Symbolbild.Foto: istockphoto/apichon_tee

Der Fall Knabe: „Strafaktion“ für „politische Unangepasstheit“ – Protestbrief und Anklagebrief inhaltlich

Von 3. Oktober 2018 Aktualisiert: 2. Oktober 2018 19:11
Obwohl Direktor Knabe von der Stasi-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen möglicherweise alles in seinen Möglichkeiten stehende getan hatte, um die Situation zu korrigieren, bis hin zur Freistellung seines Stellvertreters, wurde ihm vom Stiftungsrat gekündigt. Vier Frauen aus dem Stiftungsbeirat protestierten dagegen. Doch auch der anonyme Brief der Mitarbeiterinnen hegt schwere Vorwürfe gegen die "Führungsetage" der Gedenkstätte.

Nicht wortlos hinnehmen wollten die Entlassung von Dr. Knabe wegen der Sexismus-Vorwürfe gegen seinen Stellvertreter vier weibliche Mitglieder des Beirats der Gedenkstättenstiftung und forderten die Wiedereinsetzung von Direktor Knabe, berichtet das Online-Magazins „Publicomag“.

Protestbrief gegen Knabes Entlassung

Die Unterzeichnerinnen kritisieren nicht nur das Vorgehen selbst als „entwürdigend und von der Sachlage her keinesfalls gerechtfertigt“, sondern auch, dass Dr. Knabe „ohne Anhörung oder Nennung konkreter Beschuldigungen die ordentliche Kündigung und sofortige Freistellung“ mitgeteilt wurde. Zudem wurde dem Direktor nicht mitgeteilt, was konkret gegen ihn selbst vorliegt. Ebenso wurde der Stiftungs-Beirat nicht im Vorfeld informiert oder Rücksprache gehalten.

Vielmehr erwecken diese Maßnahmen den Anschein einer Strafaktion, die sich eher als Reaktion auf seine politische Unangepasstheit denn als Antwort auf (vorgebliche) Verfehlungen deuten lässt.“

(aus dem Protestbrief auf www.publicomag.com)

Nach Ansicht der Unterzeichnerinnen stelle die anhörungslose Absetzung Knabes einen „eklatanten Verstoß gegen den Rechtsgrundsatz ‚Audiatur et altera pars‘ dar, was den Verdacht einer Vorverurteilung nahe lege.

Außerdem wurde der Ausschluss des Gremiums (Stiftungsbeirat) von der Entscheidungsfindung kritisiert.

Deshalb konnten wir auch nicht den alternativen Lösungsvorschlag einbringen, statt einer Kündigung des Direktors den freigewordenen Stellvertreterposten einfach mit einer Frau zu besetzen.“

(Protestbrief)

Die Unterzeichnerinnen verurteilten das „durch nichts zu rechtfertigende Verhalten der übergeordneten Behörden und des Stiftungsrates“ und forderten eine Revision des Beschlusses.

Die Unterzeichnerinnen des Protestbriefes

In dem offenen Brief der vier Beirats-Mitglieder der Gedenkstätte an Kultursenator Lederer protestierten gegen die Entscheidung des Stiftungsrats:

  • Freya Klier, DDR-Bürgerrechtlerin und Publizistin, ein Jahr Haft wegen Fluchtversuch mit 18 aus der DDR, kirchliche Friedensbewegung der DDR, Filme und Bücher zur kritischen Aufarbeitung der kommunistischen und nationalsozialistischen Diktaturen
  • Heidi Bohley, ehemalige DDR-Oppositionelle („Frauen für den Frieden“) und Begründerin des vom Innenministerium Sachsen-Anhalt und der Stadt Halle geförderten Vereins „Zeit-Geschichte(n)“ (seit 1995), der sich mit den Themen Nationalsozialismus, Stalinismus, Sozialismus und der Situation nach den Diktaturen beschäftigt
  • Edda Schönherz, Bundesverdienstkreuz-Trägerin, ehemals Journalistin und TV-Moderatorin in der DDR, Vize-Landeschefin der Vereinigung der Opfer des Stalinismus Berlin-Brandenburg (VOS) – Sie wurde in den 70er Jahren für drei Jahre im berüchtigten Stasi-Frauenzuchthaus Hoheneck eingekerkert, weil sie sich in Ungarn in der deutschen und der US-Botschaft nach Ausreisemöglichkeiten aus der DDR erkundigt hatte.
  • Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig, Politikwissenschaftlerin der Universität Passau, Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Expertin für Extremismus und Totalitarismus

Der anonyme Brief vom 8. Juni

Offenbar wurde der Brief von sieben Frauen geschrieben, „Mitarbeiterinnen, wissenschaftliche Volontärinnen, Freiwillige im Sozialen Jahr und Praktikantinnen zwischen 2011 und 2018“.

Ermutigt durch die gesteigerte Aufmerksamkeit für die Situation von Frauen, die sich in beruflichen Machtverhältnissen mit sexistischem Verhalten konfrontiert sehen, haben wir uns zu einer Gruppe zusammengefunden.“

Man stelle eine „erschreckende Regelmäßigkeit übergriffiger Verhaltensmuster“ im Austausch der individuellen Erfahrungen mit den Vorgesetzten in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen fest, hieß es weiter.

Konkret wurde vorgeworfen:

  • gering strukturierte Arbeitsorganisation bei eingeforderter maximaler Verfügbarkeit und Arbeitsbelastung mit starkem psychischen Druck durch Zeitverträge
  • persönliche SMS und Einladungen nach Feierabend zu Bier und Wein, auch in die Privatwohnung, etc. …
  • Übertragung von Aufgaben und Verantwortlichkeiten außerhalb des Ausbildungscharakters eines Volontariats mit fehlendem inhaltlichen Austausch und aggressiver, teils sexistischer Zurückweisung von „anderen“ Argumenten, etc. ….
  • „bestrafende“ Ignoranz nach konflikthaften Gesprächen und Abwälzen von Verantwortung für Fehler und Misserfolge
  • sexuelle Belästigungen/sexistisches Verhalten durch „fast intime körperliche Nähe und Berührung wie Streichen über die Arme, enge Umarmungen“ sowie „unsachliches Lob“ zu Äußerlichkeiten wie Figur und Schönheit
  • während der Arbeit Gespräche über „private Aktivitäten wie Puff und Swingerclub“ und „Angebote bis Anweisungen“ zur Begleitung bei Abendveranstaltungen und abendliche Anrufe oder Treffen unter dienstlichem Vorwand
  • junge Frauen gelten als „formbar“ (offene Parole)
  • „struktureller Sexismus aus der Führungsetage als role model für andere männliche Abteilungsleiter, körperliche Nähe und privaten Kontakt zu jungen Mitarbeiterinnen zu suchen, anzügliche Komplimente zu machen.“

Zwei der betroffenen Frauen seien Volontärinnen, gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa, eine davon habe ihren Volontariat 2017 vorzeitig beendet. Die Frauen fragten an Dr. Lederer gerichtet, was er tun könne, um die „beschriebenen Muster (des Ausnutzens) von männlicher Macht gegenüber Frauen einzuschränken und zu verhindern“.

Aus Furcht vor weiteren beruflichen Nachteilen oder derzeitigen Anstellungen wollten die Frauen nicht namentlich in Erscheinung treten, endet der Brief.

=> Zum anonymen Brief auf „publicomag“ (JPG)


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