Frankfurter Buchmesse – Die verklärte Welt

Von 29. Oktober 2009 Aktualisiert: 29. Oktober 2009 17:14

Da stehe ich nun mit meinem bedruckten T-Shirt am Stand von Verlagen aus der „Volksrepublik“ China und bemerke die süßsauer-neugierigen Blicke der „Offiziellen“, denen mein Text sicher missfällt. „Unvergessen die Morde vor 20 Jahren auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 durch die KP Chinas“.

Wie war das damals? Nach politischer DDR-Haft wurde ich im Juni 1984 von der deutschen Bundesregierung unter Helmut Kohl freigekauft und erlebte fünf Jahre später voller Schmerz, Wut und Trauer am Fernseher die brutale Ermordung von Menschen in Peking.

Meine Angst nach diesen furchtbaren Bildern um Verwandte und Freunde in der „DDR“-Diktatur  wuchs, als mutige Menschen dort mit den Demonstrationen begannen. Würde die kommunistische SED genauso verbrecherisch handeln, wie ihre Genossen in Peking, denen sie ihre Solidarität versichert hatten?

Es kam nicht zu einem Blutbad. Was für ein wunderbares Gefühl, als die Demonstranten das verhasste Regime stürzen konnten. In der Freude bleib die Trauer bis zum heutigen Tag um die mutigen Menschen, die sich der kommunistischen Willkür in Peking widersetzten und ermordet wurden.

Es blieb auch das Unverständnis über deutsche Politiker, die wie Helmut Kohl sich vor der Fahne der „Volksbefreiungsarmee“ verneigten und mit einem Besuch in Tibet die Besetzung dieses Landes rechtfertigten. Es blieb der Ärger über Gerhard Schröder, der mit dem Blick auf Wirtschaftsvorteile alle Diskussionen über Menschenrechte mit seiner „Basta“-Politik beiseite schob. Und es blieb die Solidarität mit den Menschen, die immer wieder ihre Stimme erhoben, um Menschenrechtsverletzungen an den Völkern Chinas und Tibets öffentlich anzuprangern.

Auch bei uns in Deutschland gab und gibt es Unterstützung für sie, doch leider viel zu wenig. Die Buchmesse wäre eine Chance gewesen, die weltweite Öffentlichkeit über die wirkliche Situation in China zu informieren.

Den Friedenspreis des deutschen Buchhandels hätte der inhaftierte chinesische Menschenrechtsanwalt Gao Zhisheng verdient. Dies hätte sein Schicksal sicher auch erleichtert.

Vieles ist heute ähnlich wie zur Zeit der deutschen Teilung. Politiker „schlendern vorbei“ an den Problemen der unterdrückten Menschen im kommunistischen Machtbereich und begeben sich lieber zu den Diktatoren, um mit ihnen Geschäfte zu machen.

Richard von Weizsäcker, damals als „Leisetreter aus der Villa Hammerschmidt“ (seinem damaligen Amtssitz) mit Diktator Honecker im trauten Gespräch, versucht sich heute auf der Buchmesse als Vorkämpfer für die deutsche Einheit darzustellen.

Ich stelle mir vor, wie es sein wird, wenn die Pekinger Diktatoren durch das Volk gestürzt sind. Werden die Chinesen uns nicht die Gretchen-Frage stellen? Wie habt ihr es mit unsern Unterdrückern gehalten?

Mir fallen die Episoden aus meiner Haftzeit ein, als ich lese: „Huang Beiling, Zelle 1, Block 8, bittet, die Zelle betreten zu dürfen.“ 1984 kamen westdeutsche Politiker und Bischöfe zu den „DDR“-Feierlichkeiten für Martin Luther. Wir Christen beteten weinend auf den Toiletten, weil kein anderer ruhiger Raum da war und die Staatsgäste feierten mit den Machthabern.

Auch Richard von Weizsäcker hat damals kein Wort zu den politischen Gefangenen gesagt, wie er es auch heute nicht tut. Viele andere Namen wären noch zu nennen, die, ohne Probleme zu bekommen, sich zur Einhaltung von Menschenrechten äußern könnten.

In der NS-Diktatur wirkte der Architekt Albert Speer, er ließ wegen der Neubauplanungen von Berlin tausende Menschen, darunter viele Juden, zwangsweise aus den Häusern treiben. Sein Sohn, Albert Speer junior, verurteilte dies zu Recht. Doch dann erhielt er als Architekt den Auftrag, in Shanghai das Stadtzentrum zu planen. Auch da wurden Tausende von Menschen zwangsweise aus den Häusern getrieben und Speer nahm den Auftrag an.

Dieses Beispiel zeigt, wie unsensibel, sogar verantwortungslos, auch Deutsche heute mit der Pekinger Regierung kooperieren. Während deutsche Autobauer zur Zeit der Apartheid in Südafrika viel Geld mit billigen Arbeitern verdienten, tun sie es heute in der kommunistischen Diktatur Chinas. Damals gab es öffentliche Kritik, heute wird geschwiegen.

Diese Doppelzüngigkeit von vielen deutschen Politikern und Medien ist unerträglich. Linksextreme Diktatoren werden bis heute anders beurteilt als ihre rechtsextremen „Kollegen“. Unvorstellbar wäre es, dass man Franco mit allen Ehren in Deutschland empfangen hätte, doch bei kommunistischen Parteichefs aus China gab es keine Berührungsängste. Sie werden als Staatsgäste hofiert, Demonstranten rüde aus ihrer Nähe vertrieben.

Was bleibt, oder was ist zu tun? Menschenrechte sind unteilbar. Sie müssen wirklichen Eingang in die Politik finden, selbst wenn das eine oder andere Geschäft dabei nicht zustande kommt. Vor allem müssen Journalisten verantwortungsvoll handeln, sie dürfen Probleme nicht unterdrücken.

Wenn ich mein T-Shirt als Erinnerungsstück mit Text in chinesischen Schriftzeichen auf dem Platz des Himmlischen Friedens offen tragen kann, ohne von Polizisten verhaftet zu werden, dann sind wir endlich auch in China dort, wo die Deutschen seit 1989 sind: FREI.

Über den Autor

Alexander W. Bauersfeld, politischer Häftling in der ehemaligen „DDR“, sagt von sich selbst: „Ich trug den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“, beteiligte mich an kirchlichen Aktionen, hatte West-Kontakte und verweigerte den Reservistenwehrdienst bei der Nationalen Volksarmee (NVA). Freigekauft durch die Bundesregierung 1984 zur Übersiedlung in den Westen.

Erschienen in The Epoch Times Deutschland Nr. 41/09



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion