Gemeinschaftsschule und Kultuselite – Wasser predigen und Wein trinken

Epoch Times14. März 2016 Aktualisiert: 7. Juli 2016 15:13
Während sich die grün-rote Landesregierung in Baden-Württemberg für die Einführung der Gemeinschaftsschule als soziales Bildungsexperiment starkmacht, schickt die Elite ihre Kinder dann doch lieber ganz konservativ auf eine Privatschule oder in herkömmliche Gymnasien. Die Kinder von Kultusminister Andreas Storch (SPD) beispielsweise sind scheinbar auf einer privaten Waldorfschule besser aufgehoben als auf einer Gemeinschaftsschule.

Das Konzept verspricht die Überbrückung gesellschaftlicher Grenzen und Chancengleichheit durch Integration und Einbeziehung aller Schüler, so das verlockende Angebot des Modells Gemeinschaftsschule, ein Angebot, welches die Akzeptanz für den Umbau des Schulsystems erhöhen sollte.

Wie die "Wirtschaftswoche" in einem Interview mit dem Pädagogen Matthias Burchardt von der Uni Köln schreibt, sei aber das Gegenteil der Fall. Gerade für benachteiligte Schüler würde sich die Neue Lernkultur am wenigsten lohnen. Zwar seien nun alle unter einem Dach versammelt, doch die soziale Selektion werde nun im Verborgenen fortgesetzt, so das Blatt. Der zum Thema befragte Pädagoge ist auch Geschäftsführer der Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.

Überforderung der Kinder

Burchardt sieht einen Flurschaden durch die Blitzreform in Baden-Württemberg, der dringend behoben werden müsse, damit nicht "eine ganze Generation von Kindern als Versuchskaninchen die Folgen der Reform ausbaden müsse". Der Pädagoge würde zwar die Gemeinschaftsschulen beibehalten und weiterentwickeln, aber die Neue Lernkultur, die Kompetenzorientierung und ebenso G8 landesweit abschaffen.

Das Problem sei, dass "wesentliche pädagogische Funktionen und Verantwortungsbereiche des Lehrers" auf die Schüler übertragen würden, die neben dem Lernen nun auch das eigene Lernen organisieren müssten. Dies würde aber zu einer Überforderung der Kinder führen.

Ideal für Autodidakten

Matthias Burchardt sieht den Idealtyp der Neuen Lernkultur im Autodidakten und vergleicht das mit einer Art "Kaspar-Hauser-Pädagogik".

Doch auch für die Lehrer sieht der Pädagoge keine Entlastung. Diese müssten mit "Lernpaketen" herumwerkeln, Material für verschiedene Niveaustufen vorbereiten und kämen mit Korrekturen und Leistungsbewertungen kaum hinterher. Es habe ihn erschreckt, so Burchardt, dass bei den Bewertungen hauptsächlich auf das Erreichen des Pensums geschaut wurde, statt inhaltliche Fehler zu korrigieren.

Chancengleicheit nur Theorie

Mehr den je entscheide das ökonomische und kulturelle Kapital des Elternhauses über den Erfolg. Das selbst organisierte Lernen sei gerade für diejenigen Schüler schwer, die nicht aus einem entsprechenden Elternhaus kämen. Wie die WIWO schlussfolgert, führe selbständiges Lernen nicht zwangsläufig zum Erlernen der Selbstständigkeit.

Und Burchardt wörtlich: "Eine radikale schulische Inklusion führt bei einigen Kindern möglicherweise dazu, dass sie als Erwachsene weniger selbstbestimmt leben, als wenn an einer Förderschule unterstützt worden wären. Es ist ein typisches Kennzeichen von Ideologien, die Wirklichkeit zugunsten von Verheißungen auszublenden, als ob schon das hehre Ziel davon entlasten würde, nach geeigneten Mitteln zu seiner Verwirklichung zu suchen."

Das Bildungsexperiment für die anderen

Auf die Frage des Reporters hin, dass viele Politiker, die soziale Bildungsexperimente im großen Stil planen dabei "erwischt" wurden, dass sie ihre Kinder ganz konservativ in Privatschulen oder herkömmlichen Gymnasien angemeldet hatten, sagte der Uni-Pädagoge:

"Ja, ein wunderbarer Prüfstein, ob die Prediger an die eigene Lehre glauben. Die Kinder des Stuttgarter Kultusministers Andreas Stoch gehen auf eine private Waldorf-Schule. Meistens redet man sich dann damit heraus, dass die Frau es so wollte. Sicher sollte man fair bleiben, möglicherweise wurde diese Entscheidung getroffen, lange bevor das Amt gerufen hat. Aber ein Geschmäckle hat das Ganze schon, wenn man selbst Wein trinkt und Wasser predigt."

Damit meine er aber nicht, dass die Ministerkinder nun auf die Gemeinschaftsschule gehen sollten, sondern dass die Politik besser das öffentliche Schulwesen stärken solle, damit es mit den Privatschulen mithalten könne.

Gymnasium nicht von innen Aushöhlen

Der baden-württembergische Kultusminister Andreas Storch, dessen Kinder wie oben beschrieben davon nicht betroffen sind, wolle immerhin das Gymnasium und die entsprechende Lehrausbildung im Ländle erhalten. Allerdings muss man hierbei aufpassen, dass das Gymnasium dabei nicht zu einem Etikettenschwindel wird.

Wie die WIWO berichtet, gab es einen Arbeitskreis Gymnasium 2020, der "in einem internen Papier eine Aushöhlung des Gymnasiums vorbereitet hat". Der Autor des Artikels ist der Meinung, dass man auch hier über die "Ideologisierung des Lernens und vermeintliche ‚Harmonisierungen‘ in Richtung Gemeinschaftsschule bewährte Konzepte" abwickeln wolle.

Für den Pädagogen der Uni Köln könnte es beim Fortsetzen der derzeitigen rot-grünen Koalition zu weiteren verdeckten Angriffen auf das Gymnasium kommen. (sm)

Werbevideo des Kultusministeriums Baden-Württemberg zur Gemeinschaftsschule

Kultusminister Andreas Storch (SPD) freute sich schon Anfang Februar 2015 über 62 neue Gemeinschaftsschulen für das Schuljahr 2015/2016. Für die Kinder des Ministers uninteressant, sie gehen auf eine private Waldorfschule. Oppositionsführer Guido Wolf (CDU) bemerkte allerdings, dass bisher noch kein einziges Gymnasium einen Umwandlungsantrag gestellt habe. Die CDU unterstütze "Gymnasium Pur" statt "Gymnasium Light", so der CDU-Fraktionsvorsitzende.

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