Dresdens OB Hilbert fordert vor „2 Jahre Pegida“: „Müssen in der Lage sein ein anderes Bild auszusenden“

Epoch Times15. Oktober 2016 Aktualisiert: 16. Oktober 2016 10:16
Die Kundgebung zum zweijährigen Bestehen von „Pegida“ findet morgen in Dresden statt. Das ruft Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FPD) auf den Plan. Als Gegner der umstrittenen Bürgerbewegung veröffentlichte er am 10. Oktober einen offenen Brief, in dem er zu einem Bürgerfest einlädt, um ein Zeichen der Weltoffenheit und Vielfalt zu senden. Man dürfe sich nicht von Pegida "in Geiselhaft nehmen lassen".

Zum zweiten Jahrestag von Pegida mobilisiert die Stadt Dresden zu einem großen Bürgerfest auf dem Neumarkt. „Offiziell deklariert der OB die Anti-Pegida-Demo als Bürgerfest, denn die Stadt darf selbst keine Veranstaltungen anmelden“, beschrieb die „Bildzeitung“ den Vorstoß. Zunächst war geplant, dass Pegida am Montagabend demonstriert und das Bürgerfest parallel stattfinden sollte – doch dies wurde geändert. Schon morgen um 12 Uhr werden Lutz Bachmann und Gastredner vor der Semperoper stehen. EPOCH TIMES wird im Live-Ticker über die Geschehnisse in Dresden berichten.

Die Nachwirkung des 3. Oktober

Speziell der 3. Oktober hat in Dresden Spuren hinterlassen. Am Tag der Deutschen Einheit hatte ein harter Kern von Pegida-Anhängern vor Frauenkirche und Semperoper demonstriert. Politiker und Ehrengäste wurden teilweise massiv beschimpft. Der offene Brief von Hilbert gibt Auskunft, wie Dresdens OB diesen Tag und dessen Nachwirkung erlebte. Man dürfe sich nicht von einer Gruppe wie Pegida in Geiselhaft nehmen lassen – und dürfe sich auch nicht „in Sippenhaft nehmen lassen, für diese Krakeeler, deren Bilder um die Welt gehen. Wir müssen in der Lage sein, ein anderes Bild auszusenden“, forderte der OB seine Bürger auf. Hier der gesamte Brief.

„Liebe Dresdnerinnen und Dresdner,

vielleicht ist es etwas ungewöhnlich, dass ich mich als Oberbürgermeister in einem Brief an Sie wende, aber es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass Sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen und diese Zeilen bis zu Ende lesen. Dafür jetzt schon vielen Dank!

Am späten Nachmittag des 3. Oktober stieg ich gemeinsam mit meinem Sohn in den Zug. Am Abend erreichten wir unser Ziel: Eine dreiwöchige Vater-Kind-Kur. Eigentlich eine tolle Sache, auf die wir uns beide schon seit Wochen freuten. Endlich einmal Zeit für uns. Ich habe mir selbst und meinem Sohn versprochen, die Arbeit bleibt dieses eine Mal zu Hause.

Doch seit ich Dresden verlassen habe, beschäftigen mich auch die Bilder vom Tag der Deutschen Einheit, die Bilder von der aufgesprengten Tür an einer Moschee. Bilder, die nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa für Bestürzung sorgten. Einige hundert Menschen haben die Feierlichkeiten genutzt, um ihren Frust und ihre Wut in unglaublicher Art und Weise abzulassen. Nicht nur an der Frauenkirche und dem Theaterplatz, sondern auch am Rathaus und auf der Straße. Nicht die 450 000 Festbesucherinnen und -besucher standen mehr im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Pöbler und Krakeeler.

Wenige Tage vor dem 3. Oktober stellte mir ein Journalist die Frage: „Wofür sind Sie im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung besonders dankbar?“ Meine Antwort darauf lautete: „Für das Grundgesetz.“ Die Würde des Menschen ist unantastbar, so beginnt der erste Absatz im Artikel 1. Ich bin sehr dankbar, dass in unserem Land die Unantastbarkeit der Menschenwürde als oberster Grundsatz gilt, aus der alle weiteren Grundrechte – das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, auf freie Meinungsäußerung, auf Unverletzlichkeit und das Recht auf politisches Asyl – resultieren.

