Albert Speer – ein deutscher Architekt als Städteplaner in China

Von 16. Februar 2009 Aktualisiert: 16. Februar 2009 1:12
„China ist eine uns verschlossene Kultur, eine Kultur, die uns im Westen weit voraus war.“ Ein klares Bekenntnis, das Professor Albert Speer, international geschätzter Architekt und Städteplaner aus Frankfurt, seinem Vortrag in der IHK Frankfurt am vergangenen Freitag voran stellte. „Gedanken zur chinesischen Stadtentwicklung“ war sein Thema. Es schien den mittlerweile 74-Jährigen geradezu zu beflügeln.

Völlig unerwartet und faszinierend sein Einstieg über geschichtliche Daten, archäologische Funde als Beleg für die überlegene Entwicklung im alten China. Zum Beispiel seien die Speerspitzen der Soldaten der Tonarmee  von Xi’an von rund 200 Jahren v.Chr. alle genau gleich lang und hätten haargenau die gleiche Legierung, was auf eine Art Arbeit am Band schließen ließe. Sie enthielten auch Chrom in einer Legierung, die erst in Europa im Jahr 1920 erfunden worden sei!

Stadt als Symbol kosmischer Ordnung und Harmonie

Die Gedanken des Architekten aus Europa zur Stadtentwicklung in China gehen immer wieder zurück auf das, was in China selbst zu finden ist. Speer zitiert Konfuzius, der schon von der „Stadt als Symbol kosmischer Ordnung und Harmonie“ gesprochen habe. Der deutsche Architekt stellt das traditionelle chinesische Konzept des Wohnens in Quartieren vor, abgeleitet von einem „Li“ genannten Quadrat von etwa 400 x 400 Metern oder deren Vielfaches. Jedes dieser Quartiere war in früheren Zeiten zum Schutz der Bewohner von einer Mauer mit Toren umgeben, die allnächtlich abgeschlossen wurden. Die ganze Stadt aufgebaut auf dem System solcher Quartiere, ausgerichtet an einer stark betonten Nord-Süd-Achse in Form einer Hauptstraße. Auch hier wieder Speers historische Einflechtungen, diesmal über den Kaiser, der als Einziger bei Audienzen und großen Zeremonien gen Süden schauen durfte, der Blick der Untertanen musste immer gen Norden und auf den Kaiser gerichtet sein. Auch dies eine Achse.

Die Nord-Süd-Achse durchzieht die Mitte der Stadt. In Beijing beginnt sie im Norden bei der Verbotenen Stadt und zieht sich in gerader Linie bis zum Himmelstempel im Süden. Dem entspricht das Zeichen für „Mitte“ und für „Stadt“ auch bildlich, nämlich ein Rechteck, durch das in der Mitte von oben nach unten eine gerade Achse verläuft. Dieses Zeichen, chinesisch „Zhong“, wurde folgerichtig zum Label der chinesischen Niederlassungen des von Speer 1964 in Frankfurt gegründeten Architektur-Büros. Inzwischen hat Speer zusammen mit seinen Architektenpartnern und den 120 Mitarbeitern Groß-Kunden in 20 chinesischen Städten. Darunter auch in den Millionenstädten Beijing, Shanghai, Changchun und Chongqing.

Zwischendurch ein Sprung von Speer zur Architektur in den 20-er Jahren in Deutschland. Der Fehler sei gewesen, der Blick war nur in die Zukunft gerichtet, es fehlte der Blick zurück und auf alte Werte.

Ganzheitliche Stadtplanung

Speer fasziniert, dass in China auch vor Jahrhunderten schon die top-aktuelle Regel galt: Eine Stadt darf im Verhältnis nur so groß werden, wie die Kraft des Umlandes reicht, um diese Stadt und ihre Einwohner zu ernähren. In ökologischer Hinsicht ein hochmoderner Gedanke, den Speer in den Planungen gerne berücksichtigen, zumindest aber wieder ins städtebauliche Bewusstsein heben möchte. In Anlehnung daran wird in den Planungen von Speer und Partnern immer wieder der Gedanke der „ökologischen Modellstadt“ verfolgt, mit nachhaltiger Nutzung regenerativer Energien. Ganz anders als es in der näheren Umgebung der Riesenstädte bisher geschieht. Speer dazu: „Fahren Sie von Peking oder Shanghai etwa zwei Stunden in die Landschaft, und Sie befinden sich im Mittelalter.“

