Fast 70 Prozent der Jugendlichen erklären: Man darf in Deutschland „nichts Schlechtes über Ausländer sagen“

Von 16. Oktober 2019 Aktualisiert: 17. Oktober 2019 15:42
Die Jugendlichen des Landes blicken weniger optimistisch in die Zukunft als früher, sie sorgen sich um die freie Rede. So sind 68 Prozent von ihnen der Meinung, man dürfe in Deutschland „nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“.

Die am Dienstag (16.10.) veröffentlichte 18. Shell-Jugendstudie ergab, dass trotz teilweise steigender Polarisierung noch nicht von einer unüberwindbaren Spaltung im Land ausgegangen werden könne.

Grundsätzlich ist der seit 2006 ansteigende Zukunftsoptimismus unter Jugendlichen mittlerweile rückläufig. Waren 2015 noch 61 Prozent überwiegende Optimisten, ist der Anteil nun auf 58 Prozent gesunken.

Auch sonst gibt es – obwohl die Zufriedenheit mit den Lebensumständen in Deutschland weiterhin verhältnismäßig hoch ist – einige Alarmsignale: So befürchten 56 Prozent der Jugendlichen, im Osten noch mehr als im Westen, dass die Stimmung im Land polarisierter, feindseliger und unversöhnlicher werde.

Die Sorge um die freie Rede ist auch größer geworden. Obwohl 57 Prozent der befragten Jugendlichen es positiv bewerten, dass Deutschland eine großzügige Flüchtlingspolitik betrieben habe, stimmen noch mehr Befragte – nämlich 68 Prozent der Aussage zu, man dürfe in Deutschland „nichts Schlechtes über Ausländer sagen, ohne gleich als Rassist beschimpft zu werden“.

Dass die Tabuisierung bestimmter Themen nicht primär der Festigung von Macht und der Einschüchterung Andersdenkender, sondern tatsächlich dem Wohl der Einwanderer dienen soll, dagegen spricht der Umstand, dass mehr als 40 Prozent der Jugendlichen mit einem Migrationshintergrund den Eindruck haben, im Alltag häufiger als andere benachteiligt zu werden.

„Vielfalt“ umfasst für Einwandererjugend etwas anderes als bei Deutschen

Sowohl unter Jugendlichen mit als auch jenen ohne Migrationshintergrund wird die „Vielfalt“ als gesellschaftlicher Wert hoch veranschlagt, allerdings unterscheidet sich das Begriffsverständnis unter beiden Gruppen. Während Jugendliche aus den Einwanderermilieus damit vor allem eine stärkere Akzeptanz der kulturellen und religiösen Werte ihrer Herkunftsländer assoziieren, denken sie dabei eher nicht an die „sexuelle Vielfalt“ oder die Akzeptanz von Homosexualität. Unter muslimischen Jugendlichen ist zudem eine deutlich stärkere Distanz zu Juden bemerkbar als unter nichtmuslimischen.

In den meisten Bereichen unterscheiden sich die Wertorientierungen zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund wenig. So betrachten quer durch alle Gruppen Jugendliche „Familie“ und „soziale Beziehungen“ mit Anteilen von 90 Prozent oder mehr als wichtigste Faktoren in ihrem Leben. Diese nehmen sogar einen höheren Stellenwert ein als „Eigenverantwortlichkeit“ (89 Prozent) und Unabhängigkeit (83 Prozent).

Auch der Respekt für Gesetz und Ordnung steht bei allen Jugendlichen vergleichbar hoch im Kurs. Jugendliche ohne Migrationshintergrund identifizieren sich jedoch weniger als solche aus den Einwanderercommunitys mit Leistungs- und Tüchtigkeitsnormen, die für die Betreffenden mit der Hoffnung auf einen hohen Lebensstandard verbunden werden.

Einwandererkinder bleiben mehrheitlich nicht unter sich

Ein noch größerer Unterschied zwischen deutschen Jugendlichen und Einwanderern lässt sich jedoch wie auch schon 2015 im Glauben an Gott und in der gelebten Glaubenspraxis feststellen. So bezeichnen drei von vier muslimischen Jugendlichen den Glauben als wichtig, 60 Prozent beten mindestens einmal pro Woche.

Demgegenüber sinkt der Anteil derjenigen, denen der Glaube an Gott wichtig ist, bei jungen Katholiken auf 39 Prozent und bei den Angehörigen der Evangelischen Kirche, die eher durch politische Statements zum „Klimaschutz“ oder zur „Seenotrettung“ als durch theologische Aussagen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, auf gerade mal 25 Prozent. Mindestens einmal pro Woche beten nur 18 Prozent der katholischen Jugendlichen und 13 Prozent der evangelischen. Allerdings erklären auch 69 Prozent aller Jugendlichen – unabhängig von ihrer Konfession –, sie fänden es gut, dass es die Kirchen gäbe.

Was die Tendenz zur Abschottung in Parallelgesellschaften anbelangt, wird diese unter Jugendlichen zumindest nach den Ergebnissen der Shell-Studie überbewertet.

Während nur 21 Prozent der befragten Jugendlichen mit Migrationshintergrund angeben, ihr Freundeskreis bestehe überwiegend aus Migranten, und 51 Prozent von einem ausgewogenen Verhältnis zwischen deutschen und nichtdeutschen Freunden sprechen, sind es bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund 79 Prozent, die überwiegend nur deutsche Freunde hätten. Nur 18 Prozent geben an, einen gemischten Freundeskreis zu haben.

Für die Studie, die seit 1953 regelmäßig im Auftrag des Mineralölkonzerns Shell durchgeführt wird, wurden insgesamt 2572 Jugendlichen im Alter von 12 bis 25 Jahren in den ersten drei Monaten dieses Jahres befragt – und damit noch vor dem Medienhype um Greta Thunberg und „Fridays for Future“. Dazu kamen 20 sogenannte qualitative Interviews mit Jugendlichen verschiedener Altersgruppen, die der Vertiefung der Ergebnisse dienten.


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