Historiker warnt AfD: Hände weg von Gustav Stresemann!

Von 28. März 2018 Aktualisiert: 28. März 2018 16:28
Der ehemalige Akademische Direktor am Historischen Seminar der Universität Landau, Hans-Jürgen Wünschel, ist der Meinung, dass es für die AfD keine gute Idee sei, ihre Stiftung nach dem ehemaligen Politiker Gustav Stresemann zu benennen. Warum, das erklärt er im folgenden Beitrag.

Es ist nicht zu fassen, dass die AfD-Stiftung nach Gustav Stresemann benannt werden soll. Gut, dass die Entscheidung noch nicht gefallen ist. Offenbar gibt es rechtliche und politische Bedenken, die die Nachfahren Stresemanns angemeldet haben.

Spiegel online schrieb schon am 12.1.2018: „Die politischen Auffassungen der rechtspopulistischen AfD stehen in diametralem Widerspruch zu dem politischen Wirken der historischen Figur Gustav Stresemann.“  Unabhängig von diesen Äußerungen gäbe es gerade für die AfD sehr massive politische Gründe, sich von Stresemann zu distanzieren, denn ihre politischen Ideen stehen sehr wohl in diametralem Widerspruch zu den politischen Auffassungen des schillernden Vorbildes, und zwar in einem anderen, aber historisch wahrhaftigeren Sinn als die Erben das meinen.

Vielleicht fehlen aber den AfD Mitgliedern Geschichtskenntnisse. Diese wären in der einschlägigen Literatur leicht und schnell nachzuholen. (E. Kolb, Gustav Stresemann, München 2003; K. Koszyk, Gustav Stresemann. Der kaisertreue Demokrat. Eine Biographie, Köln 1989)

Wer ist dieser so umworbene und verteidigte Politiker?

Geboren wurde er am 10.05.1878 in Berlin, wo er auch am 03.10.1929 starb. Er wuchs in bescheidenen, aber stabilen Verhältnissen auf und erhielt von seinen Eltern eine protestantisch-nationalistische Erziehung. Sein Vater verdiente das Geld für die Familie mit einer „Budike“, Kneipe, und einer Flaschenbierabfüllanlage.  Als einziges von acht Kindern besuchte Gustav das Gymnasium. Von 1897 bis 1901 studierte er Nationalökonomie in Berlin, das er mit der Promotion zum Thema Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts beendete. (Nebenbei: Theodor Heuss, ein anderer Liberaler der dt. Geschichte des 20. Jahrhunderts wurde mit einer Dissertation zum Thema Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn am Neckar, 1905 promoviert.)

Anschließend arbeitete er als Rechtsberater des „Verbandes deutscher Schokolade-Fabrikanten“ in Dresden. Politisch war er mit dem Nationalsozialen Verein und in der die Kaiserzeit dominierenden Nationalliberalen Partei und dem Alldeutschen Verband verbunden. Von 1907 bis 1912; 1914 bis 1918 saß Stresemann als Abgeordneter der Nationalliberalen Partei im Deutschen Reichstags.

Er galt als strammer Imperialist und strenger Monarchist, was während der Zeit des Ersten Weltkrieges deutlich wurde, in der er einer der schärfsten Befürworter einer expansionistischen Kriegspolitik des Deutschen Reichs wurde, die nach dem Sieg der Deutschen mit Annexionen im Osten, Westen und in den Kolonien Deutschlands Macht vergrößern wollten. Calais sollte das gegen Großbritannien gerichtete „deutsche Gibraltar“ werden. Selbstverständlich lehnte er 1917 die Friedensresolution des deutschen Reichstags ab. Solange Kaiser Wilhelm an der Macht war (bis 9.11. bzw. 25.11.1918), galt er als politischer Parteigänger der Obersten Heeresleitung.

Den Völkermord an den Armeniern durch das islamische Osmanische Reich in den Jahren 1915 und 1916 fand seine Zustimmung (Vivian J. Rheinheimer (Hg.): Herbert M. Gutmann. Bankier in Berlin, Bauherr in Potsdam, Leipzig 2007, S. 61-77.)

