Die Freiheitsstatue vor dem Asia-Imbiss in Meißen schaut nicht besonders glücklich drein.Foto: Epoch Times

Alles hat seine Zeit

Von 16. Juni 2021 Aktualisiert: 21. Juni 2021 17:39
Eine katastrophengeprobte Touristenstadt in Sachsen macht sich bereit für die Urlaubssaison 2021. Werden die ach so nötigen Besucher kommen? Eine Momentaufnahme aus Meißen.

„Ich liebe die Freiheit“, sagt der vietnamesische Imbissbesitzer mit Blick auf die Freiheitsstatue und lacht. Er sitzt inmitten blühender Blumenkästen, von Rosen bis Geranien alles dabei. Auch farblich fehlt es an nichts. Orange, gelb-rot, rosa, pink, lila und weiß – stehend oder hängend, die Blumenschalen sind prall gefüllt und vermitteln einen klitzekleinen Hauch vom Paradies.

Noch nie war der Biergarten des Mekong-Asia-Restaurants in Meißen so bunt und so einladend. In einem Käfig singen drei (Paradies)-Vögel, zwischen den Blumentöpfen steht eine weiße Frauenskulptur, die aus der griechischen Antike stammen könnte. Sie trägt einen länglichen Blumenkorb auf dem Arm und schaut anmutig zur Seite. Ein paar Tische weiter steht eine Nachahmung der New Yorker Freiheitsstatue. Sie ist mannshoch und so platziert, dass der Inhaber sie jederzeit durch das Fenster seiner Imbissstube sehen kann. Eine Traumwelt, die er sich hier erschaffen hat.

Es ist kurz vor elf am Vormittag. Die Kleinstadt ist gerade zum Leben erwacht. Während der Vietnamese verschmitzt hinter Kaffee und deutschem Käsekuchen lächelt, tut er so, als wäre alles wie immer. Und doch ist in diesem Sommer etwas anders – die Freiheitsstatue, die an ihrem Platz ein bisschen provokativ wirkt, hatte er vorher nicht.

Nur drei Minuten zu Fuß entfernt befindet sich Meißens Stadtzentrum mit dem Marktplatz. Die Fläche wirkt im Sommer kleiner, da der Außenbestuhlung der umliegenden Restaurants inzwischen sehr viel Platz eingeräumt wird. Auch hier ist man bemüht, das Erscheinungsbild so einladend wie möglich zu gestalten. Es ist Touristensaison.

Vor der Corona-Pandemie war in der mittelalterlich anmutenden Stadt Anfang Juni längst Hochsaison. Auch wenn inzwischen viele Reisebeschränkungen aufgehoben sind, trifft man heute nur vereinzelt auf Urlauber, meistens in kleinen Grüppchen. Die Außenbestuhlung der Restaurants ist kurz vor dem Mittag noch gähnend leer. „Der Tourismus läuft nur sehr langsam wieder an“, sagt der Kellner eines der Restaurants auf dem Markt.

Erst seit dem 28. Mai dürfen Restaurants in Meißen wieder offiziell öffnen. In den Monaten des Lockdowns haben sich weite Teile der Gastronomie mit Abholservice und Lieferservice über Wasser gehalten. Die Mehrheit der Belegschaft wurde in Kurzarbeit geschickt. Nachdem die Testpflicht nun weitestgehend aufgehoben wurde, hoffen viele, dass die Geschäfte wieder laufen wie vor dem Lockdown. Die Leute seien genervt von den Maßnahmen, es sei ja auch anstrengend, wenn man sich immer erst ein Testergebnis holen müsse, meint der Kellner, während er die Stühle zurechtrückt. „Das bringt doch sowieso alles nichts“, ruft seine Kollegin, die gerade die Sonnenschirme aufstellt.

Beim Blick auf die üppige Bestuhlung lässt sich kaum erahnen, dass die Gaststätten in diesem Sommer vor einem Problem stehen, das sich durch die Corona-Krise noch verschärft hat. Es fehlt an Mitarbeitern. Wie Hr. Dienel von der Wirtschaftsförderung Region Meißen erzählt, wurde das Gaststättenpersonal während des Lockdowns von anderen Wirtschaftszweigen aktiv abgeworben. Oft nahm man das Angebot nur allzu gern an, um dem Schicht- und Wochenenddienst zu entkommen. Auch Ausbildungsplätze können nicht besetzt werden. „Im Moment ist das noch kein zu großes Problem“, sagt Dienel, „wenn aber im Sommer dann alle feiern wollen und die Touristen kommen auch wieder, dann wird’s eng“.

Ähnliches bestätigt der Branchenverband „Dehoga“ für ganz Deutschland. Bis Februar seien 130.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte verloren gegangen, die Zahl der Azubis ist um 25 Prozent eingebrochen. Gleichzeitig habe man unter Dehoga-Mitgliedern im Mai zum Vorjahr einen Umsatzrückgang von 67 Prozent festgestellt, als Folge der Testpflichten und Kontaktbeschränkungen.