In China wurde schon lange Zeit vor der kommunistischen Ära das Konzept einer ganzheitlichen Stadtplanung verfolgt, nur wurde es noch nicht so genannt. Auch die Einführung eines einheitlichen Straßensystems durch Qinshi Huangdi, den ersten chinesischen Kaiser, ist seit eh und je Grundlage chinesischer Stadtplanung. Die Ausrichtung in rechten Winkeln hilft bei der Orientierung. Speer zeigt an Beispielen der alten Kaiserstadt Chang’an (dem späteren Xi’an), von Beijing und dem griechischen Milet, ebenso an Plänen aus dem alten Rom, von Barcelona und anderen modernen Städten, dass dieses System sich bis heute bewährt hat. Das Li, also das auf einem Quadrat beruhende, überschaubare Wohnquartier, wird auch in Speers Plänen immer wieder als Modul benutzt, wenn es darum geht, Entwicklungsschwerpunkte außerhalb historischer Stadtkerne zu schaffen.

Stadtbild bitte typisch deutsch

In Shanghai lautet der Auftrag, im Stadtteil Anting eine Automobil-Stadt zu planen. Dort ist neben anderen Automobil-Firmen auch VW seit 20 Jahren ansässig. Die Anforderungen, die seitens der Chinesen an die Planer gestellt werden, lassen manchen Zuhörer schmunzeln: Das Stadtbild soll typisch deutsch oder zumindest europäisch aussehen. Speer nennt es „nicht groß“, immerhin eine komplette Planung für rund 50.000 Einwohner. Die Bauten möglichst nicht so hoch, denn in China heißt es anstelle von sozialem Wohnungsbau: Förderung von Eigentum!

Ein anderes Projekt wird demnächst zum Abschluss kommen. Schon am nächsten Tag sollte der agile ältere Herr in die Millionenstadt Changchun in Chinas kalten Norden fliegen, um zusammen mit dem Bürgermeister einen Planungsberatungsvertrag zu unterschreiben. Schnell noch erwähnt er, dass im nördlich gelegenen Changchun zur Zeit mit Temperaturen zwischen minus 15 bis minus 25 Grad zu rechnen ist. Deswegen seien Baustellen in dieser extrem kalten Region von Ende Oktober bis zum April eingestellt.

Ja, und wie steht es nun um die Durchführung der vorgestellten Pläne, die ja auch ein finanzielles Bonbon für die Planungsfirmen darstellt? Man sei schon erstaunt, wenn man nach vielleicht zwei Jahren sieht, dass etwa 20 Prozent der eigenen Planung umgesetzt sind, von wem auch immer. Trotzdem bleibt Speer gelassen: „Wer es dann durchgeführt hat, ist doch egal, Hauptsache, es ist schön geworden.“ Wichtig ist ihm aber eine Ergänzung in der chinesischen Verfassung, die Präsident Hu Jintao angeblich persönlich im Volkskongress betrieben hat, nämlich die „Gleichwertigkeit von Umwelt und Entwicklung“. Noch steht das nur auf dem Papier. Sollte es Hu Jintao wirklich wichtig sein, so werde er schon für Umsetzung sorgen.

Speers Prognose: Die Kooperationen zwischen Deutschland und China seien noch lange nicht am Ende, generell seien die Deutschen zu langsam und dadurch ginge auch mancher Auftrag verloren. Es sei wieder einmal gefragt, in diesem riesigen Land die richtigen Leute an die richtige Stelle zu setzen, auch das wurde schon von Konfuzius erkannt, weiß Speer.

Chinesen denken in Bildern, Europäer denken in Prozessen

Am Schluss bleibt noch die Frage, warum in China, diesem Land voller guter Traditionen und intelligenter Lösungen aus alter Zeit, heute europäisches Know How gefragt ist? Speer hat die Antwort parat: Chinesen denken in Bildern, Europäer denken in Prozessen, und das macht die Sache einfacher. Auch sei es für Chinesen eine Prestigefrage, es geht um Weltniveau, um Erreichung des europäischen Umweltstandards im Fünfjahresplan bis 2010. Und ein ganz bedauerlicher Umstand komme hinzu, das Bewusstsein für die Qualität des Alten und die Kenntnisse alter Systeme und Traditionen sei in China durch die 60 Jahre Herrschaft der Kommunistischen Partei verloren gegangen. So also findet die Wiederbelebung alten chinesischen Kulturgutes nicht von innen, sondern von außen statt.

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