Ein Klassenzimmer.Foto: INA FASSBENDER/AFP via Getty Images

Nachhilfe boomt: Zwingt Corona die Schulpolitik zu mehr Marktwirtschaft?

Von 5. Juli 2021 Aktualisiert: 5. Juli 2021 19:34
Nicht weniger als 400.000 Euro aus dem sogenannten Aufholprogramm des Bundes sind allein in Mecklenburg-Vorpommern in private Nachhilfe geflossen. Damit soll Schülern ermöglicht werden, in der Corona-Zeit versäumten Stoff aufzuarbeiten.

Die ersten Sommerferien nach der zweiten Corona-Welle stehen vor der Tür oder haben – wie in Mecklenburg-Vorpommern – bereits begonnen. Wie das Fachportal „News for Teachers“ berichtet, verzeichnen private Anbieter von Nachhilfe enormen Ansturm, in Lerngruppen ebenso wie im Einzelunterricht.

Bis zu 30 Stunden Nachhilfe zur Bewältigung von Corona-Ausfällen gefördert

Holger Liß, Chef des Instituts Abacus, das im Nordosten 26 Standorte unterhält, spricht gegenüber „dpa“ von „deutlich mehr Anfragen als im vorigen Jahr“, als ebenfalls ein Lockdown über mehrere Wochen das reguläre Schulwesen lahmlegte. Liß deutet an, dass das Aufholprogramm des Bundes diesbezüglich einen Gamechanger darstellt: „Das hängt sicher auch damit zusammen, dass in diesem Jahr schon Mitte Mai klar war, wie die Landesförderung aussieht. Alle konnten sich darauf einstellen.“

Zu den begehrtesten Fächern, in denen Nachhilfe erbeten wird, gehört Mathematik. Vor allem Grundschüler würden in den Ferien zu Kursen angemeldet. Das Land bezahle pro Schüler jeweils 12,50 Euro zu privater Nachhilfe dazu – für bis zu 30 Unterrichtsstunden. Bei Einzelunterricht gebe es einen Eigenbetrag von 20 Euro pro Stunde, im Gruppenunterricht, wie ihn Institute wie Studienkreis oder Schülerhilfe anbieten, entfallen regelmäßig die Zuzahlungen.

Wie „News for Teachers“ weiter berichtet, hatten im Vorjahr rund 1.400 Schüler an einem geförderten außerschulischen Lernprogramm teilgenommen. In diesem Jahr liegt die Zahl offenbar deutlich höher, auch wenn noch keine exakten Daten vorliegen. Bislang sollen aus Schwerin bereits 400.000 Euro für etwa 31.000 erteilte Nachhilfestunden bezahlt worden sein.

In diesem Jahr soll die Beantragung zugunsten der Nachhilfe-Institute vereinfacht worden sein. Wo andernfalls lange Anfahrtswege drohen, sei auch Online-Unterricht förderfähig.

Parteien ignorieren Chancen eines freien Bildungssystems

In den USA setzen zahlreiche Bundesstaaten statt auf eine Schulpflicht mit Anwesenheit an staatlich kontrollierten Lehreinrichtungen auch im Bildungssystem auf freien Markt. Kommunale Träger, private Anbieter, Charterschulen, Nachbarschaftsinitiativen und privater Einzelunterricht mittels Homeschooling oder Nachhilfelehrern bieten ihre Dienste an – mit Schülern und Eltern als Kunden.

Mittels Mindeststandards und externer Prüfungen wird die Qualität des Unterrichts sichergestellt, um den allgemeinen Zugang zu ermöglichen, können ärmere Familien Bildungsgutscheine beantragen. Mit diesem ausdifferenzierten, flexiblen und auf Wettbewerb setzenden Ansatz hatten die USA sichergestellt, dass die Corona-Pandemie das Bildungssystem nicht überforderte – weil es bereits eine Infrastruktur, qualitativ erprobtes Material und Best-Practice-Erfahrungen aus dem Bereich des Homeschoolings gab.

In Deutschland ist das Thema allerdings nach wie vor tabu. Alle im Bundestag vertretenen Parteien halten an der Schulpflicht fest. Die einzige Partei, die zumindest im Landtagswahlkampf von Sachsen-Anhalt 2016 die Forderung nach einer Bildungspflicht bei gleichzeitiger Entmonopolisierung des Schulwesens gefordert hatte – die AfD –, entfernte schon 2021 diese Forderung wieder aus dem Programm.

VBE: Nachhilfe-Anbieter nur „Profiteure der Unterfinanzierung staatlicher Schulen“

Auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) setzt im Post-Corona-Bildungswesen statt auf Wettbewerb auf mehr Staat. Bereits im Vorjahr kritisierte der Verband, dass der Bund im Zuge des Aufholprogramms zwei Milliarden Euro an die Länder ausgegeben hatte, die explizit auch zur Finanzierung privater Nachhilfe bestimmt waren.

„Anstatt nachhaltige Perspektiven aufzumachen und förderndes Personal in die Schule einzubinden, werden insbesondere außerunterrichtliche Fördermöglichkeiten bezahlt“, klagt der Bundesvorsitzende Udo Beckmann. Der private Nachhilfesektor profitiere so „erneut von der dauerhaften Unterfinanzierung des Bildungssystems vergangener Jahre“.

Bildungsforscher: „Lockdown hat Leistungen nicht beeinträchtigt“

Unterdessen äußern Spezialisten Zweifel an der These, wonach häuslicher Unterricht ineffizienter wäre als jener vor Ort an einer Schule.

In einem Gespräch mit den „Oberösterreichischen Nachrichten“ erklärte bereits im Mai Christoph Helm, Bildungsforscher an der Johannes Kepler Universität (JKU) in Linz an der Donau, dass es den Schülerinnen und Schülern besser gelungen sei, während des Lockdowns ihre Zeit für Hausaufgaben und Lernstoff zu nutzen als erwartet.

Erste Leistungsstudien sprechen Helm zufolge von stabilen Lernergebnissen. Die befürchteten stark negativen Effekte auf den Lernerfolg seien ausgeblieben.

Das Phänomen, so Helm, lasse den Schluss zu, dass „die tatsächliche Lernzeit in der Schule nicht so hoch ist wie angenommen“. Soziale Beziehungen, soziales Lernen, die Notwendigkeit, einer Vielzahl an Schülern den gleichen Stoff in begrenzter Zeit zu erklären sowie administrative Belange gingen auf Kosten der reinen Lernzeit, so Helm.

Dass der Corona-Lockdown die Schüler seelisch stark belastet habe, bestreitet Helm nicht, das Fehlen sozialer Kontakte habe definitiv nachteilige Auswirkungen auf die Psyche gehabt. Allerdings habe dies nicht zwingend einen Effekt auf die Lernleistungen selbst. Im Umkehrschluss werfen Helms Beobachtungen allerdings die Frage auf, ob Hausunterricht, solange außerhalb der Lernzeit ausreichend Zeit für soziale Aktivitäten eingeplant wird, nicht mindestens so effizient sein könne wie jener an einer regulären Schule.



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