Wie auch immer, das Leben in der Kleinstadt nimmt seinen Gang, mit und ohne Personal. Vor dem Rathaus sammelten sich inzwischen schick gekleidete Gäste. Sie erwarten die Ankunft eines Brautpaares. Es wird wieder geheiratet, ohne Masken und ohne Abstand. Küssen erlaubt, auch in der Öffentlichkeit. Das Brautpaar kommt aus Dresden. Die Standesämter in der sächsischen Landeshauptstadt sind überfüllt und es ist nur schwer, einen Termin zu bekommen. Im rund 20 Kilometer entfernten Meißen geht das dann schon auch mal kurzfristiger.

„Meißen ist ja auch schön“, hört man an diesem warmen, sonnigen Tag nicht nur vom Fotografen des Brautpaares, sondern auch von den Touristen. Das Rathaus selbst ist ein Hingucker. Das spätgotische Gebäude wurde im 15. Jahrhundert erbaut und bietet eine nette Fotokulisse, sofern man sich nicht den Burgberg hinaufbemühen möchte, um vor der imposanten Albrechtsburg zu posieren.

Die Meißner Altstadt ist bekannt für ihre wertvolle Gotik- und Renaissance-Architektur. Der Ursprung der Stadt geht aber noch viel weiter zurück. Mit seiner über tausendjährigen Geschichte ist es viel älter als Dresden und wird aus diesem Grund auch die „Wiege Sachsens“ genannt.

„Uns gefällt es sehr gut in Meißen“, sagt eine Frau aus Berlin. Sie gehört mit ihrer Reisegruppe zu den Tagestouristen – ein Umstand, der den Hoteliers in der 28.000-Einwohner-Stadt nicht besonders gut gefällt. Die meisten Urlauber übernachten in Dresden und kommen dann für ein paar Stunden, um die Porzellanmanufaktur und die Burg zu besichtigen. Für die vielen kleinen Cafés und Restaurants fällt da immer genügend mit ab, große Hotels dagegen braucht man in Meißen nicht zu suchen, es würde sich nicht lohnen.

Trotzdem ist Meißen für viele Individual-Reisende etwas Besonderes. Ein junges Paar aus Jena wohnt für ein paar Tage im besten Haus am Platze. Mit dem Fahrrad an der Hand stehen sie vorm Haus und suchen nach Orientierung. Am Vortag waren sie den Elberadweg bis nach Bad Schandau in der Sächsischen Schweiz und zurück gefahren. Heute wollen sie mit dem Rad nach Dresden, um ins Verkehrsmuseum und in die Gläserne Manufaktur zu gehen.

„Für Fahrradtouristen liegt Meißen doch günstig“, sagt die Urlauberin, „direkt am Elberadweg“. Außerdem sei es touristisch nicht so überlaufen wie Dresden, stellen beide fest. Sie freuen sich, dass man endlich wieder normal reisen darf. Allerdings können sie ihre neu gewonnene Freiheit noch nicht so recht begreifen. „Es fühlt sich etwas unwirklich an, das ging plötzlich alles viel zu schnell“, sagt die Frau.

Ob es tatsächlich zu schnell ging, darüber wollen die Gewerbetreibenden in Meißen lieber nicht nachdenken. Der Lockdown hat schon viel zu viel von der wertvollen Zeit im Frühling verschlungen, in der Kulturreisende etwas von ihrem Geld in die Stadt bringen. Nun will man das Beste aus der verbleibenden Zeit machen. Die Stimmung ist verhalten, aber hoffnungsvoll.

Beim Betreten einer kleinen Kleiderboutique wird deutlich, dass man sich auf die Wünsche der Kunden einstellt. Ob Maske oder Test oder geimpft, „mir ist es egal“, sagt die Inhaberin, die selbst ohne Maske hinter ihrem Tresen steht. Wer keine Angst vor Corona hat, fühlt sich da doch gleich willkommen.

Meißen ist eine Stadt von Individualisten, Künstlern und Intellektuellen. Kreativ war man hier schon vor und nach der Wende. Großindustrie hat man sich nach dem Mauerfall bewusst vom Hals gehalten, die Meißner wollten das Besondere ihrer Stadt bewahren. So haben sie mit immer wieder neuen Geschäftsideen die kleinen Läden in der Altstadt belebt. Reibereien und Konflikte gab es genügend, das blieb keinem verborgen. Da war auch der Ärger auf den Oberbürgermeister, von dem sich die Ladenbesitzer vernachlässigt gefühlt hatten. Er schaue nur auf die Belange und Bedürfnisse der weltberühmten Porzellanmanufaktur, hieß es noch vor einigen Jahren.

