Merkel in Harvard: „Wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt“

Epoch Times31. Mai 2019 Aktualisiert: 1. Juni 2019 9:15
In einer Rede an der US-Eliteuniversität Harvard hat sich die Kanzlerin scharf vom Kurs von US-Präsident Donald Trump absetzt. "Global statt national" und fest entschlossen gegen den "Menschen gemachten" Klimawandel.

„Global statt national, weltoffen statt isolationistisch“: In einer Rede an der US-Eliteuniversität Harvard hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) scharf vom Kurs von US-Präsident Donald Trump absetzt.

In ihrer Ansprache warb sie am Donnerstag nachdrücklich für eine multilaterale Zusammenarbeit der Staaten bei der Bekämpfung globaler Probleme wie dem „Klimawandel, dem Hunger und Flüchtlingskrisen“.

Veränderungen zum Guten sind möglich, wenn wir sie gemeinsam angehen. In Alleingängen wird das nicht gelingen“, sagte die Kanzlerin.

An der links geprägten Harvard University in Cambridge, einem Vorort von Boston, wurde sie als Gegenfigur zu Trump zelebriert. So wurde Merkel mit einem Ehrendoktortitel in Jura ausgezeichnet – eine Würdigung, welche die Universität unter anderem mit Merkels Flüchtlingspolitik und ihrem Einsatz für die internationale Kooperation begründete.

„Das alles können wir schaffen“

Als Hauptrednerin der Abschlussfeier mit tausenden Hochschulabsolventen, Angehörigen, Professoren und anderen Teilnehmern sagte Merkel: „Mehr denn je müssen wir multilateral statt unilateral denken und handeln.“ Sie bezeichnete es als durch internationale Kooperation lösbare Aufgaben, die „Klimaerwärmung zu stoppen, den Hunger zu besiegen, Krankheiten auszurotten und die Ursachen von Flucht und Vertreibung einzudämmen“.

„Das alles können wir schaffen“, sagte sie – eine offenkundige Anspielung auf ihren berühmten Ausspruch „Wir schaffen das“ während der Flüchtlingskrise von 2015. Die Harvard University bewertete in einem Kommentar auf ihrer Website diesen einstigen Merkel-Ausspruch als Ausdruck der „scharfsinnigen Entschlossenheit und des Pragmatismus“ der Kanzlerin.

Von Trump grenzte sich die Kanzlerin in ihrer rund halbstündigen Ansprache auf diversen Politikfeldern scharf ab, ohne ihn jemals beim Namen zu nennen. So kritisierte sie unmissverständlich die US-Strafzölle:

Protektionismus und Handelskonflikte gefährden den freien Welthandel und damit die Grundlagen unseres Wohlstands.“

Auch betonte Merkel, dass der Klimawandel „von Menschen verursacht“ sei. Deshalb müsse auch „alles Menschenmögliche“ getan werden, um dieses Problem zu bewältigen.

„Dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen“

Merkel räumte ein, dass Deutschland beim Klimaschutz bislang selbst Defizite habe. „Selbstkritisch“ müsse sie sagen, dass auch die Bundesregierung bei diesem Thema „besser werden“ müsse. Sie bekräftigte das Ziel, dass Deutschland bis zum Jahr 2050 die „Klimaneutralität“ erreichen, also das Erdklima nicht mehr belasten solle.

Merkel kommentierte Trumps Politikstil: „bei allem Entscheidungsdruck nicht immer unseren ersten Impulsen folgen“, sondern sich die Zeit zum „innehalten, schweigen, nachdenken, Pause machen nehmen“. Stehende Ovationen für die Kanzlerin gab es, als sie Faktentreue forderte – „dass wir Lügen nicht Wahrheiten nennen und Wahrheiten nicht Lügen“.

Dann schilderte Merkel ihre Erfahrungen als einstige DDR-Bürgerin. Durch den Mauerfall habe sie gelernt: „Was festgefügt und unveränderlich scheint, das kann sich ändern.“ Die Kanzlerin betonte: „Mauern können einstürzen, Diktaturen können verschwinden.“ Sie rief auch dazu auf, „Mauern in den Köpfen aus Ignoranz und Engstirnigkeit“ einzureißen.

„Wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt“

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Streckenweise hatten Merkels Worte sogar schon den Charakter einer Abschiedsrede. So sinnierte sie über ihr Leben nach dem Ausscheiden aus dem Regierungsamt:

Wer weiß, was für mich nach dem Leben als Politikerin folgt.“

Dies sei noch „völlig offen“, fügte die Kanzlerin hinzu. „Nur eines ist klar: Es wird wieder etwas Anderes und Neues sein.“

Kurz nach ihrer Rede flog Merkel nach Berlin zurück. Treffen mit der US-Regierung gab es während ihres Kurzbesuchs in den USA nicht. Von der Bundesregierung wurde dies mit Terminschwierigkeiten begründet. Zurück in Berlin traf sie am Freitagmittag aber direkt mit US-Außenminister Mike Pompeo zusammen. Merkel war zuletzt im April 2018 zu Besuch bei Trump. (afp/so)