Sind die bisher geschilderten Ansichten Stresemanns wirklich Vorbilder für die AfD?

Nach dem Ersten Weltkrieg spaltete sich die Nationalliberale Partei in die Deutsche Volkspartei (DVP) mit Stresemann an der Spitze, während Linksliberale (Theodor Heuss) die Deutsche Demokratische Partei (DDP) gründeten. Nationalliberale Monarchisten versammelten sich in der Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP). Für alle drei Parteien gilt, dass sie ihre zu Beginn der Weimarer Republik beachtliche Wählerzahl nach 1930 an die Partei des Nationalen Sozialismus mit ihrem Führer Adolf Hitler verlor (1919 33,3%; 1933 11,8%). Die kaiserlichen national gesinnten Protestanten des Kaiserreiches und Vernunftrepublikaner der Weimarer Republik sahen nämlich in Hitler den politischen Führer, ihren Heilsbringer, der die angebliche Schmach des Versailler Vertrages beseitigen und den von Luther verordneten Antisemitismus am besten durchführen würde.

Will die AfD in Zusammenhang mit Stresemann und antidemokratischen und nationalistischen Wählern in Verbindung gebracht werden? Hat sie nicht genug zu tun, „rechte“ nationalistische Gesinnungen aus ihren Reihen zu verbannen?

Stresemann blieb bis zu seinem Tod nationaler Monarchist, trat wie er später selbst sagte, nur aus Vernunftgründen für die Republik ein. Dies wurde auch darin sichtbar, dass seine Familie Stresemann vor 1918 ihre sommerlichen Sandburgen beim Strandurlaub mit den Farben der liberalen 1848er-Revolution schmückte – Schwarz-Rot-Gold, in der republikanischen Weimarer Republik aber mit den Zeichen der vergangenen Monarchie schmückte – Schwarz-Weiß-Rot. (A.Wright, Gustav Stresemann. Weimar’s Greatest Statesman, 2002, S. 126–127.)

Will sich die AfD auch das Etikett anhängen lassen, sich nur aus „Vernunftgründen“ zum Grundgesetz und zur deutschen Nation zu bekennen?

Am 13.08.1923 wurde Gustav Stresemann zum Reichskanzler einer Großen Koalition aus DVP, SPD, Zentrum und DDP nominiert, die aber wie die andere spätere GroKo 1930 an der Unfähigkeit der SPD, politisch zu gestalten, am 23. November 1923 zerbrach. Die SPD-Minister sprachen sich gegen die beabsichtigte Reichsexekution aus, die die Regierung gegen die kommunistischen Attentate und Umsturzversuche in Sachsen und Thüringen (angeleitet auch von Herbert Wehner – KPD-Mitglied – später Fraktionsvorsitzender der SPD im Deutschen Bundestag) verhängen wollte.

Nach dem Scheitern der kurzlebigen Regierung Stresemann führte er bis zu seinem Tod 1929 das Reichsministerium des Auswärtigen. Mit seinem Namen sind verbunden: 1924 Dawes-Plans (Regelung der deutschen Reparationszahlungen); 1925 Locarno-Vertrages (u. a. Garantie der deutschen Westgrenzen). 1926 Eintritt Deutschlands in den Völkerbund. Für seine deutsch-französische Verständigungspolitik erhielt Stresemann gemeinsam mit dem französischen Außenminister A. Briand im Jahre 1926 den Friedensnobelpreis.

In der historischen Forschung ist allerdings umstritten, ob er Deutschland zu einem verlässlichen Partner in einem friedlichen Europa machen oder ihm vor allem eine beherrschende Stellung als Großmacht geben wollte. (A.Wright, Stresemann and Weimar, in: History Today39 (10), Oktober 1989, S. 35).

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Wenn die AfD es mit sich selbst gut meint, dann sollte sie von sich aus auf den Namen des Gutmenschen und mainstream-Apostels Gustav Stresemann für eine parteinahe Stiftung verzichten.

Über den Autor: H.J. Wünschel war von 1982-2012 Akademischer Direktor am Historischen Seminar der Universität Landau und Vis. Professor Akademia Polonijna w Czechochowie, Polen.