Jetzt in der Corona-Krise scheint man sich weiter angenähert zu haben, auch an den OB, der wohlwollend das Zepter geführt hat – so zumindest empfand es die nette Verkäuferin vom Kleidergeschäft.

Ähnliches berichtet auch die Verkäuferin eines Schmuckgeschäfts. „Wir haben alles durch die Hintertür gemacht. Schmuck online zu verkaufen, passt für uns gar nicht. Man muss es sich anschauen und anprobieren, anders funktioniert das nicht“, sagt sie mit etwas unsicherem Ton. Der Schmuck sei sehr individuell und für die verschiedensten Geschmäcker ausgelegt, bestätigt sie das Bild, das sich einem im Laden bietet. Von Touristen habe man natürlich nicht profitieren können, aber das könne man in Meißen im Winter sowieso nicht. Für die Einheimischen sei man immer da gewesen, da genügte auch ein kurzer Anruf.

Der kleine Buchladen beklagt sich auch nicht. „Bücherläden durften ja sowieso schon viel früher aufmachen“, erklärt die junge Dame hinter der Kasse. Aber den meisten Umsatz habe man natürlich über Online-Bestellungen gemacht. „Die Leute konnten uns eine E-Mail schreiben und wir haben ihnen die Bücher zugeschickt.“ – Es gibt sie eben noch, die weitsichtigen Käufer und unterstützenden Menschen, die nicht per Mausklick bei Amazon bestellen, sondern beim Buchladen um die Ecke – auch wenn es vielleicht zwei Tage länger dauert.

Hochwasser

Im Krisenmeistern haben die Meißner Erfahrung. Was man nicht zu DDR-Zeiten lernte, das lernte man dann bei zwei verheerenden Hochwassern nach der Jahrtausendwende. Extreme Regenfälle hatten im August 2002 zu einer Hochwasserkatastrophe in Sachsen geführt, von der auch Meißen schwer betroffen war. Meterhoch stand das Wasser im gesamten Altstadtgebiet und verwüstete nahezu jedes Geschäft. Elf Jahre später, im Juni 2013 geschah dasselbe noch einmal.

Doch anders als noch 2002 setzte man inzwischen wieder viel auf Nachbarschaftshilfe und gegenseitige Unterstützung. So hatte man zu DDR-Zeiten zu überleben gelernt und nach der Wende beinahe vergessen. „Ich helfe dir, das Wasser aus deinem Laden zu schaffen, danach machen wir in meinem Laden weiter“, war 2013 die Devise. Nach der Katastrophe waren sich alle ein Stück näher gekommen, die Stadt begann aufzublühen. Und in der Tat, viele Schandflecken sind seitdem aus Meißen verschwunden. Baufällige Ruinen, die noch 20 Jahre nach der Wiedervereinigung mitunter das Stadtbild prägten, haben sich in restaurierte Häuser verwandelt, wobei man den ursprünglichen Baustil bewahrt hat.

Die Stadt mausert sich und auch diesmal scheint man eine Krise vorerst gut überstanden zu haben. Meißen hat längst gelernt, auf Miteinander statt Gegeneinander zu setzen. Ob das für die Zukunft reicht? Ein Reisebüro hat als Folge der Corona-Maßnahmen dichtgemacht. Corona-bedingte Insolvenzen sind der Stadtverwaltung nicht bekannt, auch nicht seit April, als die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht aufgehoben wurde. Das größte Problem, vor dem Industrie und Handwerk jetzt stünden, seien neben dem Fachkräftemangel die gestiegenen Rohstoffpreise, hört man im Büro der Wirtschaftsförderung. So mancher würde jetzt gern investieren, aber ohne Arbeitskräfte und mit Kalkulationsschwierigkeiten aufgrund der unsicheren Rohstoffsituation sei das kaum möglich. Hinzu kämen teure Investitionen in Klimaschutz und Digitalisierung. Alles in allem nicht günstig für den Mittelstand.

Und dann ist da noch die „Perlenfischerin“ am unteren Ende der Burgstraße, die mit ihrem Schmuck zum selber machen untergegangen zu sein scheint, wie das leer stehende Geschäft vermuten lässt. Aber der Schein trügt. „Sie zieht in einen anderen Laden weiter oben in der Straße“, erklärt die Frau vom Kleidergeschäft. Zumindest vorm Hochwasser ist sie dort geschützt.

Während der Corona-Krise gab es auch kritische Stimmen in der Bevölkerung, die in erster Linie den Maßnahmen der Regierung galten. Die öffentlichen Kundgebungen nannte man jedoch nicht Demo, sondern Bürgerdialog. Nun haben sich die Akteure zurückgezogen und überlassen den Touristen das Feld. „Bis zum nächsten Lockdown“, hieß es vonseiten der Veranstalter. Alles hat seine Zeit.



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