Bremen: Politik der leisen Töne – Miri-Clan verordnet sich selbst ein Rebranding

Von 6. Februar 2019 Aktualisiert: 7. Februar 2019 14:22
Die groß angelegten Razzien gegen Clankriminalität in Berlin und im Ruhrgebiet haben den bekannten Miri-Clan in Bremen hellhörig werden lassen. Der Kripo-Chef der Hansestadt nimmt zurzeit eine deutliche Zurückhaltung aufseiten der libanesischen Großfamilien wahr.

Sind die Zeiten, in denen Angehörige des Miri-Clans minutenlang Richter beschimpften und öffentlich Zeugen einschüchterten, endgültig vorbei? Der „Weser-Kurier“ meint jedenfalls, es sei ein spürbarer Wandel im Auftreten von Personen wahrzunehmen, die der libanesischen Großfamilie zuzuordnen sind, der eine enge Verwobenheit mit der Organisierten Kriminalität nachgesagt wird und die neben Bremen auch noch in Essen stark vertreten ist.

Seit einer Migrationswelle im Zusammenhang mit dem libanesischen Bürgerkrieg Anfang der 1980er Jahre ist auch der Miri-Clan, dem in Bremen etwa 30 Familien mit insgesamt an die 2600 Angehörigen zugerechnet werden, in Deutschland vertreten. Seit dieser Zeit hatten sich die Integrationsbemühungen der Miris in überschaubaren Grenzen gehalten. Vielmehr gilt der Clan unter Sicherheitsexperten als ein Paradebeispiel für das Entstehen von Parallelgesellschaften, in denen nicht nur andere soziale Gepflogenheiten gelten als innerhalb der Mehrheitsgesellschaft, sondern auch Ansätze einer parallelen Rechtsentwicklung zu verzeichnen seien.

Mitglieder der Familie sind bereits mehrfach in Bereichen wie Drogenkriminalität, Schutzgelderpressung, Waffenhandel, Prostitution, Menschenhandel und illegalem Medikamentenhandel in Erscheinung getreten. In den letzten Jahren seien auch organisierter Sozialhilfebetrug, Gebrauchtwagenhandel, gewerbsmäßiger Betrug und Geldwäsche, beispielsweise über die Finanzierung von Immobilien, als Standbeine dazugekommen.

In jüngster Zeit ist jedoch die mediale Präsenz des Miri-Clans spürbar geringer geworden, was, wie der Weser-Kurier unter Berufung auf Sicherheitsbehörden erklärt, auch daran liege, dass die aus früheren Zeiten bekannten öffentlichen Machtdemonstrationen seiner Angehörigen deutlich zurückgegangen seien.

Kein „Regierungsbezirk Miri“ mehr

Bremens Kripo-Chef Daniel Heinke rief in diesem Zusammenhang im Gespräch mit dem Weser-Kurier beispielsweise die Situation Mitte der 2000er Jahre in Erinnerung, als die Miris sogar Devotionalien zum Kauf anboten, mit Autos und lauter Musik die Discomeile befuhren oder stilisierte Straßenschilder des „Regierungsbezirks Miri“ anfertigten. Dass dies keinen reinen Gag zu Zwecken der Imagewerbung darstellte, zeigte der Januar 2006, als eine Schießerei mit rivalisierenden Gangs mehrere zum Teil schwer Verletzte hinterließ.

Auch wenn der Clan derzeit augenfällige Zurückhaltung übe, habe sich an den kriminellen Aktivitäten seiner Mitglieder wenig geändert, heißt es aus den Reihen der Sicherheitsbehörden. Allerdings hätten jüngste Großrazzien gegen kriminelle Clanstrukturen in Berlin (August 2018) und im Ruhrgebiet (Oktober 2018 und Januar 2019) die Angehörigen innerhalb der Bremer Strukturen hellhörig gemacht. Immerhin hatte die großangelegte Polizeiaktion im Oktober in Bochum, Essen und Herne dortige Angehörige der Miris im Visier.

Die Folgen waren durchschlagend: Dutzende Festnahmen, Strafanzeigen, beschlagnahmte Immobilien, beschlagnahmte Luxusautos, beschlagnahmtes Barvermögen – allein in Berlin waren bereits im Juli 77 Immobilien eingezogen worden, die mit Geld aus Aktivitäten der Organisierten Kriminalität finanziert worden sein sollen. In Bremen bestätigt die Staatsanwaltschaft, dass es ebenfalls Razzien gegeben habe und Gerichtsverfahren anstünden, der Rahmen habe jedoch nicht an die Aktionen in Berlin oder NRW herangereicht.

Verstärkte Rückwärtspräsenz

Neben dem Damoklesschwert einer möglichen Großrazzia auch in Bremen, das über den Aktivitäten des Clans schwebe, sei es auch die Entschlossenheit der Polizei, die zu der verstärkten Rückwartspräsenz der Miris beigetragen habe.

Es gebe zwar immer noch „spontane Eskalationen und Zusammenrottungen“, erklärt Daniel Heinke, aber im Unterschied zu früher keine „systematische Zurschaustellung von Machtansprüchen“ mehr. Dies liege zum Teil daran, dass die Clanmitglieder „wissen, dass wir sie sehr genau im Fokus haben“, zum Teil aber auch daran, dass sie „aus bestimmten Dingen gelernt haben und sich entsprechend anpassen“.

Der Illusion, dass aus den Miris künftig eine karitative Vereinigung werden würde, will sich der Kripo-Chef nicht hingeben. Bandenkriminalität und Organisiertes Verbrechen gerade im „Kontext ethnisch abgeschotteter Gruppierungen“ sei weiterhin ein „sehr ernsthaftes Problem“. Heinke warnt jedoch auch vor Pauschalisierungen: „[…] ich wehre mich gegen eine Stigmatisierung solcher ethnischen Gruppen, weil natürlich auch von ihnen nur eine Minderheit Straftaten begeht.“

Die große Herausforderung für die Sicherheitskräfte bleibe die dezentrale und wenig hierarchische Organisationsstruktur der Banden. Auch Fluktuation sowie der Zerfall und die Neuformierung von Gruppen seien hoch und situationsangepasst. Straff durchorganisierte Strukturen wie beispielsweise in italienischen Mafiafamilien mit Paten und Führungszirkeln gebe es bei den Clans nicht. Es komme zwar zu informellen Absprachen und manche Einzelpersönlichkeiten könnten mittels ihres Ansehens oder Charismas Bedeutung erlangen, aber eine zentrale Führungsfigur fehle.

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