Bauernprotest: „Das Gespräch mit Edeka muss vor allen Augen passieren“

Von 30. November 2021 Aktualisiert: 30. November 2021 16:06
Seit dem 18.11.2021 stehen die Bauern wieder vor dem Edeka-Zentrallager in Wiefelstede, weil der Lebensmitteleinzelhandel (LEZ) den sogenannten „Agrardialog“ aufgekündigt hat. Vor zwei Jahren hatte hier der erste Auftaktprotest der bundesweiten Belagerungen vor den LEZ-Zentrallagern stattgefunden, der diesen Dialog in Gang gesetzt hatte. Rebecca Sommer war für die Epoch Times vor Ort.

Aktuell ist die Lage für Deutschlands Landwirte sehr angespannt. Jeden Monat geben mehr Bauern ihren Betrieb auf. Sie klagen über immer höhere Umwelt-Auflagen und über viel zu niedrige Erzeugerpreise, sodass die meisten nicht mehr rentabel wirtschaften können, sondern sich sogar verschulden.

Jann-Harro Petersen, 43, aus Tating in Schleswig Holstein bewirtschaftet zusammen mit seiner Familie und einem Mitarbeiter einen Milchfutterbaubetrieb. Er ist Vater von vier Kindern und engagiert sich seit zwei Jahren bei Land schafft Verbindung (LSV), um Änderungen in der Politik herbeizuführen. Diesmal wieder vor dem Edeka-Zentrallager in Wiefelstede. Auch Cort Mayer, Landwirt aus dem Landkreis Rotenburg an der Wümme und LSV-Mitglied, war mit dabei. Er betreibt mit seiner Familie Ackerbau und Direktvermarktung und Schweinemast.

Rebecca Sommer: Ihr demonstriert jetzt schon sehr lange. Wie hat es angefangen, kannst Du mal einen Überblick geben?

Jann-Harro Petersen:  Die ersten Demos haben Ende Oktober letzten Jahres stattgefunden. Das zog sich rein bis in den Dezember 2020. Ich glaube, sogar nach Weihnachten gab es auch noch welche. Sie kamen nicht nur über unseren Verein LSV, sondern auch von den sogenannten Basisbauern.

In den ersten Monaten der Gespräche mit dem Lebensmitteleinzelhandel (LEZ) ging es darum, alle Fäden aus den unterschiedlichen Gruppierungen zusammenzuführen und zu vereinheitlichen, um möglichst nicht zu viel zu wollen. Letzten Endes ist es ja gar nicht so kompliziert.

Es geht um unser Grundrecht, dass wir unsere Produktionskosten gedeckt bekommen. Wir haben gesehen, dass mit der Umsetzung der UTP Richtlinie diesen Sommer sehr viel gezögert wird. Stichwort:  Berücksichtigung der Produktionskosten, also kein Verkauf unter Einstandspreis. Das ist in Deutschland erst mal nicht eingeführt worden.

In Spanien gibt es das aber zum Beispiel und in anderen Ländern auch. Wir haben jetzt einen zweijährigen Referenz-Zeitraum, aber wir haben keine zwei oder drei Jahre mehr Zeit. Deswegen ist diese Demo der Versuch, das auf direktem Wege – ich sage mal – ohne die Politik zu lösen. Da sind wir jetzt über die Monate auf einem sehr guten Weg. Wir sind (mit unseren Forderungen) sehr konkret geworden. Wir haben auch dargelegt, wie das laufen kann.

Cort Meyer: Unsere Generation muss den Weg dafür bereiten, dass es in Zukunft in Deutschland noch Landwirtschaft geben kann. Das ist momentan ein sehr enges Rennen. Der Schweinemarkt ist seit langer Zeit am Boden, einerseits durch Corona und andererseits durch die Afrikanische Schweinegrippe.

So ist aus den Demonstrationen im letzten Jahr der sogenannte Agrardialog entstanden. Das waren über lange Zeit gute Gespräche. Im September waren wir so weit, dass sowohl im Milchbereich als auch in meiner Fachgruppe “Schwein” Ergebnisse auf dem Tisch lagen.

In dem Moment sprang der Bauernverband bei und gründete eine ZKHL, eine Zentrale Koordinierungsstelle Handel und Landwirtschaft. Sie haben als Erstes einen Geschäftsführer eingestellt und uns mitgeteilt, dass dies jetzt das legitimierte Gremium sei, wo man über die Ergebnisse befinden würde. Dann hat der Lebensmitteleinzelhandel den Agrardialog verlassen.

