Behördenversagen nach Berliner LKW-Anschlag: Die abgründige Geschichte des tatverdächtigen Navid B.

Von 16. Januar 2017 Aktualisiert: 17. Januar 2017 12:58
Was, wenn der Pakistaner der Täter gewesen wäre? Terrorismus-Experte Shams Ul-Haq rollt den abgründigen Fall „Navid B.“ auf, der sich kurz nach dem Berliner LKW-Anschlag am 19. Dezember ereignete: Ein junger Flüchtling wurde als erster Tatverdächtiger festgenommen. Sowohl die Polizei als auch Medien „sprachen“ mit ihm ohne passenden Dolmetscher. War es abgekartetes Spiel? Eine Spurensuche.

Wer ist Navid B.?

Navid B. stammt aus dem pakistanischen Grenzgebiet zum Iran. Bis vor zwei Jahren lebte er in einer Stadt namens Lebnan im Distrikt Mand. Von dort flüchtete er gemeinsam mit seinem Cousin Wahid nach Deutschland. Sowohl Navid als auch sein Cousin gehören der regierungskritischen Organisation „BNM“ an, dem „Baloch National Movement“, das in dieser Geschichte noch eine Rolle spielen wird.

Anhänger regierungskritischer Parteien werden in Pakistan üblicherweise ziemlich rigoros verfolgt.

Navid B. ist Analphabet. Er hatte sich in seiner Stadt Lebnan mit verschiedenen Jobs durchs Leben geschlagen: Mal war er Schäfer, mal Fischer. Auch in einem Internet-Café hatte er gearbeitet.

Nachdem Navid B. in Deutschland angekommen war, lebte er in der Berliner Flüchtlingsunterkunft im alten Flughafen Tempelhof, Hangar 6. Dort sah ich ihn bereits vor rund einem Jahr bei meinem Undercover-Recherchen. Ich wollte damals investigativ feststellen, wie groß das Risiko terroristischer Anschläge durch Flüchtlinge ist.

Und Navid B. war mit Sicherheit niemand, von dem irgendeine Gefahr ausging. Vom Sehen nahm ich ihn als harmlosen jungen Mann wahr, der weder lesen noch schreiben konnte.

Wie Navid zum Terrorverdächtigen wurde

Am 19. Dezember raste ein LKW in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz vor der Berliner Gedächtniskirche und tötete zwölf Menschen.

Navid wurde als Unbeteiligter mit dem schrecklichen Attentat in Verbindung gebracht, weil er, kurz nachdem der LKW zum Stillstand gekommen war, in der Nähe eine Straße überquerte. Navid war in dem Moment mit seinem Cousin Wahid unterwegs. Wie so oft waren sie nachmittags in der Gegend bummeln, um sich die Zeit zu vertreiben.

Auf die Aussage eines Zeugen hin wurde Navid von Polizisten verfolgt, die ihn schließlich nahe der Siegessäule schnappten und stundenlang verhörten. Für das Verhör hatten sie allerdings keinen passenden Dolmetscher in Navids Muttersprache Belutschi parat.

Innenminister Thomas de Maizière verkündete noch am gleichen Abend – mit sichtlichem Stolz – dass man „einen pakistanischen Terrorverdächtigen festnehmen konnte“. So wurde der 24-jährige Navid B. innerhalb weniger Stunden zu einer internationalen Berühmtheit.

Schon am nächsten Tag lenkten Behörden und Medien jedoch ein – der Verhaftete sei wohl doch nicht der Terrorfahrer. Es bestehe erheblicher Zweifel.

Am Abend wurde Navid freigelassen und war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Niemand wusste, wo er sich aufhielt. Sein Handy war nicht erreichbar. Seine Familie machte sich tagelang Sorgen um ihn. (Siehe EPOCH TIMES-Bericht: „Pakistaner Naved B. verschwunden“)

Auch ich suchte nach ihm und kontaktierte seinen Cousin Wahid und seine Mitbewohner, um herauszufinden, wo er ist. Tage später erfuhr ich von seinem Vater, dass Navid sich inzwischen in einer anderen Berliner Asylunterkunft befand, die von Polizei und Sicherheitskräften schwer bewacht wurde.

Merkwürdiger Guardian-Bericht

Kurz darauf erschien ein Artikel im britischen „Guardian“, der als persönliches Interview mit Navid deklariert wurde. Dort stand zu lesen, dass Navid von Berliner Polizeikräften misshandelt worden sei, nachdem er als Terrorverdächtiger verhaftet worden war. Ein schwerwiegender Vorwurf.

Ich fragte mich, ob Navid das wirklich so im Interview gesagt hatte, oder ob es Missverständnisse mit der Übersetzung gegeben hatte.

