Analyse des Bundes der Versicherten: Jede 4. Versicherung gefährdet – 22 Lebensversicherer sind heikel

Von 13. Juli 2020 Aktualisiert: 14. Juli 2020 11:33
Der Bund der Versicherten veröffentlichte seine neue Analyse zu Lebensversicherungen, basierend auf Zahlen von 2019. Bereits vor Corona hat ein "Viertel der 84 untersuchten Unternehmen" ernste Probleme, so BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein. Der Geschäftsführer konstatiert: "Es war noch nie so falsch wie heute, eine Lebensversicherung zur Altersvorsorge abzuschließen."

Die Corona-Pandemie geht mit einem massiven Bruch im Versicherungsmarkt einher, stellt die Risikoexpertin der Schweizer Zurich-Gruppe, Katja Pluto, fest. Seit April 2020 schlage sich Corona in der Schadensregulierung nieder, beispielsweise bei „Kraftfahrtversicherungen, betrieblichen Unfall- und Haftpflichtversicherungen inklusive D&O, Reise- und Eventversicherungen, Betriebsunterbrechungen, Kreditausfall- oder Risikolebensversicherung und Krankenhaustagegeld“.

In einigen Ländern kam die Frage auf, „ob eine solche Pandemie wie die aktuelle überhaupt ohne Weiteres versicherbar ist“.

Edi Schmid, bis 1. September noch Chief Underwriting Officer der Swiss Re, versuchte eine Antwort auf diese Frage. „Anders als bei Naturkatastrophen ist das wegen der fehlenden geografischen Diversifikation nur zu einem gewissen Grad machbar.“

Covid-19 gleiche eher einem Flächenbrand und keinem Einzelereignis wie einer Überschwemmung oder einer Serie von Hurrikans. Neu daran waren die Grenzschließungen fast über Nacht und die Lockdown-Zeiten. Eine große Gefahr steht für ihn allerdings noch im Raum, falls einzelne Staaten nachträglich Pandemierisiken, die bislang ausgeschlossen waren, gesetzlich einschließen.

Schon zuvor 22 Lebensversicherer in Lebensgefahr

Laut der neu veröffentlichen Anlayse der Solvenzberichte zum Jahr 2019 durch den Bund der Versicherten sind 22 Versicherer in Lebensgefahr. Der Analyse des BdV zufolge hat mehr als ein „Viertel der 84 untersuchten Unternehmen“ ernste Probleme, so BdV-Vorstandssprecher Axel Kleinlein.

In der Auswertung (hier die Dokumente zur kommentierten Einzelanalyse und tabellarischen Analyse) fielen fünf Unternehmen mit schlechter Finanzlage auf – sie erwarten ernsthafte Verluste: die DEVK LV, die Frankfurter LV, die Landeslebenshilfe, die PB LG und die Rheinland LV.

Axel Kleinlein: „Sehr ernst ist auch die Situation der Frankfurt Münchener LV. Sie weist eine negative reine Solvenz auf! Das kann man so interpretieren, dass dieses Unternehmen, wenn es keine Übergangsmaßnahmen in Anspruch nehmen könnte, sofort pleite wäre.“

Heute eine Lebensversicherung zur Altersvorsorge abschließen, sei falsch

Eine negative Gewinnerwartung gibt es bei diesen Versicherungen: Nürnberger Beamten LV AG, der R+V LV AG, der Sparkassen-Versicherung Sachsen LV AG, der Süddeutschen LV a.G., der uniVersa LV a.G., der SIGNAL IDUNA LV a. G. und der VPV LV-AG.

Es gibt außerdem Versicherungen, deren Zahlungsfähigkeit (Solvenz) so gering ist, dass nur mit Übergangsmaßnahmen der laufende Betrieb gesichert ist: die Bayerische Beamten LV a.G., Concordia oeco LV a.G., Debeka Leben V.V.a.G., ERGO LV AG, Frankfurt Münchener LV AG (vormals Arag LV AG), die HUK-Coburg-LV AG, neue leben LV AG, Öffentliche LVA Oldenburg PBLVAG und die VRK LV AG (vormals Familienfürsorge LV AG).

Fünf Unternehmen seien sehr stark belastet: DEVK LV a.G., Frankfurter LV AG, Landeslebenshilfe VVaG, PB LV AG sowie die RheinLand LV AG.

Der Geschäftsführer des Bundes der Versicherten konstatiert: „Es war noch nie so falsch wie heute, eine Lebensversicherung zur Altersvorsorge abzuschließen.“

Der BdV fordert, dass ein Umdenken bei den Versicherern erfolgen müsse. Es wäre nun notwendig, das Eigenkapital zu stärken, ohne den Kunden „wieder in die Taschen“ zu greifen. „100 Milliarden aus Kundengeldern sind genug, jetzt sind Unternehmen und Aktionäre selber dran!“

Was erwartet die Zuricher?

Die Risikoexpertin der Schweizer Zurich-Gruppe, Katja Pluto, erwartet eine relativ kurze, aber tiefe Rezession mit dem Tiefpunkt im 2. Quartal 2020. Die Pandemie dominiert für sie das Geschehen und führe zu einer negativen Auslese.

Der Staat versuche zwar, die negativen Einflüsse der Pandemie auf die Finanzmärkte und die Makroökonomie zu verringern. Doch die extreme Staatsverschuldung und die niedrigen Zinsen würden zu einer dauerhaften Last. Und das nicht nur für die Lebensversicherer.

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Hinzu komme, dass die Kunden in den vergangenen Monaten erlebten, wie viel Service möglich war, ohne sich in eine Geschäftsstelle begeben zu müssen. Diese Flexibilität werden sie auch weiterhin erwarten.

Swiss Re: Mindestens 40 Mrd. Dollar Schaden in den USA und Großbritannien

Swiss Re ist neben Munich Re der weltweit führende Rückversicherer. Die Schweizer meldeten im ersten Quartal nach Verstärkung der Reserven wegen Covid-19 um 476 Millionen US-Dollar einen Quartalsverlust von 225 Millionen Dollar (bei einer Eigenkapitalbasis von 28 Mrd. Dollar). Die Schlussrechnung steht allerdings noch aus – die Olympischen Sommerspiele in Tokio sind noch nicht eingerechnet.

Willis Towers Watson wagte die Prognose, dass Covid-19 allein in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien zu einem versicherten Schaden von 40 Mrd. US-Dollar führt. Vor allem bestimmte Zusatzdeckungen für Betriebsunterbruchversicherungen könnten teuer werden. Zum Vergleich: Im Katastrophenjahr 2017 mit mehreren Wirbelstürmen zahlten Erst- und Rückversicherer die Höchstsumme von 150 Mrd. US-Dollar.

Eine klassische Betriebsunterbruchversicherung in der Schweiz springt für den Erwerbsausfall an, wenn ein Brand, Hochwasser oder anderes ein Geschäft zur vorübergehenden Schließung zwingen.