Merkel fordert in Wittenberg Toleranz – Philosoph sieht in Luther keine Vorbildfigur

Epoch Times1. November 2017 Aktualisiert: 1. November 2017 17:37
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich gestern anlässlich des Reformationsjubiläums für Religionsfreiheit und Meinungsvielfalt ausgesprochen. Nach Ansicht des Philosophen Frieder Otto Wolf ist Luther dabei allerdings keine Vorbildfigur.

Anlässlich des Reformationsjubiläums hat es gestern in der Wittenberger Schlosskirche einen zentralen Festgottesdienst gegeben. Im Beisein von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde bei der Zeremonie an den Thesenanschlag des Theologen Martin Luther am 31. Oktober 1517 erinnert. Merkel war an der Kirche von Hunderten Schaulustigen mit Jubel, aber auch einzelnen „Hau ab!“-Rufen empfangen worden.

Auch Claudia Roth (Grünen) und Horst Seehofer (CSU) sollen von einer kleinen Gruppe Menschen ausgebuht worden sein, berichtet Tag24.

Beim Festgottesdienst übergaben der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, gemeinsam ein Kreuz an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Sie werteten dies als „Versprechen der Christen“, für Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit einzutreten, sagte Marx.

Deutschland braucht eine neue innere Freiheit

Deutschland sei „so gesegnet wie nie zuvor“, sagte zudem Bedford-Strohm. Es sei aber auch ein Land, „in dem sich manche moralisch überfordert fühlen“ und „Angst haben, ihre gewohnte Welt zu verlieren, ihre Sicherheit zu verlieren“, fügte er mit Blick auf die aktuelle politische Lage hinzu.

Die reformatorische Botschaft werde daher dringend gebraucht. „Was dieses Land braucht, ist eine neue innere Freiheit, eine Kraft, die die Angst überwindet und die Liebe stärkt“, sagte der EKD-Ratsvorsitzende.

Bundeskanzlerin Angela Merkel waren an diesem Tag vor allem zwei Themen wichtig – die Religionsfreiheit und Meinungsvielfalt. Mit Blick auf die zahlreichen innereuropäischen Konflikte, die der Thesenanschlag des Theologen Martin Luther am 31. Oktober 1517 mit sich brachte, sagte sie: „Wer die Vielfalt bejaht, muss Toleranz üben – das ist die historische Erfahrung unseres Kontinents. Mühevoll wurde gelernt, dass die Grundlage für ein friedliches Zusammenleben in Europa die Toleranz ist.“ Selbst wenn Glaubensüberzeugungen den eigenen Ansichten widersprächen, gelte es anzuerkennen, dass sie „für andere von zentraler Bedeutung sind“.

„Ein identitäres Gebräu“

Der Theologe Martin Luther (1483-1546) soll der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel der Kirche an die Tür der Schlosskirche angeschlagen haben. Das Datum gilt als Beginn weltweiter Veränderungen in Kirche und Gesellschaft und als Beginn der evangelischen Kirche.

Kritiker sprechen bei von Luthers ausgelöster Reformationsbewegung von einer Spaltung der Kirche. Seine Haltung zum Judentum sorgt bis heute für heftige Diskussionen in Kirche und Gesellschaft. Nach Ansicht des Philosophen Frieder Otto Wolf sei er keine Vorbildfigur. Der Reformator habe sich zu Lebzeiten von den Bauern abgegrenzt und einen starken Hass auf Juden und Muslime verspürt. „Das ist ein identitäres Gebräu, das in vielen Bereichen auch damals schon reaktionär gewesen ist“, sagte der Präsident des Humanistischen Verbands Deutschlands der Deutschen Presse-Agentur. Luther sei für ihn daher kein „Pionier der Moderne“.

Der diesjährige Reformationstag stand ganz im Zeichen des 500. Reformationsjubiläums und war ausnahmsweise ein deutschlandweiter Feiertag. Er bildete den Abschluss der einjährigen Jubiläumsfeierlichkeiten.

(dpa/mcd)

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