Jann-Harro Petersen: Eine Ergänzung noch dazu. Da kommt wieder die UTP-Richtlinie ins Spiel. Es geht um unlautere Handelspraktiken, die der Handel nicht mehr anwenden darf, sonst kann er sanktioniert werden. Genau dafür sollte eine Beschwerdestelle eingerichtet werden, eine sogenannte Ombudsstelle. Die Frage stellte sich, wo wird diese eingerichtet?

Jetzt hätte die ZKHL gerne die Beschwerdestelle in der Hand. Ob das jetzt besonders vernünftig ist oder ob es nicht viel neutraler und sicherer für die Landwirte wäre, sich bei einer staatlichen Behörde zu beschweren, das überlasse ich jedem selbst zu beurteilen.

Rebecca Sommer: Von wem wurde das ZKHL gegründet?

Cord Meyer: Vom Deutschen Bauernverband, Deutschen Raiffeisenverband und dem HDE (Deutscher Handelsverband).  Dagegen ist nichts einzuwenden. Aber man hat dann im Grunde im Gegenzug nicht nur die Ombudsstelle für sich beansprucht, sondern versucht aus unserer Sicht alles, was den Agrardialog auszeichnet, zu kassieren.

Das wird zu einem Riesen-Debattierklub, in dem nur eine einstimmige Entscheidung Credo ist. Da dreht man sich im Kreis und am Ende kommt gar nichts mehr raus.

Im Agrardialog hatten wir sowohl im Milch- als auch im Schweinebereich den Ansatz, Dreiecks Verträge zu machen. D.h. der Lebensmitteleinzelhandel kauft das Schwein und lässt es dann verarbeiten. Dadurch gibt es im Grunde genommen für eine definierte Menge Schwein einen definierten Preis, der dann an einem Kostenindex gemessen wird, der dem Landwirt einen Gewinn und einen Risiko-Zuschlag für eventuelle Verbraucherwünsche sichert.

Das heißt, wenn jemand wünscht, dass das Schwein jeden Tag zwei Minuten hinterm linken Ohr gestreichelt wird, kostet das extra. Das heißt, wenn wir hohe ökologische und ökonomische Standards haben, dann müssen wir vor Produkten aus dem Ausland, die diesen Standards nicht entsprechen, geschützt werden.

Aktuell ist das der Originalton von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner uns gegenüber in Berlin ”das Kriterium für den Ü̈bertritt der EU Außengrenze“ einzig und allein Rückstandslosigkeit von Schadstoffen.

Rebecca Sommer: Kannst Du erklären, was Du damit meinst?

Cort Meyer: Wir haben jeden Tag Rückrufaktionen, das betrifft in der Regel immer Produkte aus dem Ausland, da werden Pflanzenschutzmittel zur Anwendung gebracht, die hier seit 40 Jahren verboten sind. Sie sind konkurrenzlos billig und drängen uns aus dem Markt.

Rebecca Sommer: Könntet Ihr mir noch mal ausführen, was ihr fast geschafft habt?

Jann-Harro Petersen: Wir wollen aus diesem halbjährlichen Unterbietungswettbewerb rauskommen. Wir möchten drei bis fünfjährige Kontrakte haben. Dazu ist es zwingend notwendig, dass wir für Basisprodukte einen Index zugrunde legen, weil die Kosten mit der Inflation durch die Decke gehen. Dünger kostet 300 % mehr als im Vorjahr. Strom kostet bald 300 % mehr.

Wie sollen wir das betrieblich darstellen, wenn wir gleichzeitig aus den Böden und den Tieren nicht mehr herausholen können und wollen?

Cort Meyer: Menge und Preis müssen definiert werden.

Jann-Harro Petersen: … und zwar bevor die Ware bei uns vom Hof geht.

Rebecca Sommer: Heute waren von Euch die Manager bzw. die Chefs von Edeka eingeladen worden. Warum sind sie nicht gekommen?

Cort Meyer: Sie haben über eine Woche lang die Einladung auf dem Tisch gehabt und weder ab- noch zugesagt und sind nicht erschienen. Stattdessen haben sie uns ein Papier übergeben mit dem Angebot, morgen um 10 Uhr in ihrem Geschäftsgebäude zu fünft mit ihnen an einen Tisch zu kommen.

Jann-Harro Petersen: Genau, und das ist auch noch ein wichtiger Punkt. Wir haben bisher immer auf deren Terrain gesprochen. Das Gespräch mit Edeka muss vor allen Augen passieren – vor der Öffentlichkeit und den Bauern vor Ort. Wir sind sogar auf Edeka zugekommen, indem wir direkt vor dem Edeka-Zentrallager stehen. Viel kürzer geht es ja kaum und trotzdem ist niemand hier.

Rebecca Sommer: Vielen Dank für das Gespräch.



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