich nun geändert zu haben.
Irreguläre Migration und damit verbundene Kriminalität sind DAS große Thema in Chile, ganz ähnlich wie in Deutschland und doch völlig anders gelagert. Der Großteil der Zuwanderung erfolgt nicht von anderen Kontinenten, sondern aus lateinamerikanischen Ländern, in erster Linie aus Venezuela, aber auch aus Peru, Bolivien oder Kolumbien, wo die Lebensbedingungen bedeutend schwieriger sind als in Chile.

Eine der berühmtesten Chileninnen: Die Schriftstellerin Isabel Allende.

Foto: Sergio Barrenechea/EFE/dpa

Offizielle Zahlen nennen ca. 1,5 Millionen dokumentierte Migranten, die Dunkelziffer der Illegalen dürfte um ein Vielfaches höher sein. Für uns Europäer war das kaum erkennbar, denn sie alle sprechen Spanisch und waren für uns äußerlich nicht von den Einheimischen zu unterscheiden.
Auch wenn die Chilenen behaupten, dass die angeblich besonders kurvigen Venezolanerinnen den chilenischen Männern den Kopf verdrehen würden. Allein angesichts der deutlich übergewichtigen Mehrheit aller Menschen, denen wir in Chile begegnet sind, eine absurde Behauptung.

Organisierte Kriminalität auf dem Vormarsch

Was dagegen auch für uns offensichtlich war: Die Chilenen fühlen sich nicht mehr sicher. Die Rede ist von Netzwerken der organisierten Kriminalität, die in den vergangenen Jahren aus anderen lateinamerikanischen Ländern nach Chile eingesickert sind, von einem drastischen Anstieg des Rauschgifthandels, von Erpressungen und auch Mord.
Nicht alle Chilenen tragen diese Sicht mit, aber auch der noch amtierende linke Präsident Gabriel Boric verschärfte 2023 die Einwanderungsgesetze, weil die fast ungehinderte Migration ein nicht zu übersehendes Problem für Chile darstellt.

Der chilenische Präsident Gabriel Boric traf sich am 10. Juni 2024 zu Gesprächen im Kanzleramt in Berlin mit dem deutschen Bundeskanzler.

Foto: RALF HIRSCHBERGER/AFP via Getty Images

Der ehemalige Studentenführer, der 2019 den „Estallido social“, den sozialen Aufstand gegen die damalige neoliberale Regierung unter Präsident Sebastián Piñera anführte, wurde zwei Jahre später dann selbst in das höchste Amt des Landes gewählt.
Viele, vor allem junge Menschen, erhofften sich von ihm und seiner Partei ‚Frente Amplio‘ (Breite Front) Reformen in Wirtschaft, Bildung, Sozialwesen. Denn obwohl es Chile spätestens seit Ende der Pinochet-Militärdiktatur 1990 immer besser ging, klaffte weiterhin eine große Schere zwischen Arm und Reich, konnte sich keine wirklich breite Mittelschicht etablieren, blieben zu viele Menschen vom steigenden Wohlstand abgeschnitten.
Doch die Hoffnungen in eine neue, jüngere Generation von Politikern gingen nicht auf. 
Das größte Problem könnte die von Boric angekündigte neue Verfassung gewesen sein, die Pinochets Grundgesetz aus dem Jahr 1980 endlich ablösen sollte.

Referendum in Chile 2023: Die neue Verfassung sollte das Grundgesetz ersetzen, das noch aus der Zeit der Militärdiktatur stammt.

Foto: Matias Basualdo/AP/dpa

So sehr jedoch vor allem die sozial Schwächeren auf einen Kurswechsel gebaut hatten – die starke Betonung von Ökologie, Feminismus und Plurinationalität in dem neuen Entwurf schreckte viele ab. Ein Kulturkampf, der die gemeinsame Protestbewegung aus urbanen, bildungsbürgerlichen Eliten und ärmeren, eher ländlichen Bevölkerungsschichten wieder entzweite, so wie in vielen Teilen der Welt.
Die neue Verfassung wurde abgelehnt. Ebenso der zweite Entwurf von den konservativen Kräften. Damit war die junge Mitte-Links-Regierung mehr oder weniger zu Beginn ihrer Amtszeit bereits gescheitert. Die Folgen: eine stagnierende Wirtschaft und zunehmender Verfall. Dazu kommen schwere Korruptionsvorwürfe gegen Mitglieder der Regierung.

Eine Frau mit einer chilenische Flagge vor Bereitschaftspolizisten auf der Plaza Italia während einer Protestkundgebung gegen Präsident Sebastián Piñera am 27. Dezember 2019 in Santiago, Chile. Die Proteste und sozialen Unruhen begannen im Oktober 2019 nach einer Erhöhung der U-Bahn-Tarife und entwickelten sich zu einer sozialen Bewegung, die Verbesserungen bei den Grundversorgungsleistungen, faire Preise und Sozialleistungen wie Renten, öffentliche Gesundheit und Bildung forderte.

Foto: Marcelo Hernandez/Getty Images

Wohin steuert Chile?

