Im Grand Hotel Kempinski in Heiligendamm ein Jahr nach dem G8-Gipfel

Von 27. Dezember 2008 Aktualisiert: 27. Dezember 2008 22:09
Durch das 33. Gipfeltreffen der Regierungschefs der G8 wurde das Grand Hotel Kempinski in Heiligendamm im Jahr 2007 weltweit bekannt. Besuch in der Nobelherberge im ältesten deutschen Seebad ein Jahr nach dem Gipfel.

Nachdem Mitte der 90iger Jahre der Kölner Immobilienkönig Anno August Jagdfeld mit seiner Fundus Finanz-Gruppe fast das ganze historische Ostseebad Heiligendamm von der Treuhand erwarb, um daraus ein geschlossenes Luxusresort für die begüterte Gesellschaft zu machen, gab es schon so manchen Anlass für Verstimmungen.

Mal war es das Aussperren der Anwohner, zum G8-Gipfel im letzen Jahr gar der gesamten Öffentlichkeit, abgesichert mit über 18.000 Polizisten und einem 12 Millionen Euro teuren Zaun. Dann das undurchsichtige Finanzgebaren der Fundus-Gruppe und zuletzt der Abriss denkmalgeschützter Villen im ersten deutschen Ostseebad, 1793 von Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg nahe Bad Doberan gegründet.

Bessere Auslastung — G8 sei Dank

Diese verdrießlichen Zeiten sollen nun vorbei sein: “Wir sind auf Wachstumskurs“ frohlockt der aus Salzburg angereiste Managementdirektor des Grand Hotels Kempinski in Heiligendamm, Boris Brabatsch bei der Hausführung für handverlesene Gäste. Mit derzeit 65 Prozent Auslastung stehe das Hotel weit besser da, als das mecklenburgische Binnenland, wo im Schnitt nur 35 Prozent Hotelbelegung erzielt würden.

Tatsächlich hat das G8-Spektakel der Nobelherberge zu mehr Auslastung verholfen und die in den Medien viel beschriebene Pleite scheint zumindest vorerst abgewendet. Viele Mitarbeiter haben sich aber nach dem G8-Gipfel neue Arbeitsstellen gesucht, sagt Herr Brabatsch.

Fürst sein für einen Tag

Wer bereit ist, 185 bis 1.375 Euro für eine Übernachtung auszugeben, nimmt dann zeitlich begrenzt an einem soziologischen Experiment teil und wird, der Scheckkarte, die alle Türen öffnet sei Dank, fortan als 5-Sterne Mensch wie ein Fürst behandelt.

Stets ist ein Bediensteter in der Nähe, der einem wortlos den Stuhl heran schiebt oder die Bettdecke aufschlägt. Diese unsichtbaren Geister tragen französische Dienstgrade, deren Bedeutung selbst den meisten Bediensteten nicht geläufig sind.

Im Gegensatz zu anderen Kempinski-Hotels wird in der Küche des Grand Hotel Heiligendamm nicht mit Fertigprodukten gearbeitet. Alles wird frisch zubereitet, kommt vom hoteleigenen Gut Vorder Bollnhagen oder von Betrieben aus der Umgebung.

360 Mitarbeiter, davon 55 Auszubildende aus ganz Deutschland, sind um das Wohl des Gastes bemüht, der als Freizeitbeschäftigung zwischen Golf, Polo und Reiten auf dem hoteleigenen Reitergut wählen kann. Der Bau einer Plastisch-Chirurgischen Klinik ist bereits seit Jahren in Planung. Somit stellen das Hotel und seine Zulieferbetriebe in der strukturschwachen Gegend einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftsfaktor dar.

Mit „Rallye and Racing Emotion“ neue Zielgruppen erschließen

Beim Dinner im Kursaal wird, untermalt von Klavierklängen und Gesang bulgarischer Künstlerinnen, von Managing Director Brabatsch Eventorganisator Manfred Hiemer an unseren Tisch platziert. Herr Hiemer ist von der Erlebnisagentur „Rallye and Racing Emotion“ aus München und auf seiner Visitenkarte steht “Rallye-Co-Pilot.“

Es gelte nun neue Zielgruppen zu erschließen, sagt Herr Brabatsch zu den Journalisten. Herr Hiemer ist auf der Suche nach neuen Teststrecken und soll mit seinem Rallye-Co-Pilot-know-how in Zusammenarbeit mit Nobel-Automarken Erlebnisrallyes organisieren, die als Destination das Grand-Hotel haben, so die neue Geschäftsidee.

„Großzügigkeit heißt unser Kredo“

Vor dem Empfangsgebäude rollen in regelmäßigen Abständen schwere Luxuslimousinen, Sportwagen und Nobel-Geländewagen vor. Ihnen entsteigen aber offenbar keine Herrschaften von der Straße. Ältere Herren mit jungen Frauen oder Frauen, die jung aussehen, auch Kinder im Anzug kann der aufmerksame Beobachter hier antreffen. Für letztere steht eine Nanny bereit, am Buffet ist eigens eine Ecke für sie reserviert.

„Großzügigkeit ist unser Kredo“ verkündet Brabatsch fröhlich bei der Hausführung durch die Säle der Luxussuiten. Er wirkt bislang kontrolliert, hat einen angenehmen österreichischen Akzent und weiche Gesichtszüge, die sich aber nach der Frage eines Journalisten, warum es denn so vieler Zäune, schwerer Türen und Sicherheitsbeamte bedürfe und wie das mit den Villenabriss sei, da doch Eigentum verpflichte, jäh verhärten. Er hat nun sein Lächeln ausgeknipst und sagt: „Mögen Sie es, wenn ständig Fremde durch ihr Wohnzimmer laufen? „Den Abriss der Villen bedauert er. Dazu sagt er: „Wir werden sie schöner und moderner als vorher neu erbauen, sobald die Finanzierung steht!“

(Thilo Gehrke)(Thilo Gehrke)

Thilo Gehrke (41) ist Journalist für Wirtschafts-, Sozial- und Sicherheitspolitik, Autor und Fotograf in Hamburg und Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er hat die Deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet.

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