Und dies war nicht die einzige Passage des Guardian-Interviews, die mich stutzig machte. Es enthielt des weiteren sehr genaue Angaben zu den politischen Zielen der BNM, der pakistanischen Partei „Baloch National Movement“, welcher Navid angehört.

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Ich persönlich kann mir nicht vorstellen, dass ein Analphabet so genaue Angaben zu den politischen Zielen der BNM machen kann. Vermutlich wohnte dem Guardian-Gespräch ein Vertreter der Partei bei, der entsprechende Informationen weitergab.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass ich richtig getippt hatte: Auch das Guardian-Gespräch war ohne Belutschi-Übersetzer geführt worden. Es kann also durchaus zu Interpretationsspielräumen gekommen sein, als es darum ging, aus Navid B. Misshandlungsvorwürfe herauszukitzeln. Genau lässt sich dies jedoch nicht mehr feststellen, da nicht mehr rekonstruierbar ist, was Navid tatsächlich erzählte und was der Übersetzer den Reportern sagte.

Mich interessierte die Wahrheit hinter dieser Geschichte und ich nahm als Journalist Kontakt zur BNM auf. Da die BNM-Vertreter mich jedoch für einen Agenten hielten, kam es weder zu Dialog noch Klärung.

Polizei verhört ihn wegen Misshandlungsvorwurf

Nach dem Guardian-Artikel wurde Navid dann noch einmal von der Berliner Polizei vernommen – nämlich zur Frage, wie er solch schwere Vorwürfe gegen die Berliner Polizei erheben konnte.

Auch diesmal war kein Belutschi-Übersetzer anwesend, stattdessen setzte man einen Farsi-Übersetzer ein, wie mir ein Beamter des BKA erzählte. Dummerweise unterscheiden sich auch hier beide Sprachen relativ stark voneinander. Belutschi und Farsi – das ist ungefähr so, als würde sich ein Deutscher mit einem Holländer zu unterhalten versuchen.

Läuft das immer so?

Der Fall wirft eine Frage auf: Navid B. wurde von den Behörden als Terrorverdächtiger eingestuft. Sollte da nicht jedes Wort korrekt übersetzt werden, um möglichst genaue Angaben über Hintermänner oder wichtige Details zu erhalten?

Bei Navid B. gab es weder Hintermänner noch wichtige Details, weil er als Unbeteiligter in die Sache hineingezogen wurde.

Aber was wäre gewesen, wenn den Vernehmungsbeamten tatsächlich ein Terrorist gegenüber gesessen hätte? Hätte man dann auch einen Übersetzer für irgendeine Sprache genommen, die der des Verdächtigen nur grob ähnelt, in der Hoffnung, sich aus den Dolmetscher-Antworten etwas halbwegs Brauchbares zusammenzureimen?

Er wurde mehrfach ausgenutzt

Sehen wir der Tatsache ins Auge: Navid B. wurde seit dem Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz mehrfach ausgenutzt. Erstens von den Behörden und Politikern wie Innenminister de Maizière, die ihn schnurstracks zum Täter ausriefen, obwohl kein fundierter Verdacht bestand. Zweitens von den Medien, die seine Geschichte ausschlachteten und drittens von der pakistanischen Partei BNM, die das plötzliche mediale Interesse an Navid für eigene Zwecke instrumentalisierte.

Hierzu möchte ich anfügen, dass Navid B. von Anfang an ein sehr aktives Mitglied der BNM in Deutschland war und an Demonstrationen der Partei teilnahm. Es gibt in Deutschland drei pakistanische Parteien, welche für Belutschistan und dessen Unabhängigkeit von Pakistan eintreten: Das „Baloch National Movement“ (BNM), das „Free Balochistan Movement“ (FBM), und die „Baloch Republican Party“. Alle diese drei Parteien haben versucht, Navid B. für sich zu gewinnen, nachdem sein Fall bekannt wurde.

Nach dem ganzen Rummel traf ich Navid wieder in einem Berliner Hotel. Bei diesem neuerlichen Treffen wirkte er fix und fertig. Der Stress durch die polizeilichen Vernehmungen haben ihn gezeichnet – und all das passierte ihm nur, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort eine Straße in Berlin überquerte.

Zum Autor

Journalist Shams Ul-Haq, Jahrgang 1975, stammt aus einer sehr armen Familie in Pakistan und kam im Alter von fünfzehn Jahren mit Schleusern nach Deutschland. Der Terrorismusexperte und politische Journalist berichtet u.a. für die TV-Sender N24 und n-tv als Asien-Korrespondent. Bekanntheit erlangte er durch seine Undercover-Recherchen in Erstaufnahmeeinrichtungen und Moscheen. Was er an Orten erlebte, wo die Medienzensur normalerweise absolut ist, beschreibt er im Enthüllungs-Bestseller “Die Brutstätte des Terrors”.

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