Indianer und Scheich untersagt: Kita-Fasching „ohne Stereotypen“ in Hamburger Schickeriaviertel

Von 5. März 2019 Aktualisiert: 5. März 2019 21:32
„Wo sind all die Indianer hin?“ wäre wohl nicht die passende musikalische Untermalung zum diesjährigen Kinderfasching in der Elbkinder-Kita im linksgrünen Hamburger Stadtteil gewesen. Die Eltern wurden im Vorfeld darauf hingewiesen, Verkleidungen zu unterbinden, die „Stereotype“ förderten.

Die diesjährige Faschingsfeier in der Kita Eulenstraße im Hamburger Stadtteil Ottensen könnte auch noch nach Ende der Karnevalssaison für Gesprächsbedarf sorgen. Die Mitteilung der Kita an die Eltern im Vorfeld der Veranstaltung hat in den sozialen Medien für Spekulationen gesorgt.

Einige dachten an einen schlechten Scherz oder daran, dass die als Erste berichtende „Hamburger Morgenpost“ den im Norden eher wenig verbreiteten Brauch des Faschings mit dem 1. April verwechselt haben könnte. Andere wiederum meinten, die Vorgabe sei eine Black Op von Personen, die verhindern wollten, dass die närrischen Gebräuche sich in der Hansestadt ausbreiten und deshalb den Familien diese verleiden wollten.

Linke und Grüne 2015 in Ottensen zusammen knapp an absoluter Mehrheit

Andere wiederum gingen von einem ernstgemeinten Vorhaben aus und sprachen in Anlehnung an das Framing-Manual der ARD von „kontrolliertem Feiern“ mit dem „Wächterrat der Moraliban“. Die Strukturdaten des Stadtteils legen auch nahe, dass es sich bei dem Schreiben nicht um eine Parodie handeln würde, wie man sie von den mittelalterlichen Narren am Hofe kennt.

Einkommen über dem hanseatischen Durchschnitt, Ausländeranteil deutlich darunter, Grüne und Linke bei der Bürgerschaftswahl 2015 zusammen bei 45,6 Prozent, CDU und FDP nicht einmal zusammen bei zehn, die AfD bei 1,8 – das ist das Milieu, in dem „Stereotype“ das darstellen, was ein „Engramm“ für einen Scientologen ist: den Ausdruck eines traumatisch wirkenden Sündenfalls, der durch Auditing offengelegt und entfernt werden muss.

Im Vorfeld der Feier, die am gestrigen Montag (5.3.) stattgefunden hatte, wurden alle Eltern von der Kita-Leitung in einem Schreiben explizit darum gebeten, „gemeinsam mit Ihren Kindern bei der Auswahl des Kostüms darauf zu achten, dass durch selbiges keine Stereotype bedient werden.“

Für den Fall, dass einer nicht wissen könnte, was das sein soll, wurde explizit von Kostümen abgeraten, die „Vorurteile bedienen“, insbesondere im Zusammenhang mit „Geschlecht, Hautfarbe und Kultur“.

Dirndl, Holzschuh und Baskenmütze als Skandalon?

Man achte „im Kitaalltag sehr auf eine kultursensible, diskriminierungsfreie und vorurteilsbewusste Erziehung“, heißt es in dem Schreiben. Das Faschingsfest solle dabei keine Ausnahme sein. Dass ein Indianer-Kostüm in diesem Sinne haram sei, habe man realisiert, als ein „Fachartikel von Kids aktuell“ darüber aufklärte, dass dieser Begriff „im Zuge der Kolonialisierung Nord- und Südamerikas der damaligen Bevölkerung aufgezwungen“ worden sei und somit „in Zusammenhang mit der brutalen Vernichtung großer Teile dieser Personengruppe“ stehe.

Die Vielzahl unterschiedlicher Bräuche, Sprachen und Trachten unter den so benannten Gruppen und Stämmen auf Federschmuck und Gesichtsbemalung zu reduzieren, wäre schlicht „respektlos“, ähnlich als würde ein amerikanischer Ureinwohnerstamm sich für ein eigenes Kostümfest ein „Europäer“-Kostüm mit „Dirndl, Holzschuhen und Baskenmütze“ ausdenken. Die Frage, wie hoch die Wahrscheinlichkeit wäre, dass daran irgendjemand dies- oder jenseits des Großen Teichs tatsächlich Anstoß nehmen könnte, blieb vorsorglich unerörtert.

Auch Scheich-Kostüme waren untersagt – und natürlich Mädchen als Prinzessinnen oder Jungs als Piraten verkleidet. Mädchen als Piratinnen und Jungs als Mehrjungmänner wären hingegen ausdrücklich erwünscht, weil nicht „geschlechtsstereotyp“.

Wann geht es dem Elefanten an den Kragen?

Wem es dazu an der Festigung im Klassenstandpunkt mangelte, der durfte immerhin noch Fabelwesen oder Tiere als „diskriminierungssensible Alternative“ wählen. Zumindest dürfte das gelten, bis „Kids aktuell“ auch das beanstandet – immerhin könnte die Verkleidung als Elefant mit Stoßzähnen als den Elfenbeinhandel verharmlosend aufgefasst werden oder es spricht sich herum, dass der Hund und die Katze nicht vegan sind und einen hohen CO2-Ausstoß hervorrufen.

Selbst Mopo-Redakteurin Wiebke Bromberg war der politkorrekte Eifer erkennbar unheimlich. In einem Kurzkommentar weist sie darauf hin, dass es bei der Verkleidung anlässlich des Faschings im Denken und Empfinden von Kita-Kindern nicht um „Diskriminierung, Vorurteile und Klischees“ gehe – zumal die meisten wohl nicht einmal wissen dürften, was das sein soll. Es gehe vielmehr um Bewunderung, Fantasie und Rollenspiele. „Ist es sinnvoll“, fragt Bromberg, „diesen kindlichen Spieltrieb in diesem Ausmaß mit dem Regelwerk von ‚politisch korrekten Erziehern‘ einzuschränken?“

Gehe es tatsächlich darum, nachzudenken, welche Botschaften auch bei Fasching an Kinder weitergegeben werden, liefert Bromberg einen eigenen Vorschlag – der da lautet: „Lasst die Kinder Spaß haben!“

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