Meinungsfreiheit musste für vielerlei herhalten in letzter Zeit, gerade in unserer Stadt. Meinungsfreiheit ist unerlässlich für eine demokratische Gesellschaft. Ohne Meinungsfreiheit gibt es keine Demokratie. Sie funktioniert aber auch nicht ohne einen achtsamen und respektvollen Umgang miteinander, ohne die Achtung der Menschenwürde.

Die Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit haben gezeigt, dass viele der Anhänger von PEGIDA den Respekt und die Achtung verloren haben. Und dabei geht es mir in erster Linie nicht nur um die Beleidigungen gegenüber der Bundeskanzlerin, dem Ministerpräsidenten oder mir. Wir tragen Verantwortung und manchmal muss man sich dafür einiges anhören. Das ist Berufsrisiko.

Was ich nicht ertrage, sind die Beschimpfungen und Beleidigungen an Bürgerinnen und Bürger, die anders aussehen, eine andere Hautfarbe haben, einer anderen Religion angehören oder einfach nur eine andere Meinung haben.Ich ertrage nicht, dass eine Frau mit ihren Kindern an der Hand angeschrien wird, weil sie ein Kopftuch trägt.

Ich weiß, dass viele Menschen aus verschiedensten Gründen unzufrieden sind. Und ja, auch in Deutschland, in unserer Stadt gibt es vieles, was zu verbessern wäre, was es zu verändern gilt. Ich werde weiterhin für jeden Bürger gesprächsbereit bleiben, der wirklich reden will. Aber Hetze, Schmähungen, Hass und Rassismus waren und sind keine Gesprächsgrundlage. Unsere Gesellschaft, unsere Stadt ist bunt, ist vielfältig. Es gibt nicht DIE Dresdner, es gibt sie nicht, DIE Sachsen. Vor allem nicht die, denen jeglicher Anstand verloren gegangen zu sein scheint. Momentan aber tragen viele Menschen dazu bei, dass sich weder die Situation beruhigt, noch die Probleme gelöst werden. Den Schaden haben wir alle.

Ich glaube, dass der Zeitpunkt gekommen ist, an dem wir uns die Frage stellen müssen, in welcher Stadt wir leben wollen. Wir dürfen unsere Stadt nicht in Geiselhaft von einer Gruppe wie PEGIDA nehmen lassen, die keinerlei konstruktiven Weg mehr beschreitet. Einer Gruppe, die keine Lösungen anbietet, kein Ziel verfolgt und deren Anführer sich in ihren zweifelhaften medialen Erfolgen feiern. Wir dürfen uns aber auch nicht in Sippenhaft nehmen lassen, für diese Krakeeler, deren Bilder um die Welt gehen. Wir müssen in der Lage sein, ein anderes Bild auszusenden.

Am 17. Oktober wird der Sächsische Bürgerpreis in der Frauenkirche verliehen. Aus diesem Anlass lade ich Sie herzlich ein, ab 17 Uhr gemeinsam mit mir auf den Neumarkt zu kommen. Einem Gebet und Dresdner Chören zu lauschen, über Kultur oder Sport oder viele andere Themen zu diskutieren, anzuschauen wie große und kleine Kunstwerke entstehen und lassen Sie sich überraschen von dem Programm, was viele engagierte Dresdnerinnen und Dresdner innerhalb kürzester Zeit auf die Beine gestellt haben.

Zeigen wir, dass es anders geht. Dass Dresden eine Stadt ist, in der trotz aller Unterschiede, ob nun in der Herkunft, der politischen oder religiösen Überzeugung, der Liebe zu einem Verein achtsam und respektvoll miteinander umgegangen wird. Ich selbst werde an diesem Abend dabei sein und das Versprechen, was ich mir und meinem Sohn gegeben habe, brechen. Das tut mir leid. Aber noch schlimmer wäre es, wenn wir weiterhin zusehen, wie unsere Stadt leidet. Ich hoffe, wir sehen uns an diesem Montagabend!

Danke.

Ihr Dirk Hilbert

PS: Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie diese Einladung auch an Ihre Freunde und Arbeitskollegen weiterleiten.“

Quelle: Sächsische Landeshauptstadt Dresden

(rf)

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