Der Angeklagte, ein mutmaßlicher früherer KZ-Wachmann (l), und sein Anwalt Stefan Waterkamp warten im Gerichtssaal im Januar auf den Beginn der Verhandlung.
Der Angeklagte, ein mutmaßlicher früherer KZ-Wachmann (l), und sein Anwalt Stefan Waterkamp warten im Gerichtssaal im Januar auf den Beginn der Verhandlung.Foto: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa

Haft für 101-Jährigen wegen Beihilfe zum Mord im KZ

Epoch Times28. Juni 2022 Aktualisiert: 28. Juni 2022 13:33
Neun Monate musste sich der mutmaßlicher KZ-Wachmann vor Gericht verantworten. Der hochbetagte Mann bestritt bis zuletzt, in dem Lager tätig gewesen zu sein. Doch das Urteil fällt eindeutig aus.

Ein ehemaliger Wachmann des KZ Sachsenhausen ist wegen Beihilfe zum Mord an Tausenden Häftlingen zu fünf Jahren Haft verurteilt worden.

„Sie haben drei Jahre lang täglich dabei zugesehen, wie deportierte Menschen dort grausam gequält und ermordet wurden“, sagte der Vorsitzende Richter des Landgerichts Neuruppin am Dienstag in seiner Urteilsbegründung. „In Beurteilungen wurde festgestellt, dass sie ein zuverlässiger Wachmann – und damit ein willfähriger Helfer der Täter waren.“

Der 101-jährige Angeklagte hatte in dem Prozess dagegen bis zuletzt bestritten, in dem KZ nördlich von Berlin Wachmann gewesen zu sein, und stattdessen angegeben, er sei als Landarbeiter tätig gewesen. Das sei aber nicht die Wahrheit, betonte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann. „Das Gericht ist zur Überzeugung gelangt, dass Sie entgegen Ihren gegenteiligen Beteuerungen rund drei Jahre lang in dem Konzentrationslager als Wachmann tätig waren.“ Daran könne angesichts der Fülle der Indizien kein Zweifel bestehen. Lechtermann verwies auf die zahlreichen im Prozess behandelten Dokumente mit dem Namen, Geburtsort und Geburtstag des Mannes und andere Hinweise.

Terror mitgetragen

Damit habe der Angeklagte den Terror und die Mordmaschinerie der Nationalsozialisten mitgetragen. „Sie haben mit Ihrer Tätigkeit diese Massenvernichtung bereitwillig unterstützt.“ Der Spruch auf dem Lagertor „Arbeit macht frei“ sei eine zynische Umkehr der Wahrheit durch die SS gewesen, sagte der Vorsitzende Richter. „Arbeit machte dort tot“, erklärte Lechtermann. „So war es von der SS auch beabsichtigt.“

Laut Urteil war der 101-Jährige von 1942 bis 1945 als SS-Wachmann in dem KZ tätig und hatte Beihilfe zum Mord an mehr als 3.500 Häftlingen geleistet. Das Gericht folgte mit seinem Urteil der Staatsanwaltschaft, die fünf Jahre Gefängnisstrafe gefordert hatte. Auch der Nebenklage-Vertreter Thomas Walther hatte auf eine mehrjährige Haftstrafe plädiert, die ein Maß von fünf Jahren nicht unterschreiten solle. Zwei weitere Nebenklage-Vertreter forderten einen Schuldspruch, ohne ein konkretes Strafmaß zu nennen.

Die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert. Verteidiger Stefan Waterkamp kündigte daher direkt nach dem Urteil Revision zum Bundesgerichtshof (BGH) an. Der BGH habe in seiner bisherigen Rechtsprechung die bloße Tätigkeit in einer Wachmannschaft eines KZ als nicht ausreichend für eine Verurteilung wegen Beihilfe zu den NS-Verbrechen gesehen, sagte Waterkamp zur Begründung. Das Urteil ist damit noch nicht rechtskräftig.

Feststellung der Schuld entscheidend

Der Nebenklage-Vertreter Thomas Walther, der in dem Prozess mehrere Überlebende und Angehörige von NS-Opfern vertrat, zeigte sich nach dem Urteil zufrieden. Entscheidend sei die Feststellung der Schuld durch das Gericht und dass die „unfassbare Grausamkeit“ in diesem KZ zur Sprache gekommen sei. „Sachsenhausen ist geschehen, und Sachsenhausen kann an jedem Ort der Welt immer wieder geschehen“, sagte Walther. „Dagegen etwas zu tun und dem Gedanken zu folgen „Wehret den Anfängen“ – das ist eine Aufgabe, die uns alle trifft.“

In dem Konzentrationslager, das im Sommer 1936 von Häftlingen aus den Emslandlagern errichtet worden war, waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert – unter ihnen politische Gegner des NS-Regimes sowie Angehörige der von den Nationalsozialisten verfolgten Gruppen wie Juden und Sinti und Roma. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer systematischer Vernichtungsaktionen der SS.

Der Prozess wurde aus organisatorischen Gründen in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel, dem Wohnort des 101-Jährigen geführt. Der hochbetagte Mann war nur eingeschränkt verhandlungsfähig und konnte täglich nur etwa zweieinhalb Stunden an dem Prozess teilnehmen. (dpa/mf)



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