Bei der Wahl am Sonntag waren 15 Millionen Chilenen an die Wahlurnen eingeladen, um die Mitglieder des Nationalkongresses und ein neues Staatsoberhaupt zu bestimmen. Es läuft auf eine Richtungsentscheidung zwischen einer kommunistischen oder einer möglicherweise sehr rechten Regierung hin.
Da chilenische Präsidenten, die gleichzeitig auch Regierungschef sind, nach einer vierjährigen Amtszeit nicht unmittelbar wiedergewählt werden dürfen, trat die ehemalige Arbeitsministerin des Kabinetts Boric, Jeannette Jara von der Kommunistischen Partei, als Kandidatin für das linke Bündnis „Unidad por Chile“ an. Ähnlichkeiten mit der „Unidad popular“ Allendes dürften beabsichtigt sein.
Jara erreicht nach vorläufigem offiziellem Ergebnis, bei dem 99,9 % der Stimmen ausgezählt sind, den ersten Platz mit 26,8 %. Obwohl sie damit Bestplatzierte in der Stichwahl am 14. Dezember ist, werden dem rechten Lager bessere Chancen nachgesagt.
Auch im chilenischen Abgeordnetenhaus und im Senat zeichnet sich eine rechte Mehrheit ab. Das Parteienbündnis „Cambio por Chile“ kommt dort zusammen mit der traditionellen Rechten auf eine Mehrheit.

Luftaufnahme der Solaranlage CEME1 am 8. Juli 2024 in der Nähe der Stadt Maria Elena in der Region Antofagasta, Chile. Es ist die größte Solaranlage des Landes mit 882.720 PV-Paneelen auf einer Fläche von 370 Fußballfeldern.

Foto: Pablo Rojas/AFP via Getty Images

Jara standen drei Kontrahenten des sogenannten rechten Blocks gegenüber. Deren Kandidaten haben nicht nur die politische Verortung gemeinsam, sondern auch die Abstammung von deutschen Einwanderern.
Evelyn Matthei, ehemalige Bürgermeisterin der Hauptstadtgemeinde Providencia, wurde vom Mitte-Rechts-Bündnis „Chile Grande y Unido“ (großes und geeintes Chile) aufgestellt.
Die Tochter eines deutschstämmigen, aber bereits in Chile geborenen Luftwaffengenerals im Dienst der Militärjunta ist eine eingefleischte Antikommunistin und bekannt für ihre Verharmlosung der Verbrechen unter Pinochet. Doch das sehen zum einen viele Chilenen ganz ähnlich. Zum anderen setzt sich Matthei trotz ihrer konservativen Haltung auch für eher liberale Regelungen wie die gesetzliche anerkannte Lebensgemeinschaft gleichgeschlechtlicher Paare ein.

Männer punkten mit markigen Sprüchen

Sie galt als gemäßigt und konnte nur den fünften Platz belegen. 
In der gegenwärtigen Situation, in der Angst und Verunsicherung das fast alles beherrschende Thema im Lande ist, punkteten ihre männlichen Konkurrenten mit markigen Versprechungen.
Da ist zum einen Johannes Kaiser, der zwar Enkel eines 1936 vor den Nazis nach Chile geflohenen Deutschen ist, sich selbst jedoch gern als reaktionär bezeichnet und seine Anhänger mit Slogans begeistert wie:
„Zuerst schießen, dann fragen!“
Der Vorsitzenden der libertären Partei „Partido Nacional Libertario“ kam auf den vierten Platz mit 13,93 Prozent Stimmen.
Auf Platz zwei (23,9 Prozent) hat es der Kandidat der wohl am weitesten rechts stehenden „Partido Republicano“, José Antonio Kast, geschafft.
Der Katholik und Vater von neun Kindern ist Sohn eines nach Ende des 2. Weltkriegs ebenfalls nach Chile geflohenen Wehrmachtsoffiziers. Er präsentiert Ideen wie den Bau einer Mauer oder das Ausheben eines Grabens an der Grenze zu Bolivien, um die Migration wieder unter Kontrolle zu bekommen und Chile sicherer zu machen.

Am 23. Juni 2025 lieferte das neue Vera C. Rubin-Observatorium in Chile die ersten detailreichen Aufnahmen des Universums.

Für einen Überraschungssieg sorgte der Ökonom Franco Parisi, der zum dritten Mal bei einer Präsidentschaftswahl antrat. Er kam mit einem Anti-Establishment-Kurs und seiner Losung „Chile ist weder faschistisch noch kommunistisch“ auf den dritten Platz (19,63 Prozent). 
Parisi könnte jetzt zum Königsmacher werden. Bezüglich der Stichwahl sagte er laut „El País“ den siegreichen Kandidaten:
„Verdient euch die Stimmen (…) die Partido de la Gente [Anm. d. Red.: die von Parisi gegründete Volkspartei] braucht keine Gefälligkeiten.“
Die Chilenen sind hin- und hergerissen zwischen den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte – vom Sozialismus-Experiment Allendes Anfang der 1970er, über die 30 Jahre dauernde Militärdiktatur Pinochets bis hin zum Aufbau demokratischer Strukturen nach 1990. Den einen ist ein weiteres linkes Experiment suspekt, den anderen der erneute Ruf nach autoritären Strukturen.
Hinweis: Dieser Artikel wurde am 17. November mit den Wahlergebnissen aktualisiert.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers oder des Interviewpartners dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.

Annekatrin Mücke schloss ihr Studium der Theater- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin ab. Seit 1995 arbeitet sie als Radio- und Fernsehjournalistin, vorwiegend für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zu ihren Stationen zählen unter anderem die „Tagesthemen“, „KiKA“ und „radioeins“ vom rbb. Seit 2005 schreibt sie außerdem für Printmedien.

Aktuelle Artikel der Autorin

Kommentare

Noch keine Kommentare – schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel.